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Brompton-Wettkampf in Bremen: Mit Schlips gegen den Wind

Foto: Jörg Maltzan

Brompton-Faltrad-Wettkampf in Bremen Super geklappt

Beim Start kommt es auf das schnelle Auffalten des Brompton an. Dann heißt es: treten, treten, treten - und das mit Schlips, Jackett und Gegenwind. In Bremen fand die erste deutsche Meisterschaft für die britischen Kult-Falträder statt.
Von Jörg Maltzan

Ratlos guckt Ina durch ihre große Brille. "Kannst du mir meine Krawatte binden?", fragt sie und hält mir den Binder unter die Nase. Sehe ich so aus, als trage ich jeden Tag einen Schlips? Tue ich nicht. Meiner hängt fertig geknotet seit der letzten Hochzeit im Schrank. So kann ich Inas Hilferuf nur mit einem Achselzucken beantworten: "Dafür gibt es Bessere als mich."

Sogar jede Menge. Auf dem Wartburgplatz im Bremer Ortsteil Walle tragen heute alle Schlips. Dazu ein Jackett und kurze Hosen, gerne auch noch karierte Kniestrümpfe. So wie Ina, die inzwischen bei einem Gentleman gelandet ist, der ihr einen perfekten Windsorknoten in die Krawatte fummelt. Hier soll ein Radrennen sein? Wirkt eher wie eine Karnevalssitzung.

Doch das britische Outfit ist Startbedingung bei den deutschen Brompton National Championships (BNC), die erstmalig in Bremen ausgetragen werden. Nicht nur in England hat das Falt-Fahrrad Kultstatus, sondern rund um den Globus werden mit dem ulkigen Gefährt Wettrennen ausgetragen.

Die Brompton-Weltmeisterschaften fanden im Juli natürlich in der Heimat des Rades statt. Im südenglischen Goodwood kämpften die besten Faltradfahrer der Welt um Sieg und Ehre. Nun hat der Brompton-Trend auch Deutschland erreicht. Auf Initative des deutschen Importeurs kamen gut 200 Brompton-Fahrer an die Weser.

Brompton-Fans sind eher mobile Akademiker

Auch mein Name steht auf der Starterliste, ich bin blutiger Brompton-Neuling. Und nervös. Nur noch wenige Minuten, bis es losgeht. Selbstverständlich ist auch der Start anders als bei anderen Radwettbewerben. Die Wettkampfgeräte sind noch komplett zusammengefaltet. Auf Kommando heißt es dann: rennen, falten, fahren. Die Profis klappen ihr Brompton in sieben Sekunden auf und düsen auf die Strecke. Ich brauche dreimal so lange - mindestens. Verdammt, auch Ina ist schon weg.

Vor zwei Jahren ist sie dem Brompton-Virus verfallen. Auf einer Messe ist die Düsseldorferin das Rad Probe gefahren. Jetzt will sie es gegen kein anderes mehr tauschen. "Es ist super, weil ich es überall mit hinnehmen kann", sagt Ina. Mit ihrem 34 Jahren gehört sie zu den jüngeren Brompton-Fans.

Klar, mit Preisen ab 1100 Euro sind die Räder eher unter reiferen Besitzern zu finden. Meistens sind es Akademiker mit einem überdurchschnittlich mobilen Lebensstil, die sich für die britische Velo-Ikone begeistern. So wie Mark aus Stuttgart. Der 50-jährige Chemiker pendelt täglich mit dem Zug von Stuttgart nach Mainz. Den Weg zwischen den Bahnhöfen an Start und Ziel legt er mit seinem Brompton zurück. Vorher hatte er ein anderes Faltrad. "Aber das hielt der Dauerbelastung nicht stand", erklärt Mark.

Auch er hat mich am Start beim Wettfalten geschlagen. Aber was soll's? Statt übertrieben sportlichem Ehrgeiz gilt bei den BNC "Style over Speed". Very bitish eben: sehen und gesehen werden. Und alles mit einer Portion Humor. Dieses Rad befördert nicht nur seine Fahrer, sondern auch einen speziellen Lebensstil. Der Sieger gewinnt ein nagelneues Brompton, doch eigentlich geht ums Erlebnis.

Der Wind zerrt am Jackett

Dass Brompton-Räder für den Transport in ICE und Bussen ideal sind, spricht sich zunehmend herum. In vielen Unternehmen parkt inzwischen ein Brompton in den Managerbüros statt eines Mercedes in der Tiefgarage. Tendenz steigend. Vorreiter für den Faltradtrend ist eine urbane Avantgarde, die statt mit dem Auto lieber umweltfreundlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. In die Hamburger Greenpeace-Zentrale zum Beispiel strömen Brompton-Fahrer an manchen Tagen gleich dutzendweise.

Überzeugendes Argument für das Kultrad ist der geniale Faltmechanismus sowie das extrem kompakte Gepäckmaß. Trotzdem hat das winzige Velo ordentliche Fahreigenschaften, eine gut abgestufte Gangschaltung und ist damit auch für längere Strecken brauchbar.

Die 13,5 Kilometer lange Rennstrecke in Bremen wird dennoch anstrengend. Grund: der Wind. Er bläst stellenweise kräftig von vorn und zerrt an meinem Jacket. Es gibt bessere Radklamotten, aber wenige, die britischer sind. Nach sechs Kilometern steigt die Straße kräftig an. Runterschalten und treten, treten, treten.

Zum Glück habe ich drei Gänge. Denke ich. Dabei sind es sechs. Anfängerfehler! Das erzählt mir im Ziel ein Mitstreiter, nach dem wir uns über die Schlüsselstellen des Rennens austauschten. "Drei Gänge reichen mir", versuche ich meine Unwissenheit zu vertuschen. Der Typ lächelt und glaubt mir kein Wort. Schweiß tropft auf meine Krawatte. Vielleicht hätte ich doch alle Gänge nutzen sollen - nicht nur die der Nabenschaltung. Den linken Schalter für das Wechseln der Ritzel habe ich glatt übersehen.

Neben rein praktischen Vorteilen schwingt bei vielen Brompton-Fans auch eine Vorliebe für den britischen Lifestyle mit. Karierte Mützen, ein Helm im Union-Jack-Design, Brooks-Sattel und braune Ledergriffe sind geschätzte Accessoires der "Bromptonauten", wie sich die Faltradfans selber gerne nennen.

Dass sie ihre deutschen Meisterschaften nicht bierernst nehmen, macht sie sympathisch. So outet sich der Schnellste in der Ü-60-Kategorie auf dem Siegerpodest als 59-Jähriger. Die Menge klatscht; Zweiter und Dritter gratulieren. Man sieht sich wieder. Bei den zweiten BNC im nächsten Jahr.

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