Deutschland-Radtour "Wie ist das Land, in dem unser Kind aufwachsen soll?"

Der Nachwuchs ist da! Ist jetzt Schluss mit Reisen? Von wegen, sagten sich Fotograf Bruno Maul und seine Freundin. Mit Baby und Rad durchquerten sie Deutschland monatelang - die Nächte verbrachten sie unter Zeltplane und Sternenhimmel.

Bruno Maul

Ein Interview von


Zur Person
  • Bruno Maul
    Bruno Maul, geboren 1975 in Immenstadt im Allgäu, begann seine fotografischen Streifzüge 1999 auf dem Fahrrad von Deutschland nach Portugal. 2003 reiste er durch Südamerika, von 2007 bis 2008 radelte er mit seiner Freundin Manuela Wetzel vom Allgäu nach Ägypten. 2011 startete er seine Deutschland-Radtour in zwei Etappen. Auch Tochter Frida war dabei.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Ihrer Familie zweimal der Länge nach durch Deutschland geradelt - vom Allgäu bis zur Nordsee und zurück. Haben Sie die Route GPS-genau durchgeplant?

Maul: Wir hatten nur eine uralte Straßenkarte dabei, auf der die größeren Ortschaften verzeichnet waren, die Bundesstraßen und Autobahnen. Sonst nichts, nicht mal ein Smartphone. Wir sind oft querfeldein gefahren, an Wiesen und Äckern vorbei oder an Flüssen entlang.

SPIEGEL ONLINE: Verirrt man sich so nicht?

Maul: Mithilfe der Sonne konnten wir grob die Himmelsrichtung anpeilen. Immer nach Norden, Richtung Flensburg. Dabei sind wir natürlich viele Umwege gefahren. Letztendlich haben wir doppelt so viel Strecke zurückgelegt wie auf direktem Weg mit dem Auto. Vom Allgäu bis an die dänische Grenze waren es knapp 2500 Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tochter Frida war zu Reisebeginn sieben Monate alt. Musste da alles mit: Kuschelhase, Gutenachtbücher, aufklappbarer Wickeltisch?

Maul: Ein kleiner Schutzengel von ihrer Oma hing an ihrem Wagen. Ansonsten brauchte sie nicht viel: ein paar Windeln und drei Babygarnituren zum Wechseln. Logistisch war ich mit meiner Kameraausrüstung schon eher das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Sperrgepäck auf zwei Rädern?

Maul: Definitiv! Bepackt wog mein altes Stahl-Mountainbike ohne mich und Frida 100 Kilogramm, allein die Technik fiel mit 20 Kilo ins Gewicht: Lampen- und Kamerastativ, drei Blitze, zwei Kameras, sechs Objektive, ein Tonaufnahmegerät, externe Mikros, externe Lithium-Akkus als Reserve und mein Laptop.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Geburt Ihrer Tochter Sie dazu inspiriert, die Heimat zu erkunden?

Maul: In gewisser Weise schon. Als unsere Tochter da war, sagten viele Bekannte, jetzt sei wohl Schluss mit dem Reisen. Von wegen! Wir wollten wissen: Wie ist eigentlich das Land, in dem das Kind aufwachsen soll? Können wir das nicht zusammen entdecken? Hinter der Reise stand aber auch eine andere Idee: Wir wollten einfach mal in Deutschland an eine Tür klopfen und um Hilfe fragen. Das haben wir auch beim Reisen durch andere Länder getan.

SPIEGEL ONLINE: Wie schneiden die Deutschen im internationalen Gastfreundlichkeitsvergleich ab?

Maul: Gut - allerdings sind sie extrem zögerlich. Hier ist es nicht üblich, dass jemand an der Tür klingelt. Da steht plötzlich ein Langhaariger mit Dreadlocks und fragt nach Leitungswasser zum Kochen. Viele waren zunächst erschrocken oder völlig überfordert. Die Deutschen sind ein sehr ängstliches Volk. Letztlich sind jedoch die meisten hilfsbereit.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie keiner reingelassen?

Maul: Doch, eine ältere Dame in Mecklenburg-Vorpommern. Sie stand vor einer Kirche und meinte in der dritten Person zu mir: "Was macht er hier? Kirchen anschauen oder Bomben legen?" Sie hat uns dann in ihr Haus hereingebeten, und wir hatten ein paar nette gemeinsame Stunden.

SPIEGEL ONLINE: In dem Buch über Ihre Reise haben Sehenswürdigkeiten keinen Platz. Warum nicht?

Maul: Das Heidelberger Schloss interessierte mich auf dieser Reise einfach nicht. Ich wollte dokumentieren, welche Themen die Deutschen bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Begegnung hat Sie besonders berührt?

Maul: Die Geschichte vom letzten Fischer an der Ems. Er erzählte uns von den vielen Fischereien, die es früher hier gab. Doch seit dem Bau der Meyer Werft sei der Fluss zwischen Papenburg und der Nordsee tot. Er sagte, im Kampf gegen die Werft habe er sein ganzes Hab und Gut aufs Spiel gesetzt. Seinen Kollegen seien große Kutter in der Nordsee angeboten worden, einer nach dem anderen habe sich kaufen lassen. Am Schluss stand er ganz allein da.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einer David-gegen-Goliath-Geschichte.

Maul: Genau. Heute ist er im Ruhestand und legt nur noch ein paar Reusen für die Aale aus. Sie sind ziemlich unempfindlich, was Schlick und Sauerstoffmangel angeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Luxus der Langsamkeit. Entschleunigt so eine gemächliche Radtour?

Maul: Ja, dabei werden alle Sinne geschult. Man hat nicht viel zu tun, außer dem Wind zu lauschen, das Geschehen am Wegesrand zu bestaunen oder den Duft der Kräuter zu riechen.

SPIEGEL ONLINE: Denkt man nach so einer langen Reise eigentlich: Zu Hause, im Allgäu, ist es doch am schönsten?

Maul: Klar, die Landschaft ist malerisch und grün, überall fließt ein sauberes Bächlein. Persönlich habe ich meine Heimat aber ziemlich satt, auch die schroffen Berge, die den Horizont einengen. Ich mag das Westallgäu in Richtung Bodensee. Der Blick geht in die Weite, das Leben plätschert scheinbar unspektakulär dahin.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben meistens wild gezeltet. Führte das nie zu Problemen?

Maul: Wer sich an ein paar Regeln hält, bekommt keinen Ärger. Ich habe als Kind von meinem Vater gelernt, dass man nie Müll hinterlässt. Wenn wir ein Feuer machen, stechen wir einen Teil der Grasnarbe aus und legen es danach wieder darüber. Für die Notdurft haben wir immer einen Klappspaten oder eine Mülltüte dabei. Wo es ging, haben wir um Erlaubnis zum Zelten gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nie eine heiße Dusche oder ein weiches Bett vermisst?

Maul: In Berlin haben wir eine Woche lang bei einer Freundin gewohnt und uns wie Könige gefühlt. Im Kühlschrank war Milch, in einem Straßencafé haben wir kühles Bier getrunken - das war wunderbar! Frida hat sich allerdings gar nicht wohlgefühlt. Sie hatte sich an die niedrigen Decken im Zelt gewöhnt.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
leseoma 04.08.2015
1. Ihre Idee finde ich sehr gut.
Vor 60 oder 70 Jahren hätten Sie bessere Erfahrungen gemacht. Damals hätte Sie auf dem Land jeder hereingebeten und Ihre Kleine verwöhnt. Aber nach vielen schlechten Erfahrungen sind die Leute vorsichtig geworden.
fatherted98 04.08.2015
2. Babies und Kleinkinder...
...haben von solchen Reisen rein gar nichts. Das Erleben von kleinen Kindern beschränkt sich auf den Kontakt zu den Eltern und den Spielgefährten....ob die nun in Oberbayern in einem Sandkasten spielen oder an der Ostsee ist den kleinen Kindern sch...egal. Deshalb ist das kein Ausflug für die Kleinen sondern ein Ausflug für die Großen die die Kleinen mitschleppen.
sonnenmilch 04.08.2015
3. und wo
...war das Baby bzw. Kleinkind die ganze Zeit?Im Anhänger?Wieviel Stunden am Stück waren möglich?Wie sah der Ausgleich zum sitzen aus?Wie sah der Reisealltag aus wenn das Kind eine unruhige Nacht hatte oder den ganzen Tag schreit weil es zahnt? Ich hätte mir ein paar Zeilen dazu gewünscht. Das ist doch die eigentliche Herausforderung einer solchen Reise, eine Kindgerechte Reisegestalltung.
schokohase123 04.08.2015
4. Ein Haufen Jammerlappen!
Leider viel zu kurz, der Artikel. An einigen Stellen konnte man beinahe selbst die Kräuter riechen und die Sterne sehen. Muss ein tolles Gefühl sein, eine längere Zeit mit der Familie unterwegs zu sein, und wohl dem, der die richtige Partnerin dafür hat. Zu den ersten drei Kommentatoren kann ich leider nur sagen: Sie tun mir leid. Wie kann man so grundlegend negativ sein? In alles und jedem einen Grund zum Jammern finden? Da erzählt eine Familie von einem der letzten wirklichen Abenteuer, und Sie schlagen einen Bogen zu Steuerlast und Aufstocken. Mir bleibt echt die Spucke weg vor so viel Desillusion. Wenn Sie im Schlusssatz aufgrund Ihrer gefühlten Benachteiligung Verhütung propagieren -und so etwas auch noch ernst meinen- sind Sie nicht mehr zu retten. Schwingen Sie sich mal auf Ihr Rad, und ab in die Natur! Oder reicht das Einkommen aus drei Jobs nicht dafür?
madita-mia 04.08.2015
5. Bewundernswert..
...finde ich dieses Projekt. Allein mit nur 3 Stramplergarnituren auszukommen ist schon eine Leistung - so ein Baby pullert oder kackert sich nicht gerade selten ein, ganz zu schweigen vom fast nach jeder Mahlzeit erfolgenden Spucken. Das Baby/Kleinkind hat sicherlich schon etwas von so einer Reise - es verbringt sehr viel Zeit mit beiden Elternteilen an der frischen Luft und bekommt sehr viele verschiedene Sachen zu sehen - und zwar mit wahrscheinlich die Zeit miteinander in vollen Zügen genießenden Eltern. Und die Eltern haben in nachfolgenden stressigeren Zeiten etwas, woran sie sich sehr gerne erinnern werden. Jeder, der mit seinem Ehepartner überlappend Elternzeit genommen hat, wird dem zustimmen: Davon profitiert die gesamte Familie. Und das in Deutschland zu machen, hat ebenfalls viele Vorteile: Man spart sich teure Reisekosten, hinterläßt keinen fiesen ökologischen Fußabdruck, setzt sich keinen ungewohnten/unbekannten infektiösen oder klimatischen Risiken aus und Sprachbarrieren, die im Krankheitsfall für unnötige Turbulenzen sorgen könnten, gibt es auch nicht. Ganz abgesehen davon, daß es teilweise wirklich sehr schöne deutsche Landschaften gibt.
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