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26. November 2013, 15:34 Uhr

Mein Lieblingswinterziel

Harz, Stille mit Schlag

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Der Harz hat nicht den besten Ruf. Ein Mittelgebirge ohne besonderen Charme soll er sein, ohne steile Skipisten und mondäne Unterkünfte. Alles, was man im Harz machen kann, lautet ein gängiges Vorurteil, ist Wandern und Windbeutel essen und vielleicht noch einen Schluck Schierker Feuerstein trinken, als Gegenmittel für all die Sahne im Magen.

Und wenn schon! Was für andere ein bestenfalls altmodisches Vergnügen ist, ergibt für mich: einen perfekten Wintertag.

Die Zeiten mit besonders viel Schnee sind mir die liebsten. Wenn das Auto in Bad Harzburg gefühlt Anlauf nehmen muss, um dann im Schritttempo ins Gebirge hoch zu schleichen. Wenn sich die Landschaft ringsum unter der weißen Last beugt. Wenn man erst nichts als die eigenen eisknirschenden Schritte hört, sobald man Wagenwärme, Straße und Zivilisation hinter sich gelassen hat.

Es herrscht dann diese seltsame Stille, wie die Natur sie für so lärmgewöhnte Städterohren wie meine bereithält. Manchmal sind ein paar Abdrücke von Pfoten, Hufen, Krallen im sonst makellos glitzernden Weiß zu sehen. Ab und an trotzt ein Bach am Wegesrand plätschernd dem Eis. Ein paar Anorakgestalten wanken vorbei. Einzelne Langläufer zischen über den Schnee. Ein kurzer Gruß, dann wieder nichts. Menschenleere. Nur Wind, der eigene Atem, Tannen und Schneeflocken im Gesicht.

Eine kleine Wanderrunde führt von Königskrug zum "Achtermann", der 925 Meter hohen Achtermannshöhe, eine etwas längere reicht von Schierke auf den Brocken. Ich kenne nicht alle Routen im Harz, aber viele bei allen Wettern, von Wandertagen, Klassenfahrten, Sonntagsausflügen mit der Familie, Wochenendtouren mit Freunden, durch Langlaufski- und Schlittenfahrten. Was zu Schulzeiten für mich fast ein Synonym für Ödnis und Langeweile war, steht heute für das Gegenteil. Jedes Wiedersehen bringt Erinnerungen zurück, und jede Erinnerung macht Lust auf ein Wiedersehen.

Im vergangenen Winter war ich mal wieder da. Es lag viel Schnee im Harz, wir sind gewandert, zum Achtermann und zurück. Durch Stille, durch Menschenleere, an Bächen, Tannen und wenigen Langläufern vorbei. So weit, so üblich. Dann die Idee: ein Windbeutel! In der Erinnerung: köstlich. In Wahrheit: vor allem mächtig - zu mächtig. Selbst für Schierker Feuerstein. Könnte ein Wintertag herrlicher sein?

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