Genossenschaft gegen Gasthaussterben Das Dorf der Wirte

Dorfgasthäuser sterben aus. Die bayerische Gemeinde Altenau trotzt dem Trend und richtete ihr leer stehendes Wirtshaus in Eigeninitiative wieder her. Das Projekt inspiriert Nachahmer im In- und Ausland.

Bayern Tourismus/ Peter von Felbert

Von Martin Cyris


Ein grüner Traktor tuckert über die Dorfstraße von Altenau, auf dem Sitz ein Bauer, der seinen Hut für ein Grüß Gott an die Gäste lupft, die gerade in das Wirtshaus strömen. Vor der Gaststätte nutzen Autos jede noch so erdenkliche Parklücke. Auf einem Heck klebt: "Hopfen und Malz, Gott erhalt's." Auf dass die Grundzutaten des Biers noch möglichst lange erhalten bleiben. Die Wirts- und Gasthäuser, in denen es ausgeschenkt wird, werden bei dem Gebet jedoch vergessen.

Dabei hätten sie es bitter nötig. Immer mehr traditionsreiche Gaststätten machen dicht - Gastronomieverbände sprechen gar von einem Wirtshaussterben. Und ausgerechnet in Bayern, das sich so gerne mit seiner Gaststättenkultur brüstet, sieht die Situation mit am düstersten aus: Seit 2001 sank die Zahl dort um fast ein Viertel. Mit dem Ableben der Schenken geht auch regionale Kultur und Tradition verloren - das Dorfgasthaus als Nachrichtenumschlagplatz, Gerüchteküche, Raum für soziale Kontakte. Alles dahin.

So wie in Altenau, einem 700-Seelen-Dorf im oberbayerischen Pfaffenwinkel. Zehn Jahre lang war die Alte Post in der Dorfmitte verwaist. Die Vereinsheimerei mit eigener Gastronomie hatte den Pächtern den Garaus gemacht. Alle blieben unter sich, die Feuerwehrler, die Sportler, die Musiker, die Trachtler.

"Das Dorf war sich untereinander fremd geworden", sagt Thomas Bader. Das wollten viele Altenauer nicht hinnehmen. "Wir wollten wieder einen Ort haben, an dem sich Jung und Alt treffen und austauschen können", sagt Bader, Schnauzbart, stämmig und mit gesunder Gesichtsfarbe, die er bei der Arbeit als Forstwirt bekommt.

Auch Altenauer Feriengäste machen mit

Mit einigen Mitstreitern stemmte sich der 49-Jährige gegen den schwindenden Gemeinschaftssinn. Ihr Plan: die Wiederbelebung des Dorfgasthauses. Sie gründeten die Genossenschaft "Ein Dorf wird Wirt", warben etwa 180 Teilhaber an und bemühten sich um Zuschüsse aus öffentlichen Töpfen. Immerhin rund 530.000 Euro waren aufzubringen, um das Gebäude aus den Fünfzigern nachhaltig auf Vordermann zu bringen.

1000 Euro kostet die Einlage, die Renditeaussichten sind gering und eher symbolischer Natur: "Freibier gibt's bei unserer jährlichen Teilhaberversammlung", sagt Robert Soukup, ein weiterer Antreiber der ersten Stunde, und lacht. Um Lohn und Profit gehe es nicht, "es ist eine Investition in die Dorfgemeinschaft", so der 53-Jährige. Gesellig wie viele Altenauer, ist der Genossenschaftsbanker Soukup akribisch, wenn es um Zahlen, Fakten und Planungen geht. Sein berufliches Know-how war fürs Projekt unbezahlbar.

So wurden gleich mehrere Träume wahr, denn welcher Gelegenheitszecher ist nicht gerne Teilhaber einer echten Wirtschaft? Und in die Genossenschaft zahlen auch Feriengäste ein. Aus ganz Deutschland kommen die Unterstützer und sogar aus Belgien und Holland. "Wir Urlauber haben in der Zeit ohne Wirtschaft genauso gelitten wie die Bewohner", sagt ein Tourist aus Köln, "aber im neuen Wirtshaus fühlen wir uns sauwohl." Auf den robusten Holzstühlen und Bänken vergisst mancher die Zeit.

Altenauer Dorfwirt
Martin Cyris

Altenauer Dorfwirt

Bis es so weit war, mussten die Altenauer monatelang schuften. 22.000 ehrenamtliche Stunden fielen an. Das Gebäude sollte von Grund auf saniert und Gästezimmer eingerichtet werden. Im Gastraum wurde eine Wand aus Ettalern Ziegeln freigelegt, dezent ausgeleuchtet - ein echter Blickfang.

"An manchen Tagen waren 50 bis 60 Dorfbewohner gleichzeitig auf der Baustelle", sagt Soukup, vom 15-jährigen Schreinerlehrling bis zum 76-jährigen pensionierten Maurer. "Wenn manche gewusst hätten, worauf sie sich da eingelassen haben, hätten sie vielleicht geklemmt", sagt Soukup. "Wir konnten fast alles in Eigenleistung machen."

Vor zwei Jahren war die Wiedereröffnung - der neue Name: Altenauer Dorfwirt. Das dörfliche Gemeinschaftsprojekt hat seitdem einige Nachahmer inspiriert: etwa im Allgäu, am Tegernsee und in Franken. Sogar Delegationen aus dem österreichischen Vorarlberg und Tirol reisten schon an, um sich Tipps bei den Altenauern in Sachen Wirtshauswiederbelebung einzuholen. Die Wirtshausretter erhielten sogar den "Staatspreis" des Bundesumweltministeriums.

Manch Altenauer sieht sich erst nach der Wiedereröffnung in der Pflicht - durch regelmäßige Besuche des Stammtischs. "Ich habe keine einzige Schaufel gehoben", gesteht ein Dorfbewohner, der Sepp genannt werden möchte, "dafür sorge ich jetzt durch Bierkonsum für regelmäßigen Umsatz." Sagt er, zwinkert und prostet seinen Stammtischbrüdern zu.

"Wir hatten uns auseinandergelebt"

"Die Zeit ohne Wirtshaus war traurig, ich hatte es wirklich vermisst", sagt Sepp. Er erinnert sich, wie er als junger Mann in der Flowerpower-Ära mit langen Haaren in die Wirtschaft ging, damit gegen das Establishment rebellierte - und sich nicht an den Stammtisch der alten Bauern setzen durfte. "Da herrschte ein rauer Ton", sagt Sepp, "Wirtshausraufereien waren keine Seltenheit." Längst sind die Haare ab und lichter, das Outfit ist eher bürgerlich.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir hier mal wieder zusammensitzen würden", sagt Sepp. Sein Sitznachbar nickt. "Wir hatten uns auseinandergelebt", sagt Heinrich Holl. Der Landwirt kommt gerade vom Hof, im Blaumann und derber Wolljacke mit dicken Holzknöpfen. Am hölzernen Stammtisch, handgeschreinert und wuchtig wie ein Mühlstein, findet jeder leicht Zugang. Wer kein Bier mag, für den gibt es Latte Macchiato aus dem Kaffeevollautomaten, für die Jüngeren Burger und gepolsterte Barhocker an der langen, braunen Theke.

Der Laden brummt - wovon auch der neue Wirt, Florian Spiegelberger, erzählen kann. Etwa von der lauen Sommernacht kurz nach der Wiedereröffnung, in der es im Biergarten hoch herging. Die Gäste lachten lauthals und stießen ihre Bierkrüge geräuschvoll zusammen. Eine Dorfbewohnerin kam angeradelt und stieß fassungslos hervor: "Ich kann euch bis zu mir herauf hören." Spiegelberger erwartete ein Donnerwetter. Bis sich aufklärte, dass die Frau hocherfreut war über die Wiederbelebung Altenaus.

Thomas Bader (r.) beim Musikerstammtisch
Bayern Tourismus/ Peter von Felbert

Thomas Bader (r.) beim Musikerstammtisch

Dass hier nun wieder die Musik spielt, daran hat Spiegelberger seinen Anteil: durch seine Idee, die alte Tradition der Wirtshausmusik wieder aufleben zu lassen. Einmal im Monat, am ersten Donnerstag, kommen Gäste auch von weiter her zum offenen Musikerstammtisch zusammen - darunter Teenager, die die bayerische Volksmusik an Kontrabass und Harmonika durchaus neu interpretieren. Und auch Thomas Bader, der Mitinitiator des Wirtshauses, nimmt dann vor den holzvertäfelten Wänden Platz und bläst ins Horn. Natürlich in Tracht mit Lederhose und Edelweiß auf dem Filzhut.

Es ist fast wieder alles wie früher im Wirtshaus von Altenau. "Nur eine richtige Rauferei, die hatten wir seitdem nicht wieder", sagt Sepp und lacht.

Martin Cyris ist freier Autor von SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von der Bayern Tourismus Marketing GmbH.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Antaguar 04.11.2016
1. Optional
Eine tolle Idee und unbedingt zur Nachahmung empfohlen. Wer schon mal in einem Dorf gelebt hat, dass nur noch aus Wohnhäusern besteht, weiß wie sehr eine Gastwirtschaft fehlt. Bei uns gab es wenigstens noch die Bänke an der Straße, auf denen sich die Senioren trafen. Aber auch die sterben langsam aus. Am Ende ist so ein Dorf dann auch nichts anderes, als ein Hochhaus in der Stadt. Genauso anonym - nur flacher.
linkes twix 04.11.2016
2. Die Reise wurde unterstützt von der Bayern Tourismus Marketing GmbH.
Ich finde es schon bedenklich wenn hier eine Lobrede auf dieses Dorfgasthaus gehalten wird, besser als jede Werbebroschüre, und das dann gesponsert ist. Das erste genossenschaftlich geführte Restaurant entstand übrigens in einem anderen Dorf, in Bollschweil bei Freiburg. Womöglich haben sich Nachahmer auch an diesem Beispiel orientiert. Wahrscheinlich sogar Altenau.
mborevi 04.11.2016
3. Es ist absolut kein Wunder, ...
... wenn Gasthäuser reihenweise dichtmachen. Wer mag schon für teures Geld Futter aus der Dose oder der Tiefkühldruhe. Wer überleben will muss alles frisch kochen und preisgünstig anbieten. Schickimicki ist dabei auch nicht gefragt, sondern richtig gutes Essen, so wie in den 1950er Jahren. Das läuft auch heute noch. Wie Beispiele zeigen. Aber der Wirt muss halt engagiert und nicht arbeitsscheu sein.
upalatus 04.11.2016
4.
Man liest oft so leicht drüber über diese Themen wie Wirtshaussterben, Metzger-Bäcker....aufgaben.... . Aber das Auflassen ehemals hochfrequentierter, beliebter dörlicher Gasthäuser beschreibt doch sehr schön, wie sich die Menschen in ihrem Kernbereichen verändert haben, geprägt von Für-sich-sein, Kontrollwunsch, kein großes Bedürfnis mehr nach Zusammen. Was schwärmen mir die alten Leut hier bei uns immer vor, was es für einen Trubel gab in diesem oder jenem Wirtshaus, Tanz, Musik, Gesang. Die gingen/fahrradfuhren/auf Treckerladeflächen kilometerweit für das Vergnügen. Es gibt bei uns kaum ein Dorf ohne Wirtshaus/häuser; Die wenigsten werden noch betrieben, der Rest steht als leere Wirtschaftshüllen nur noch dumm rum, stören, fallen zusammen, nehmen Parkplätze weg, oft nur noch eingermaßen durch den Denkmalschutz vor dem Abbruch gerettet. Gerettet zum Sichtum. Jüngst in meinem Heimatdorf wurde ein wunderbarer sehr alter Gastwirtschaftsbau niedergebügelt, mitten im Dorfkern (der als solcher in 20 Jahren nicht mehr fühlbar sein wird) und mitsamt der Metzgerei. Ein paar waren dagegen, den meisten wars egal (man hat ja Auto fürs Insferneschweifen, TV und Aldi am Weg) und keinesfalls fand sich wer, der sich die Arbeit mit Haus und Metzgerei antun wollte. Nun steht ein Investment-Gesichtslosklotzbau dort. Den Leut verlangst doch immer nach Athmospäre, Authenzitität, "uuurig", und baden sich dennoch genüsslich im schauuuurigen Bad der sagrotanhaltigen Substanzlosigkeit,,,
gogan 04.11.2016
5. Entschärft..
das bayerische "Nichtraucherschutzgesetz" und Alles wird gut. Die alten, leerstehenden Gasthäuser neu zu beleben ist eine gute Idee, scheidert aber oftmals an Bevormundungsgesetzen bzw. der Regelungswut unserer Behörden, die da u.a. wären Brandschutzverordnung, Hygieneverordnung, Bauvorschriften usw. usw. Nicht, dass gewisse Regelungen keinen Sinn machen würden, nur darf man den gesunden Menschenverstand nicht aussen Acht lassen. Es muss nicht Alles bis ins Kleinste geregelt sein, dass man garnichtmehr denken braucht.
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