Regenfest, selbst wenn es aus Eimern schüttet: Buchautor Christian Sauer
Regenfest, selbst wenn es aus Eimern schüttet: Buchautor Christian Sauer
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Max Arens / DER SPIEGEL

Glück unter dunklen Wolken »Regen ist Chaos! Regen ist Poesie!«

Alles so grau und nass da draußen. Grässlich! Oder? Unterwegs mit einem, der den Regen mit ganz anderen Augen sieht.
Von Eva Lehnen

Allein schon dieses Wort: Niederschlagsrisiko. NiederSCHLAG. RISIKO. »So als könnte jeder Tropfen, der einen erwischt, der letzte sein« – halb amüsiert, halb kopfschüttelnd steht Christian Sauer mit gezücktem Handy auf einer Brücke am Rande eines Naturschutzgebiets im Südosten Hamburgs und schaut auf die Daten der Wetterapp. Vier Grad, null Sonnenstunden, 15 km/h Windgeschwindigkeit, die Regenwahrscheinlichkeit liegt bei 40 Prozent.

Sauer hätte nichts dagegen, wenn wir während unseres Spaziergangs in den Regen kämen, im Gegenteil. Der 58-Jährige findet, dass es gerade dann viel zu entdecken gibt. Zwei Jahre hat der Autor und Coach  intensiv dem Regen hinterherrecherchiert. Über dessen Schillern und Leuchten, seine Kunst, die Menschen aufzuregen, zu erfrischen, sie zu berühren und auch zu beruhigen, seine Flüchtigkeit, das Zufällige und Leichte des Regens hat er eine 153 Seiten lange Liebeserklärung geschrieben. Und ein Plädoyer, eben nicht den üblichen Reflexen zu folgen: Regen gleich schlechtes Wetter gleich schlechte Laune.

Endlich mal ein Fürsprecher der Nässe! Von so jemandem möchte ich gern lernen. Ich selbst bin Regen nämlich alles andere als zugetan. Was ein Problem ist, denn ich lebe in einer der regenreichsten Städte Deutschlands  (auch gerade, während ich diese Zeilen schreibe, vor dem Fenster: Regen, Regen, Regen).

Obschon ich mich im Laufe meiner Hamburger Jahre selbstverständlich äußerlich gut gegen alles, was einem hier so ins Gesicht nieselt oder in den Kragen trieft, gerüstet habe – ich besitze eine Regenhose, eine Regenjacke, zwei Regenschirme, eine Regenhülle für den Rucksack, einen wasserdichten Bezug für den Fahrradhelm und Überziehschuhe fürs Rad: Innerlich fehlt mir das Zeug zu einer echt Wetterfesten.

»Regen ist nicht fassbar, gerade deshalb verändert er unseren Blick auf die Welt und uns selbst.«

Aus: »Regen – Eine Liebeserklärung an das Wetter wie es ist«

Der Regen der vergangenen Tage hat den Weg aufgeweicht, den Christian Sauer entlang der Dove-Elbe in den Vier- und Marschlanden einschlägt. Unter unseren Schuhsohlen schmatzt der Matsch, zu unserer Rechten schwappt der Fluss ins Schilf.

Ein paar Kormorane stecken ihre Köpfe ins Wasser. Eine Frau mit Hund kommt uns entgegen, ansonsten ist Sauers Lieblingsroute menschenleer. Was sicherlich am Werktag liegt, aber vermutlich auch daran, dass viele Menschen so denken wie ich: Alles so grau da draußen! Pffff!

Sauer hingegen ist überzeugt: Am Ende unseres Spaziergangs werden wir trocken ins Auto steigen. Selbst, wenn es ein wenig regnen würde, »der Wind trocknet die Klamotten doch schnell«. Regen, findet Sauer, lässt einen nur verzagen, wenn man ihn vom Frühstückstisch aus die Fensterscheibe herunterrinnen sieht, wenn man im Auto sitzt und er gegen die Windschutzscheibe prasselt.

Was müsste auf dem Display stehen, damit auch er lieber drinnen bleibt? »Bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 90 Prozent und drei Regentropfen auf dem Wolken-Icon würde ich mich fragen, ob rausgehen jetzt wirklich das Richtige ist.« Starkregen und Sturm – ansonsten gibt es wenige Wetter, die Sauer von seinen Spaziergängen abhalten: »Ich nehme das Wetter einfach so, wie es ist.« Er läuft allein oder mit seiner Frau, ein- bis zweimal in der Woche trifft er sich abends mit einem Freund.

»Nichts gegen seriöse Wetterapps, nichts dagegen, sich mit ihrer Hilfe über die Wetterlage zu orientieren und sich vor Unwettern warnen zu lassen. Wer aber beginnt, sein Verhalten immerzu an der App auszurichten, begibt sich in schlechte Gesellschaft. Wetterapps haben einen eingebauten Hang zur Dramatisierung. Ich glaube sogar, sie verhindern eine entspannte Beziehung zum Wetter«, findet Sauer und hat einen Vorschlag für einen Warnhinweis: »Diese App kann ihr natürliches Gefühl für das Wetter beeinträchtigen und eine unvoreingenommene Naturbegegnung erschweren.«

Christian Sauer: »Wetterapps haben einen eingebauten Hang zur Dramatisierung«

Christian Sauer: »Wetterapps haben einen eingebauten Hang zur Dramatisierung«

Foto: Max Arens / DER SPIEGEL

Ich fühle mich ertappt. Wie oft schon habe ich Ausflugspläne aufgrund der Wettervorhersage umgeworfen! In meinem Handy finden sich so einige Chatverläufe mit Screenshots von Wettervorhersagen: Sollen wir wirklich morgen los? Das Wetter sieht am Sonntag besser aus. – Ah, Moment, jetzt hat sich die Vorhersage noch mal geändert. – Sorry, ich noch mal, vielleicht bleiben wir doch beim Ursprungsplan?

Auch dann, wenn es eigentlich kein Zurück mehr gibt, weil ich schon längst in der Anfahrt bin, checke ich sicherheitshalber noch mal den Regenradar. Mich nervt das ja selbst – aber lassen kann ich es auch nicht.

Ich beneide kleine Kinder, die an Schietwetter-Tagen johlend durch Schauer rennen, in Pfützen springen und Regentropfen mit der Zunge auffangen. Wenn solch freudiger Umgang mit Regen doch offenbar die Werkseinstellung des Menschen ist, wann, frage ich mich, habe ich eigentlich damit begonnen, dunklen Wolken mit einem Fluchtreflex zu begegnen statt mit Neugierde? Über meinen Erwachsenenjahren liegt vermutlich das, was Sauer den »Grauschleier unserer kulturellen Prägung« nennt, der die Reize des Regens verbirgt.

Haus oder raus – das ist keine Frage

Haus oder raus – das ist keine Frage

Foto: Max Arens / DER SPIEGEL

Sauer zeigt auf die feuchte Wiese zu unserer Linken und fordert mich auf, hinzuschauen, die verschiedenen Grüntöne wahrzunehmen und das leuchtende Rostbraun blätterloser Büsche, denen der Regen der Nacht Glanz und Kontur verliehen hat. Von Sauer lerne ich den klingenden Namen des Dufts, der entsteht, wenn nach längerer Trockenheit Regen auf die Erde fällt: Petrichor. Warum nur schauen wir so selten genauer hin, wenn Regen aus den Wolken fällt und etwa eine Wasserfläche zum Schwingen bringt? Im Gehen stellt Sauer fest, dass sich in unserer Alltagssprache fast nur negative Gefühle mit dem Wort Regen verbinden. Wo bleiben die »Regenlust« oder das »Regenglück«? Einmal hat Sauer am Computer »Regeneuphorie« in die Suchmaschine eingegeben, erzählt er. Das Ergebnis: Das Wort existiert nicht.

Sauer bewundert den britischen nature writer Robert Macfarlane und dessen Ringen, immerzu nach der passenden Sprache zu suchen, um Natur zu beschreiben: »Macfarlane fragt: Wie kommen wir von einer Sprache weg, die den Menschen als das eine und die von uns beherrschte Natur als das andere beschreibt? Wie sprechen wir über Tiere, Pflanzen, Gesteine, Landschaften, über das Klima, als wären wir ein Teil davon und all das andere Teil von uns?« Folgt man diesem Gedanken, findet Sauer, dann wäre Regen nicht bloß ein Etwas, das uns nassmacht, sondern wir wären mit ihm verbunden – so wie Geschwister unauflöslich verbunden und zugleich getrennt sind.

Ich staune, als er mir erklärt, dass Regentropfen anders aussehen, als die meisten von uns sie sich vorstellen. Sie sind eben nicht unten rund und oben spitz – solche Tropfen lösen sich vom Wasserhahn. Aus den Wolken fällt Wasser in Kugelform. Größere Tropfen verformen sich durch den Luftwiderstand. Sie werden breiter und unten flach. Manche sehen ein wenig aus wie die Haube eines Champignons. Der größte je vermessene Regentropfen war sechs Millimeter groß.

Auch wenn die hellen, warmen Sonnentage jetzt noch unendlich weit weg erscheinen, will ich von Sauer – bevor wir uns am Ende unserer Runde an der Brücke voneinander verabschieden – wissen, wie eigentlich sein Verhältnis zur Sonne ist. »Natürlich mag ich auch die Sonne, aber wirklich mit der Landschaft verbunden fühle ich mich im Regen. Sonne ist das Leichte, spannend wird es bei Regen und Wind. Ich gebe zu, dass es womöglich eher etwas für echte Aficionados ist, an einem kalten Wintertag im Regen rauszugehen«, sagt der Niederschlagsexperte. »Wer aber im März oder April nicht merkt, wie wunderbar Regen ist, der steht auf der Leitung.«