Herbstwald im Oderbruch: Spannender als ein All-inclusive-Paket
Herbstwald im Oderbruch: Spannender als ein All-inclusive-Paket
Foto: Hohlfeld/ imago images

Essay Trip nach Porto? Neues iPhone? Was brauche ich wirklich?

Einerseits sollen wir nicht fliegen, andererseits aber werten wir das konsumlose Erlebnis vor der eigenen Haustür ab. Björn Kern über das Politische am Rausgehen - und wie ein nächtlicher Waldspaziergang Maßstäbe zurechtrückt.

Ich höre die Tiere, sehe sie aber nicht in der Nacht. Geschäftiges Äsen und Schnaufen. Nur langsam deute ich die Schemen vor mir im Dunkeln. Ein Rudel Wildschweine. Das Erste schreckt auf, sieht in meine Richtung. Mein Puls beschleunigt. Und ich genieße doch jeden einzelnen Herzschlag als Beweis, dass ich tatsächlich am Leben bin. Ein Moment, der süchtig macht.

Rauskommen sei das Vertauschen von Orten, dachte ich lange. Man zahlt viel Geld und fliegt weit weg. Und an einem Samstagnachmittag ist es tatsächlich schwierig, im märkischen Wald für sich zu sein, wo bald jeder Weg von Spaziergängern bewandert ist. Doch um wegzukommen, muss ich deswegen nicht ins Flugzeug steigen. Es genügt, denselben Wald zu einer anderen Tageszeit aufzusuchen.

Zum Beispiel nachts, zur Wildschweinzeit.

Foto: Suskia

Björn Kern, 1978 in Lörrach geboren, ist Schriftsteller und lebt mit seiner Familie in Berlin und im Oderbruch in Brandenburg. Zuletzt erschien "Im Freien - Abenteuer vor der Tür" bei Fischer.

Derzeit laufen ja zwei völlig gegensätzliche Diskurse heiß. Einerseits sollen wir nicht fliegen, weniger verbrauchen, weniger fortwerfen. Andererseits aber werten wir das leise, konsumlose Erlebnis vor der eigenen Haustür ab: Rückzug! Idylle! Biedermeier!

Wenn von Baggersee, Feldweg und Waldrand die Rede ist, denken wir nicht an kerosinfreie Erlebnisse, die nachhalten, sondern assoziieren Worte wie dumpf oder abgehängt. Aufs Land flieht, wem es zu komplex geworden ist, heißt es. Wer nicht mehr mithält mit Digitalisierung, Pluralisierung, Globalisierung. Die Stadt dagegen gilt als Raum, in dem Veränderung stattfindet. In dem öffentliches Handeln möglich ist.

Draußensein hilft, die Maßstäbe wieder zurechtzurücken

Vielleicht aber war das Aussteigen und Rausgehen, das Rausnehmen aus allen Zusammenhängen nie politischer als heute. Im Freien, abseits von Ausbildungsnorm und Jobkonkurrenz, jenseits von Urlaubskonvention und Konsumstimulation kann ich leben, ohne zu zerstören. Sobald ich drinnen bin, auf dem Weg zur Arbeit, am Rechner, im Internet, vernichte ich wieder: frische Luft und Ressourcen, Bodenschätze und Geld.

Im Wald sehe, höre, spüre ich lediglich. Kiefernstämme, Waldboden, nächtliche Feuchtigkeit. Ich habe den Dieselmotor nicht erfunden und nicht Donald Trump. Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Wenn ich draußen bin, nachts im märkischen Wald, darf ich einfach da sein. Ohne Begründung, ohne Zielsetzung, ohne Entschuldigung.

Draußensein als Eskapismus? Nach mir die Sintflut? Macht ihr mal allein weiter, in der Stadt, ich zieh aufs Land?

Mitnichten. Nichts davon trifft.

Das Draußensein, das mir nachts im Wald begegnet, ist nicht gleichgültig, nicht solipsistisch. Im Gegenteil. Wenn ich da draußen bin, dann ist das in höchstem Maße verantwortlich, dann setzt das meine alltäglichen Verhaltensmuster wieder auf null. Hilft mir, die Maßstäbe wieder zurechtzurücken. Trip nach Porto? Hose aus Bangladesch? Neues iPhone? Was davon brauche ich wirklich? Und was ist nur zufällig gerade allenthalben präsent?

Früher zwar zog ins Zentrum, wer etwas verändern wollte. Heute aber, in Zeiten von autonomen Höfen, Solidarischen Landwirtschaften und Minimal Housing zieht es denjenigen, der die Grundfeste unserer Ordnung wirklich verändern möchte, vielleicht gerade in die Peripherie. Ins Freie.

Jahrhundertelang haben wir geglaubt, der Sinn des Lebens sei, sich in die Geschichte einzuschreiben, Kultur zu hinterlassen oder zumindest ein Kind. Größte Aufgabe heute scheint dagegen zu sein, als Siebenmilliardstel ohne allzu dreckige Folgeschäden aus dem Irrsinn herauszugehen.

Glück braucht eine antwortende Welt

Im Wald kommen die Wildschweine nicht näher, weichen aber auch nicht zurück. Die anfängliche Angst hat ihre Macht über mich verloren, lässt mich gelassen zurück. Ich gehe weiter. Wenige Armlängen an einem der Tiere vorbei, das von mir fortrüsselt, ein leises Grunzen ausstößt, weiter nach den Schuppen der Kiefernzapfen wühlt. Ich taste mich die nadeligen Ausläufer der Kiefern entlang. Hinter mir ein letztes Schnauben der Wildschweinrotte. Dann wird es still.

Wenn Beschleunigung das Problem ist, ist Resonanz vielleicht die Lösung, sagt der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Und meint damit, dass es einer persönlichen Beziehung zur Welt bedarf, um Glück zu empfinden. Das schiere Ausstatten mit Ressourcen reiche dazu nicht aus.

Der Massenkonsum war das Heilsversprechen der nivellierten Mittelstandsgesellschaft und später einer globalisierten Klasse von Käufern. Was wirklich fehle zum Glück, so Rosa, sei eine antwortende Welt. Resonanzerfahrungen macht der Mensch beim Essen, beim Lachen, beim Lieben.

Oder aber auch im märkischen Wald. Das ist nicht nur Theorie, ich spüre sie ganz real, diese Schwingungen zwischen mir und der Dunkelheit. Wenn man so will, antwortet der Wald mir. Die Beobachtung wird zur Erfahrung, zum Erlebnis. Und ich ahne, wie wenig ich benötige, um diese Lücke zu schließen, die sich zwischen mir und der Welt auftut. Wie einfach es ist, mich wieder zu spüren.

Weltdurchdringer wie der Wachstumskritiker Niko Paech wenden es so: nachhaltige Flugreisen, nachhaltige Gasanbieter - das gibt es nicht. Alles, was es gibt, sind nachhaltige Lebensstile. Lesen statt Netflix. Gärtnern statt Gomera. Klingt spießig, blutleer und langweilig? Aber warum? Es geht ja nicht um Verzicht, sondern um Befreiung, wie es bei Ökonom Paech heißt, nämlich vom Überfluss: nicht um pädagogische Trübsal, sondern um Lustgewinn.

Dafür muss ich die Welt, die sich vor meiner Tür befindet, wieder aufwerten. Indem ich so lange hinsehe, bis da nicht nur ein paar langweilige Nadelbäume stehen, sondern wieder das Abenteuer wartet, samt Gänsehautgefühl und existenzieller Begegnung mit dem Wildtier, in der Nacht. Ob diese aufgewertete Draußenwelt dann Heimat heißt oder einfach nur Kiefernwald - das ist mir gleich.

Keine Vorschrift, sondern Einladung

Ich verzichte nicht auf die Flugreise auf die Antillen, um mein Gewissen zu beruhigen. Nein, ich lege alte, konsumverschüttete Sinne und Triebe frei, die mich nach draußen bringen. Körperlichkeit. Angst. Nacktheit. Haptik. Hören und Sehen. Wenn ich das Unmittelbare vor der Haustür neu auflade, es zum Schwingen bringe, dann ist das spannender als ein All-inclusive-Paket.

Ich weiß schon. Einen Lebensstil will sich niemand vorschreiben lassen. Ich auch nicht. Doch ist das hier nicht als Vorschrift, sondern als Einladung gemeint.

Später lasse ich den Wald wieder hinter mir, breche aus der Schonung, hake mir Dornenranken aus dem Saum meines Parkas. Ich gehe quer über das Feld, durch die Nacht. Sie ist mondlos, doch weit. Die vom letzten Regen nasse Scholle wird unter meinen Stiefeln zusammengedrückt, fällt kaum hörbar von der Sohle zurück auf den gegrubbten Acker. Ich höre meinen eigenen Atem, das Reiben der Windjacke über dem Parka, in einer Weidenkrone stößt ein Eulenvogel seine lockenden Buh-Laute aus.

Und wieder habe ich nicht die Welt umrundet, nicht im Einhandsegler und nicht im Heißluftballon, habe ich nicht die Serengeti durchquert, nicht den K2 bestiegen und nicht in den Highlands genächtigt. Ich bin nicht Nachtzug gefahren in Patagonien, in Transsilvanien nicht vor Bären geflohen und nicht vor Bisons im Yosemite. Nicht einmal im Orinoco bin ich gekentert.

Zum Glück.

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