Alpen-Hotelkette Explorer Aktivurlaub im Passivhaus

Gute Betten, Bio-Chic und Konzentration auf das Wesentliche: Mit dieser Kombination will die deutsche Hotelkette Explorer den Alpenraum mit Hotels in Passivhaus-Bauweise pflastern. Als Inspiration diente die Kaffeehauskette Starbucks.

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Von , Nesselwang im Allgäu


Der Wertstoffhof ist nur ein paar Meter weg, ebenso ein grüner Berghang, auf dem die Schafe weiden. Selbst in den Neubau-Straßen in Nesselwang im Allgäu riecht es ein wenig nach Bauernhof. Da passt doch ein Öko-Hotel bestens hin, dachte sich der Tiroler Unternehmer Jürnjakob Reisigl. Er leitet zusammen mit Partnern die Explorer-Hotelkette, die sich der Verbindung aus Bio und Design verschrieben hat.

Vor wenigen Tagen eröffnete er das Explorer Neuschwanstein. Noch arbeiten draußen die Bagger, neben den Autos der ersten Gäste parken Transporter-Vans von Elektriker, Spülmaschinen-Lieferant und Metallbauer.

Der Name Neuschwanstein ist ein bisschen gewagt, immerhin muss man bis zum Märchenschloss fast 30 Kilometer fahren. Das erinnert an Ryanair-Blendwerk, wo die Flughäfen Frankfurt-Hahn oder Hamburg-Lübeck heißen. Aber es zieht offenbar, eine lebhafte 42-köpfige chinesische Busreisegruppe hat sich auf ihrer Europa-Expresstour schon einquartiert.

Voll im Trend

Nachhaltige Hotels passen zum Zeitgeist wie Bio-Bananen, grüner Strom und Hybridautos. Konzepte gibt es zuhauf: die Stadthalle in Wien, die mit Nullenergie-Bilanz punkten kann, die Monte-Rosa-Hütte in den Schweizer Alpen, die 90 Prozent des benötigten Stroms durch Photovoltaikanlagen erzeugt, oder das gerade am Gardasee eröffnete Passivhaus-Hotel Bonapace.

Viel Aufmerksamkeit garantieren Öko-Gimmicks wie ein Hotel-Fitnessstudio, wo die Gäste Strom erzeugen (Crowne Plaza Kopenhagen) oder Windturbinen auf dem Dach eines Skihotels (Studie "North Slope Ski Hotel").

Explorer ist nun die erste Hotelkette, die ausschließlich Passivhäuser baut. Dabei soll durch beste Isolation und ein ausgefuchstes Luft-Zirkulationsprinzip keine zusätzliche Heizung notwendig sein, selbst im Winter. Photovoltaikanlagen auf dem Dach versorgen die Gebäude mit einem Großteil des nötigen Stroms. Zwar sind die Baukosten höher, doch anschließend spart man jedes Jahr erheblich bei den Energiekosten.

Ein Passivhaus sei ein bisschen wie eine Thermoskanne, sagt Hotelmanager Reisigl: Was man reinschüttet, hält lange seine Temperatur. "Hundert Leute sind dann hundert Heizungen à 37 Grad", sagt der 52-Jährige, der als Kellner anfing und seit 30 Jahren selbständig ist. Er sitzt in der Hotelbar unter einer abwechselnd rot und blau leuchtenden Riesenballon-Lampe (Design) auf einem Holzhocker (Bio), trägt graurandige Brille (Design) und Wuschelfrisur (Bio).

"Die Software ist der Schlüssel zum Erfolg"

Auch wenn Nachhaltigkeit im Trend liegt, ist Reisigl überzeugt: "Ökologisches spielt für die Kunden noch nicht die wichtigste Rolle." Er verweist auf eine Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), laut der Nachhaltigkeit für 40 Prozent der Urlauber wichtig ist, aber bei der endgültigen Hotelwahl nicht an erster Stelle steht.

Hinter ihrer grün gestrichenen Fassade setzen die Explorer-Hotels daher auf Designer-Anmutung, Betten mit hochwertigen Matratzen und kumpelhaft-freundlichen Service. Reisigl redet von "Hardware" und "Software", wenn er Räumlichkeiten und Mitarbeiter meint. "Die Software ist der Schlüssel zum Erfolg", sagt er. Für Schulungen wird deshalb viel investiert, gleich beim Check-in bieten die Mitarbeiter professionell lächelnd das "Du" an.

Im Schnitt unter 40 Jahre alt, sportlich und entdeckungsfreudig, so stellt man sich den typischen Besucher vor. Was auch heißt: Der aktive Passivhausgast verbringt tagsüber nicht viel Zeit im Hotel. "Die wollen keinen Urlaub auf dem Balkon", sagt Reisigl. Dann würden sie auch enttäuscht, denn die Balkons der Zimmer sind schmal und im obersten Stockwerk nur über eine Tür zu erreichen, an der sich jeder Gast über 1,75 Meter garantiert mindestens einmal pro Aufenthalt den Kopf stößt.

Auch in den 21 Quadratmeter großen Zimmern herrscht ein Mix aus Öko- und Designer-Chic vor: Naturholz-Wandverkleidung (Bio), grüne Regalbemalung (Bio), lila Vorhänge (Design), quietschbunte Kacheln in der Dusche (Design). Im Bad steht die Flüssigseife für "Hand, hair & body" nicht in kleinen Einwegbehältern, sondern in einem Spender mit Markenlogo (Design und Bio). Die Marke wirbt mit besonders günstigen Preisen, zum Start sollen Urlauber mit Einführungstarifen angelockt werden. Außerhalb der Hochsaison kostet ein Doppelzimmer zwischen 90 und 120 Euro.

Wie bei Starbucks

Das Haus im beschaulichen Luftkurort Nesselwang, wo sonst die Frisurecke Elke, der Busunternehmer Greis-Reisen und Sepp's Stadl-Alm auf Kundschaft hoffen, ist bereits das dritte Explorer-Hotel. In Oberstdorf und im österreichischen Montafon stehen die anderen Passivhotels im holzfarben-grünen Explorer-Look.

Nicht immer stoßen solche Bauprojekte auf Gegenliebe. Reisigl sagt, für die Genehmigung brauche man "einen Bürgermeister, der das versteht: Manche glauben nicht, dass wir neue Gäste bringen, sondern dass wir bestehende Hotels kannibalisieren".

Dabei glaubt er, dass speziell Restaurants von den Explorer-Kunden profitieren können. Denn außer den Sechs-Euro-Sandwiches "Thomas Cook", "Vasco da Gama" und "Christopher Columbus" wird kein eigenes Abendessen angeboten. "Unser Konzept ist wie das von Starbucks," sagt Reisigl. "Das Kernprodukt ist möglichst hochwertig, es geht nicht darum, alles anbieten zu wollen." Wer Ski leihen oder fein dinieren will, findet das in der Umgebung.

Ein wenig von Starbucks inspiriert scheint auch der große Expansionsdrang der Kette zu sein. Reisigl hat noch viel vor: Die nächsten, fast baugleichen Häuser sollen bald in Neustift, Garmisch und Berchtesgaden entstehen, im gesamten Alpenraum sind weitere geplant.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Bobby Shaftoe 02.07.2013
1. optional
sieht aus wie eine mischung aus knast und hipster-bude. und da soll man urlaub machen? nee, danke.
mischpot 02.07.2013
2. Hier wird unter dem Deckmantel Passivhaus
etwas verkauft was für die Kernleistung übernachten viel zu teuer ist. Früher nannte man das Pension Garni oder Übernachten mit Frühstück wenn es das dort überhaupt geben sollte. Das man heute Energie einspart dürfte wohl selbstverständlich sein und soll wohl die Geschäftsgrundlage der Hotelgruppe sein. Da lob ich mir doch die Almhütte mit Kamin.
karlsiegfried 02.07.2013
3. Na dann viel Glück
Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Rentnerschwemme, Sparprogramme, Abhörskandal, Politikerverachtung, Energiepreissteigerungen und so weiter. Das sind die wahren Probleme. Und jetzt noch Aktivurlaub im Passivhaus. Übrigens, den hat man beim Camping auch. Frage: Gibt es in diesem tollen Hotel auch Aschenbecher oder müssen die mitgebracht werden?
christiano49 02.07.2013
4. Bei 20% Auslastung ist wohl dann Frieren angesagt?
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEGute Betten, Bio-Chic und Konzentration auf das Wesentliche: Mit dieser Kombination will die deutsche Hotelkette Explorer den Alpenraum mit Hotels in Passivhaus-Bauweise pflastern. Als Inspiration diente die Kaffeehauskette Starbucks. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/explorer-hotel-neuschwanstein-in-nesselwang-aktivurlaub-im-passivhaus-a-908722.html
Wenn keine 100 Gäste da sein sollten, klappte denn da noch das Wärme-Konzept?
glgg 02.07.2013
5. Öko
Was soll an einem Passivhaus ökologisch sein?
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