Auf dem Mozart-Radweg am Chiemsee
Auf dem Mozart-Radweg am Chiemsee
Foto: Thorsten Brönner

Fahrrad-Fernwege für den Herbst Vorwärts in die Vergangenheit

Die Vorstellung hilft zwar nicht gegen Muskelkater, aber schön ist sie: das Rad als Zeitmaschine. Unser Autor empfiehlt sechs Routen, auf denen Fahrradurlauber im Herbst durch die Geschichte reisen können.
Von Thorsten Brönner

Wer im Oktober mit einem voll bepackten Reiserad an einem Bahnhof steht, erntet bewundernde Blicke. Jetzt noch Strecke machen? Aber klar! Das Wetter wird doch halten, bitteschön. Laubrascheln unter den Reifen, Eintauchen in buchengelbe, ahornrote und lärchengoldene Welten - und in die Vergangenheit. Auf diesen sechs Geschichtswegen fühlen Radtouren sich wie Zeitreisen an. Sie führen durch Hansestädte, zu Weltkulturerbestätten, in die Römerkultur und ins Mittelalter, zu Burgen und Schlössern. Auf geht's:

Ostseeküsten-Radweg: noch einmal ans Meer 

Pause in Warnemünde

Pause in Warnemünde

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: Was den Ostseeküsten-Radweg so besonders macht: Er vereint landschaftliche Panoramen sehr reizvoll mit geschichtsträchtigen Städten. Mit Meeressound im Ohr geht es von Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern. Im Herbst mischt sich in den Wind das Rauschen der Laubbäume etwa im Gespensterwald Nienhagen  oder auf Rügen im Nationalpark Jasmund . Kiel, Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald, Anklam, Wolgast - viel Backsteingotik, heimelige Atmosphäre. Besonders am Abend, wenn man nach den Kilometern im Sattel im Laternenschein über Kopfsteinpflaster spaziert und dazu Kirchenglocken läuten.

Fotostrecke

Deutsche Geschichte unter den Rädern

Foto: Thorsten Brönner

Unbedingt besuchen: Wer den Abschnitt in Deutschland kennengelernt hat, will an der Ostsee höchstwahrscheinlich wieder auf Tour gehen. Via Polen, Russland, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden und Dänemark geht die Fahrt auf der EuroVelo 10 weiter. Einmal um das Meer. So schreibt man auch für sich persönlich (Reise-)Geschichte.

Radlertyp: Egal ob Genussradler, Naturradler oder Städtefan - die Tour ist für alle geeignet. Sie ist durchgehend flach. Einzig die Etappenlänge zwischen den Orten fordert. Unbedingt gen Osten radeln – dann gibt es oft Rückenwind!

Start und Ziel: Bahnhöfe in Flensburg und Ahlbeck auf der Insel Usedom

Länge: gut tausend Kilometer; rund 18 Tage

Infos: www.sh-tourismus.de www.auf-nach-mv.de 

Römer-Lippe-Route: ganz Germanien? Nein!

Geht gut los: Besuch des Freilichtmuseums in Detmold

Geht gut los: Besuch des Freilichtmuseums in Detmold

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: Die Legionen des Imperium Romanum gewannen Schlacht um Schlacht. Meistens. Manchmal ging ein Sieg an die "Barbaren". So geschehen im Jahr 9 n.Chr. am Nordrand des Reiches, wo germanische Stämme drei Legionen dahinrafften. Eine der Aufmarschlinien lag am Flüsschen Lippe im heutigen Nordrhein-Westfalen - und dort lohnt sich eine Tour auf der Römer-Lippe-Route. Los geht die Fahrt in Detmold.

Südwestlich der Stadt streckt Hermann auf seinem Denkmalsockel sein Schwert drohend in den Himmel. Die Tour selbst ist freundlicher Natur. Einzig die Steigungen zu Beginn im Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge treiben Schweißperlen auf die Stirn. Ein lohnender Stopp direkt an der Route ist das LWL Freilichtmuseum Detmold . Wie von Riesen in die Landschaft gewürfelt, wirken die Externsteine , eine 38 Meter hohe Sandstein-Felsformation in Horn-Bad Meinberg. Westlich des Mittelgebirges flacht das Land ab.

Reisende legen vor dem himmelstrebenden Dom in Paderborn den Kopf in den Nacken. Dann lassen sie sich von der Pader, Deutschlands kürzestem Fluss, zur vier Kilometer entfernten Lippe leiten. Ein Stopp am einstigen Römerlager Anreppen , einer in Lippstadt und ein weiterer in Haltern am See. Dort stellt das LWL Römermuseum  das Leben der Germanen dem der Römer gegenüber. Schließlich ist das platte Land mit seinen Wiesen die Kulisse für den finalen Abschnitt bis zum Rhein.

Unbedingt besuchen: Deutschlands größtes archäologisches Freilichtmuseum, den Archäologischen Park in Xanten  am Reiseziel.

Radlertyp: Der erste Abschnitt führt in einem Auf und Ab durch den Teutoburger Wald. Dahinter geht es flach durch Wiesen, Wälder und Ortschaften. Wer in Bad Lippspringe startet, hat einen klassischen, familienfreundlichen Flussradweg vor sich. Er lässt sich gut mit Rückenwind von West nach Ost fahren.

Start und Ziel: Bahnhöfe in Detmold und Xanten

Länge: 300 Kilometer; rund sechs Tage

Infos: www.roemerlipperoute.de 

Radweg Deutsche Einheit: ein langer Weg

1100-Kilometer-Verbindung: Die Bonn-Berlin-Route

1100-Kilometer-Verbindung: Die Bonn-Berlin-Route

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: Seit dem 25. Jahrestag der Wiedervereinigung existiert die Route, die Bonn und Berlin verbindet. Die Planer hätten den kürzesten Weg wählen können, Luftlinie, 480 Kilometer. Aber da auch unsere Geschichte nicht gradlinig verlief und Radler stille Passagen lieben, bringt es diese Route auf knapp 1100 Kilometer. Sie führt durch sieben Bundesländer. Flüsse, Mittelgebirge, dazu elf Welterbestätten.

Historisch gibt sich der Reiseweg nicht nur an seinen Enden, sondern auch unterwegs. An Rhein und Lahn sorgen die vielen Burgen für spannende Stopps. In Hessen märchenhafte Fachwerkorte, im Harz die Relikte des Bergbaus. In Wittenberg besuchen Radler die Lutherstätten und treffen in Potsdam auf ein Ensemble aus Schlössern, Parks und Seen. Wer weiter auf den Spuren der deutschen Teilung unterwegs sein möchte, hängt den Berliner Mauerweg  an. Nochmals 160 Kilometer Geschichte pur.

Unbedingt besuchen: Entlang der Strecke wurden mehrere Radstätten  eingeweiht. Mit schickem Design, Touchpads, Lademöglichkeiten für Akkus von E-Bikes und WLAN.

Radlertyp: Die Strecke ist vielseitig. Genussradler freuen sich auf die Flüsse Rhein, Lahn, Fulda, Weser und Havel. Dazwischen führt die Tour über Höhenzüge. Im Westteil das Hessische Bergland und das Weserbergland. Östlich schließen sich der Harz und der Hohe Fläming an. Keine Angst, die Steigungen sind nicht allzu fordernd.

Start und Ziel: Bahnhöfe in Bonn und Berlin

Länge: knapp 1100 Kilometer; rund 20 Tage

Infos: www.radweg-deutsche-einheit.de 

Radfernweg Thüringer Städtekette: rauf und runter

Erfurt: Die Krämerbrücke

Erfurt: Die Krämerbrücke

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: Der Radweg leitet von Eisenach nach Gotha, von Erfurt nach Weimar, von Jena über Gera bis nach Altenburg. Auf dem Weg liegen drei Unesco-Weltkulturerbestätten: die Wartburg, das Klassische Weimar und die zum Bauhaus gehörende Kunstgewerbeschule. Ständig wechselt die Kulisse: Burgen, Schlösser, dann wieder beschauliche Waldtäler mit Mühlen. Der Preis dieser so sehenswerten Route: Jede Stadt liegt in einem anderen Flusstal; es geht also siebenmal rauf und siebenmal runter.

Unbedingt besuchen: Jede der sieben Städte entlang der Strecke hat ihre Höhepunkte: Eisenach das Bachhaus , Gotha das Schloss Friedenstein , Erfurt die Krämerbrücke . In Weimar steht eine der bekanntesten Bibliotheken des Landes - die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek , in Jena das weltweit dienstälteste Planetarium.  In Gera klappen Radler die Ständer runter, um zu den Höhlern  - Tiefenkeller zur Biereinlagergung - zu spazieren, in Altenburg gibt's das Spielkartenmuseum .

Radlertyp: Wer klein gebliebene Städte mit historischem Kern schätzt, hat Freude an dieser Fahrt. Untrainierte setzen auf die Trittunterstützung eines E-Bikes, so verlieren die Anstiege ihren Schrecken.

Start und Ziel: Bahnhöfe in Eisenach und Altenburg

Länge: 230 Kilometer; rund fünf Tage

Infos: www.thueringer-staedtekette.de 

Radweg Romantische Straße: alles so schön bunt hier

Haltmachen in Augsburg

Haltmachen in Augsburg

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: In den meisten Städten Deutschlands fühlen sich Radler nicht willkommen. Viel Verkehr und die oft schmalen, holprigen Radwege bieten kaum Schutz. Wer dennoch gern mit dem Rad auf Städtetour geht, sollte der Romantischen Straße folgen. Bis auf Augsburg und Würzburg sind die Städte entlang der Strecke klein geblieben. Mauern, Türme, Kirchen, hier und da ein Schloss. Wer in Füssen startet und gen Norden strampelt, bekommt 600 Höhenmeter geschenkt. Die Tour verläuft abseits der Autoroute. Im ersten Reisedrittel begeistern die bunten Fassaden der Altstädte von Landsberg am Lech und Donauwörth. Später die Fachwerkhäuser in Dinkelsbühl und Bad Mergentheim. Aktuell ist es hier ruhiger als sonst, es fehlen die ausländischen Touristen. Ein guter Zeitpunkt, um Neuschwanstein oder Rothenburg ob der Tauber zu besichtigen.

Unbedingt besuchen: Die reich ausgestatteten Kirchen. In der zum Welterbe zählenden Wieskirche  tragen die Kuppelfresken die Handschrift von Johann Baptist Zimmermann. Im Taubertal und in Würzburg sind die Werke von Tilman Riemenschneider beachtenswert. Er schnitzte aus Holz filigran gearbeitete Altäre.

Radlertyp: Den wichtigsten Trumpf spielt der Weg mit den nah beieinanderliegenden Kleinstädten aus. Wer wechselnde Landschaften schätzt, darf sich auf die Wiesen des Allgäus, Felder, Wälder und mehrere Flusstäler freuen. Dazwischen gibt es Hügel. Neben dem Radweg folgt ein Weitwanderweg der Romantischen Straße . Dieser bringt es auf 500 Kilometer.

Start und Ziel: Bahnhöfe in Füssen und Würzburg

Länge: 438 Kilometer; rund acht Tage

Infos: www.romantischestrasse.de 

Mozart-Radweg: Rock me, Amadeus!

Einer von 13 auf dem Weg: Der Chiemsee

Einer von 13 auf dem Weg: Der Chiemsee

Foto: Thorsten Brönner

Da geht’s lang: Auf dieser Runde fällt es schwer zu sagen, was am schönsten ist: Salzburg oder die Landschaft drumherum. Ihr berühmtester Sohn, Wolfgang Amadeus Mozart, reiste viel - so ist es kein Wunder, dass heute eine Radroute seinen Namen trägt. Sie zieht sich mit Schwüngen hinauf ins Salzburger Seengebiet und weiter ins Salzkammergut, legt ihre Schleifen in die Berge des Berchtesgadener Landes und umkurvt den Chiemsee.

Als Soundtrack der Reise bieten sich Mozarts Werke an, aufs Smartphone geladen und abgespielt an besonders schönen Plätzen: auf der Festung Hohensalzburg einen Marsch, ein Klavierkonzert am Mondsee und eine Symphonie vor dem 2713 Meter hohen Watzmann.

Unbedingt besuchen: Mozartfans können dem Komponisten in Salzburg viermal nachspüren: Sie besichtigen das Mozart-Geburtshaus und erleben auf drei Stockwerken, mit welchen Instrumenten die Familie komponierte. Sie lassen sich die Mozartkugeln im Mund zergehen. Und sie lauschen im Mozarteum den Konzertklängen des Meisters. Auch ein Spaziergang zum Mozart-Wohnhaus am Makartplatz lohnt.

Radlertyp? Genießer, die klassische Musik schätzen, romantische Städte lieben und gern durch grüne Voralpenlandschaften ziehen. Wer leidenschaftlich in jeden See springt sowieso, liegen doch 13 größere am Weg. Aber Vorsicht, viele der Kilometer führen auf und ab. Dabei wechseln Radwege mit Nebenstraßen.

Start und Ziel: Bahnhof in Salzburg, in Rosenheim oder Wasserburg am Inn

Länge: 380 Kilometer; rund sieben Tage

Infos: www.mozartradweg.com 

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