Per Rad in Nordniedersachsen Im Fehn-Land

Viel Moor, viele Kanäle und immer wieder Windmühlen: Die Fehnroute dreht eine 173 Kilometer lange Runde durch den Nordwesten Niedersachsens. Schön eben, freuen sich Radler, doch: Der Wind kommt hier immer von vorn.

dpa-tmn

Montags fahren sie nie und dienstags auch nicht. "Diese Tage sind unser Wochenende", erklären die beiden Fährmänner Arnold Höger, 50, und Oliver Grensemann, 54. An den anderen Tagen sind sie auf der Jümme-Pünte, zuverlässig bei Wind und Regenwetter. Kraftvoll ziehen sie den Fährkahn an Stahltrossen über den etwa 60 Meter breiten Fluss. Von Mai bis September gut 4000 Mal, oder noch mehr - wie schon Generationen von Fährleuten vor ihnen.

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Fehnroute: 173 Kilometer durchs Fehn-Land

Denn die Jümme-Pünte schippert bereits seit 1562 über den Strom. Stets mit der Hand gezogen, soll sie heutzutage als Wagenfähre in Europa einmalig sein. Das jedenfalls sagen die Fährenfans des Püntenvereins Leer, die sich um den Erhalt des über 450 Jahre alten schwimmenden Denkmals sorgen.

Die Jümme-Pünte liegt an der 173 Kilometer langen Deutschen Fehnroute. Als Rundkurs verläuft die Auto- und Radroute durch den Süden von Ostfriesland, dazu etliche Kilometer durch das benachbarte Emsland und das Oldenburger Land. Kilometerlang ziehen sich Kanäle mit weißen Klappbrücken durch den Landstrich, links und rechts am Ufer Häuschen in Ziegelrot, gepflegte Gärten wechseln sich ab mit grünen Kuhweiden.

Im Land der Fehntjer

Der Name der Strecke nimmt Bezug auf die Fehnkultur: Fehn bedeutet Moor, hat den Ursprung im Holländischen und bezeichnet die Urbarmachung und Besiedlung der Region ab dem 17. Jahrhundert. Als älteste und mit 40 Kilometer Kanälen auch längste Fehnkolonie gilt Papenburg.

Stadtgründer Drost Dietrich von Velen holte erstmals ab 1631 Kolonisten in das abgelegene Land: Sie zogen in mühevoller Handarbeit Entwässerungsgräben, legten das Moor trocken und stachen den Torf, der als Heizmaterial mit Holzkähnen über die Kanäle abtransportiert wurde. Der Lohn für die Plackerei waren ein Stück Land in Erbpacht und steuerliche Vergünstigungen.

"Den Ersten sien Doad, den Tweten sien Not, den Dridden sien Broad" - Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot. Dieser Spruch gibt die Lebenslage der ersten Siedler, der Fehntjer, wieder, die auf dem Hochmoor in fensterlosen Katen wohnten, dabei Nässe und Kälte, Krankheiten und Hunger trotzten. Die harte Arbeit früherer Generationen wird in mehreren Museen an der Route dokumentiert.

Auf der Strecke sind Radtouristen in Tagesetappen von etwa 24 bis 42 Kilometern unterwegs. Viel mehr muss es auch nicht sein, da der Wind von der nahen Nordsee mitunter kräftig bläst. Oft aus der falschen Richtung - von vorn. "Außerdem bleibt so ausreichend Zeit, eines der Museen zur Moorkultivierung und Schifffahrt zu besuchen", sagt Ulrich Schmunkamp, Projektleiter der Deutschen Fehnroute in Leer.

In Elisabethfehn zeigt das Moor- und Fehnmuseum etliche Großmaschinen für den Torfabbau. Neben Kippkübelraupe, Kettenförderer und Torfsodensammler auch den Strenge-Brenntorfbagger aus dem Jahr 1880. 1904 wurde sein Erfinder auf der Weltausstellung im US-amerikanischen St. Louis mit dem "Grande Prize" ausgezeichnet.

Windmühlen und Hightech-Schiffe

Nebenan im saterländischen Ramsloh tuckern Touristen mit der kleinen Moorbahn "Seelter Foonkieker" in die Torfzone des Westermoors, mit 5000 Hektar Fläche eines der größten Hochmoore in Mitteleuropa. Während der Tour erzählt Lok- und Gästeführer Ludger Thedering, 62, vom Wachsen und Werden der Moore, vom Torfabbau und der Renaturierung abgetorfter Zonen.

Stille lastet auf dem rostbraunen Torf, hoher Himmel wölbt sich übers weite Land, Dimensionen sind kaum greifbar. Das gilt auch für die Funksendeanlage der Bundesmarine, gleich neben dem Abbaugebiet: Mit 352 Metern sind die acht Masten nach dem Berliner Fernsehturm die zweithöchsten Bauwerke in Deutschland.

Im Westermoor darf noch bis 2035 Torf abgebaut werden. Über 300.000 Kubikmeter werden nach Thederings Worten Jahr für Jahr gewonnen, mit Lorenbahnen auf dem 40 Kilometer langen Gleisnetz zum Torfwerk von Ramsloh angeliefert und dort verarbeitet. Thedering: "Torf ist ein komplexes Naturprodukt, das beispielsweise von Gartenbaubetrieben als Substrat bei der Anzucht von Pflanzen verwendet wird." Naturschützern und auch dem Umweltbundesamt gefällt dies generell nicht, sie raten, auf Torf in der Blumenerde zu verzichten.

An der Fehnroute recken zwölf Windmühlen ihre Flügel in den Wind, die meisten sind Museumsmühlen und technische Denkmäler. Heye Steenblocks Mühle in Spetzerfehn, erbaut 1886, ist jedoch noch in Betrieb : "Wir mahlen Futtermischungen für Legehennen, Schweine und Kälber, auf Kundenwunsch auch in kleinen Mengen", sagt der Windmüller, der damit seine Nische gefunden hat: "Wir sind eine der letzten Windmühlen in Deutschland, die heutzutage noch gewerblich mahlen."

Manches entlang der Fehnroute ist einzigartig, einmalig oder riesig - so wie die Kreuzfahrtschiffe, die auf der Meyer-Werft in Papenburg entstehen. Rad- und Autostrecke der Fehnroute führen am Hafenbecken der Schiffsbauer direkt vorbei. Der Großbetrieb hat viele Krisen überstanden, die anderen Werften sind verschwunden: 24 existierten Mitte des 19. Jahrhunderts in Papenburg. Sie hatten gut zu tun, bauten sie doch die hölzernen Lastkähne für den Torftransport im Land der Fehntjer.

Bernd F. Meier, dpa/abl

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