Frankfurter Bahnhofsviertel Babylon am Main

Ob Bollywood-DVDs und Jilebi-Kringel, maghrebinische Musik oder Schweizer Schokolade - ein Bummel durch das Frankfurter Bahnhofsviertel ist wie eine kleine Weltreise. Der verrufene Stadtteil scheint alle Kulturen der Immigranten widerzuspiegeln, die sich je an den Main-Ufern niederließen.

Celia Breuer

Manor Kapoor hat es geschafft: Gut 40 Quadratmeter groß ist sein Reich, hell beleuchtet und wohlsortiert. Der Großstadttrubel bleibt draußen. Räucherstäbchenduft hat sich in jeder Ecke des Raums eingenistet, als Ehrbezeugung für einen der so zahlreichen Hindu-Götter. Kapoor, konservativ gekleidet in Stoffhose und weinrotem Pullover, steht vor einem Regal voller Bollywood-DVDs.

Auf dem Boden stapeln sich Kisten mit prallen Ingwerwurzeln, grünwarzigen Bittermelonen und anderen, dem staunenden Europäer unbekannten Gemüsesorten. Dazu liegt in Säcken und Schachteln eine unglaubliche Auswahl an Hülsenfrüchten. Manor Kapoor lächelt stolz. "Es war immer mein Traum, selbst einen Laden zu besitzen."

Der Inhaber des "Punjabi Shop" kam 1981 nach Deutschland. Ein Flüchtling aus Afghanistan, Angehöriger der dort rapide schwindenden indischen Minderheit. Heute leben nur noch ganz wenige Hindu und Sikhs zwischen Herat und Jalalabad, erzählt Kapoor. Krieg und Terror haben sie vertrieben.

Einige von ihnen fanden in der Bankenmetropole Frankfurt eine neue Heimat - und decken sich inzwischen bei Kapoor mit Unterhaltungskultur und Kulinarisches vom Subkontinent ein, bis hin zu typischem Backwerk wie der Jilebi, ein frittierter, zuckerlackierter Teigkringel aus Kichererbsenmehl, extrem süß und lustvoll klebrig.

Sardellen und Salicornia

Kapoors indische Kaufenklave ist dort, wo sie ist, keine Besonderheit. Exotische Geschäfte gibt es im Frankfurter Bahnhofsviertel zuhauf. Es scheint, als hätte hier jede ferne Kultur, die sich in den vergangenen Jahrzehnten an den Main-Ufern niederließ, ihre eigenen Depots. Das Viertel hat - auch wenn der Rotlichtbereich nur einen kleinen Teil ausmacht - wegen Prostitution und illegalem Drogenkonsum nicht den besten Ruf, aber das hält die Mieten vergleichsweise günstig.

Meiden muss man das Areal zwischen Hauptbahnhof und Gallusanlage nicht - im Gegenteil. Ein Streifzug durch die zum Teil noch von großbürgerlichen Häusern gesäumten Straßen ist ein Ausflug in eine faszinierend bunte Welt - und wird in der Bahnhofsviertelnacht am Donnerstag von den Frankfurtern zelebriert.

Zu gefährlich? Unsinn. Das Bahnhofsviertel ist nicht South Central in Los Angeles oder die Banlieue von Paris. Die Drogenszene hat sich schon seit Jahren weitgehend aus dem ehemals berüchtigten Bereich Kaiserstraße zurückgezogen. Und Straßenräuber, so heißt es, sind schlecht für das Rotlichtgeschäft. Also sorgen gewisse Herrschaften dafür, dass solche Kleinkriminelle schnellstens aus ihrem Revier verschwinden.

Ansonsten lebt die multikulturelle Bevölkerung des Viertels recht friedlich, wenn schon nicht mit-, dann zumindest nebeneinander. Man gibt sich allerdings etwas scheu und verschlossen. Ein Foto? Die meisten Ladenbesitzer lehnen ab.

Wer Lebensmittel gerne altmodisch einzeln einkauft, anstatt sich der Supermarkt-Monotonie auszusetzen, wird vor allem an der Münchener Straße seine Freude haben. Mehrere Gemüseläden zeigen ihre Auslage. In "Alims Fischmarkt" reihen sich Styroporwannen voll mit - tatsächlich frischen - Makrelen, Wolfsbarschen, Karpfen, Doraden, blauen Krebsen, Wellhornschnecken und sogar mit Salicornia, dem Kraut vom Watt. In einer großen Schale glänzen Sardellen silbern im kalten Röhrenlicht.

Bei "Schenck Delikatessen" gibt es noblen französischen Käse, Champagner, Schweizer Schokolade sowie Original Bauernhof-Zwiebelmettwurst. Ein junger Mann lässt sich eine Mahlzeit zum Mitnehmen zusammenstellen. Würstchen und Kartoffelsalat. "Wir können Ihnen auch Fisch braten", bietet Hans-Peter Schenck an. Er würde gerne etwas Anspruchsvolleres verkaufen. Schencks Familie ist bereits seit 1540 im Geschäft, ihr Laden im Bahnhofsviertel wurde 1900 eröffnet. Eine Konstante im Quartier.

Kunstblumen und Kommunionsartikel

Das "Kandoura Rif" schräg gegenüber besteht immerhin schon seit 15 Jahren. Es ist eine marokkanische Mischung aus Geschenkeladen und Boutique. Drinnen wetteifern übersüße Babyfiguren, orientalische Kleider, Schmuck, winzige Lackschuhe für Kleinkinder und allerlei Nippes um die Aufmerksamkeit potentieller Käufer. Hinter der Theke steht Alia Bohalua, eine freundliche Mitdreißigerin, die ihr Kopftuch sichtlich selbstbewusst trägt.

Eine Kundin bekommt gerade maghrebinisches Liedgut vorgespielt. "Viele Deutsche kaufen hier klassische nordafrikanische Musik, wie die von Om Kalthoum zum Beispiel. Die ist sehr beruhigend." Auch die sonstige Kundschaft hat meist feste Präferenzen. Die Kunstblumengestecke sind bei Eritreern sehr beliebt, berichtet Bohalua, viele Italiener wiederum decken sich im "Kandoura Rif" mit Kommunionsartikeln ein.

Sie selbst bezieht ihr buntes Sortiment bei einem Großhandel in Brüssel. Und die Geschäfte gehen gut, trotz Wirtschaftskrise? "Ich kann mich nicht beklagen", meint Alia Bohalua zufrieden nickend. Aber mehr möchte sie dazu nicht sagen.

Eine andere Tür, wiederum eine ganz andere Welt. Im "GT World of Beauty" dreht sich alles um die weibliche Haarpracht. Oder den Ersatz dafür. Kunstköpfe in Reih' und Glied preisen stumpfsinnig lächelnd Perücken an, Wände hängen voll mit schwarzen, rotbraunen und flachsblonden Strähnen. "Real human hair", verkündigen die Etiketten. Darunter Geltöpfe, Shampooflaschen, Festigertuben.

Verkäuferin Luchia Ghirmai stammt wie der Besitzer aus Eritrea. "Die meisten unserer Produkte sind speziell für krause Haare." Es kämen jedoch auch Europäerinnen auf der Suche nach exotischem Flair, erzählt die junge Frau. Fündig werden sie garantiert.

"Krimi live - aber nicht jeden Tag"

Weiter gen Norden, in der Taunusstraße, befindet sich eine unter Kennern weit über Frankfurts Grenzen hinaus bekannte Institution: das Musikhaus B. Hummel OHG, heutzutage "Cream Music" genannt. Bernhard Hahn betreibt das seit 1908 bestehende Geschäft zusammen mit seinen drei Brüdern. Man hat sich auf moderne Instrumente spezialisiert - mit Erfolg. "Da saßen schon internationale Rockstars drauf", meint Hahn stolz und zeigt auf ein altes rotes Samtsofa. Neulich sei Gary Moore hier gewesen und Andy Summers, der frühere Gitarrist von "The Police".

Den Niedergang des Bahnhofsviertels hat die Familie Hahn hautnah miterlebt. "Wir sind die vierte Generation", so Bernhard Hahn. "Als der Laden eröffnet wurde, war dies Frankfurts erste Adresse für Fachgeschäfte." Doch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zuerst der Schwarzhandel, dann die Prostitution und schließlich die Drogen.

Wandel gab es immer. "Wenn irgendwo in Europa eine Grenze gefallen ist, haben wir es als Erste bemerkt", erzählt Hahn. Vom Hauptbahnhof her schwappten die zugereisten Scharen direkt in das Viertel. Es blieben nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen hängen. Schießereien kamen durchaus vor, "Krimi live", meint Bernhard Hahn grinsend, "aber nicht jeden Tag."

Mit schwierigen Bahnhofsviertel-Bewohnern hat auch Robert Wagner so seine Erfahrungen. Der gutgelaunte Endzwanziger arbeitet im "Asia Land" und ist anscheinend Deutschlands einziger ausgebildeter Fachverkäufer für asiatische Lebensmittel, der seine kulturellen Wurzeln nicht in China oder anderen ostasiatischen Ländern hat.

Kleine Stadt im Viertel

"Wir müssen schon aufpassen, wer hier reinkommt", sagt Wagner. Im vergangenen Jahr habe es allerdings kaum noch Probleme mit Ladendieben und dergleichen gegeben. Die Lage bessere sich. Dafür liebt Robert Wagner den Umgang mit der asiatischen Stammkundschaft. "Das ist wie eine kleine Stadt hier im Viertel. Nicht so anonym wie sonst in Frankfurt."

Der Nachmittag geht zu Ende, der Büroarbeitstag ebenfalls. Bald wird die Abendschicht der Barkeeper, Imbissbräter, Tänzerinnen und Prostituierten ihren Dienst antreten. Frank, der Animierer vom "Bistro 91", versucht vergeblich, Passanten zum Eintritt zu überreden. Seit 23 Jahren schon ist er im Milieu tätig. Kein einfacher Job.

"Aber, ach, man muss es professionell sehen," meint der hünenhafte Kerl, "man ist schließlich nicht in der Kirche hier."



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
göpgöp 18.08.2010
1. am main?
Die Überschrift sollte lauten: Babylon in Deutschland
ralphofffm 19.08.2010
2. immer interessant
Da ist die Welt noch real zu besichtigen.. Keine 0815 Einheitsfassaden mit Franchise MCD Stil. Kriminalität kommt auch noch genug vor, und die Junkies sitzen oft genug auf den Treppenabgängen zur B-Ebene des Hauptbahnhofs. Aber es ist bei weitem nicht so schlecht wie sein RUf das stimmt schon.
kaba06, 19.08.2010
3. Sonderbarer Bericht
Zitat von sysopOb Bollywood-DVDs und Jilebi-Kringel, maghrebinische Musik oder Schweizer Schokolade - ein Bummel durch das Frankfurter Bahnhofsviertel ist wie eine kleine Weltreise. Der verrufenen Stadtteil scheint alle Kulturen der Immigranten widerzuspiegeln, die sich je an den Main-Ufern niederließen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,694569,00.html
Ein seltsamer Bericht. Das Viertel ist heruntergekommen und die Drogenszene ist selbstverständlich immer noch präsent. Es fehlt übrigens noch der Hinweis, dass das Bahnhofsviertel in einem neueren Roman eines leibhaftigen Literaturnobelpreisträgers vorkam ("Schnee/Kars"). Außerdem geht die Kaiserstraße am Willy-Brandt-Platz ja direkt in die Kaiserstraße über, die da etwas freundlicher wird. Es gibt vieles, was sich Frankfurt anzuschauen lohnt, aber das Bahnhofsviertel gehört nur dazu, wenn man bestimmte klar umrissene Interessen hat.
gsm900, 19.08.2010
4. Karl May 2010
Zitat von sysopOb Bollywood-DVDs und Jilebi-Kringel, maghrebinische Musik oder Schweizer Schokolade - ein Bummel durch das Frankfurter Bahnhofsviertel ist wie eine kleine Weltreise. Der verrufenen Stadtteil scheint alle Kulturen der Immigranten widerzuspiegeln, die sich je an den Main-Ufern niederließen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,694569,00.html
Durch die Servicewüste Durchs wilde Multikultistan In den Schluchten des Starkenburgrings Durchs Land der Dribbdebacher Der Roland
Hokuspokus 19.08.2010
5. Warum stehen die Puffs eigentlich direkt neben den Banken?
Das BHV in Frankfurt ist Kult. Mag sein, dass es dreckig ist und stellenweise heruntergekommen. Gefährlich ist es nicht mehr als anderswo auf der Welt. Dieses Märchen wollen uns seit Jahren Hinterwäldler erzählen, die ohnehin Angst vor MultiKulti haben... und dann verstohlen im Puff bei der fremdländischen Mutti einkehren. Das BHV ist nix besonderes, so etwas findet man überall in der (freien) Welt. Es hat was von Sünde, Babylon und Sodom und Gomorra. Es beweist, dass verschieden Nationen durchaus friedlich nebeneinander leben können. Serben neben Kroaten und Bosniern. Eritrea neben Äthiopiern. Türken , naja - auf alle Fälle neben Türken. Offenbächer neben Frankfurtern. Ich möchte dort nicht wohnen und ich will dort auch nicht arbeiten, aber ich schaue es mir immer mal wieder gerne an. Es ist nicht besser oder schlechter als ein Place Pigalle in Paris, oder ein Vergnügungsviertel in Bangkok oder Hong Kong oder London.
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