Frankfurter Flughafen Hightech gegen Vogelschlag

Mit Spezialkameras will der Frankfurter Flughafen künftig Kollisionen der Maschinen mit Vogelschwärmen verhindern. Schon einzelne Tiere können ein ganzes Flugzeug gefährden - und die Einflugschneise der neuen Landebahn Nordwest kreuzt die Route Zehntausender Zugvögel.

Flugzeug in Vogelschwarm: Gefahr für die Triebwerke vor allem bei Start und Landung
REUTERS

Flugzeug in Vogelschwarm: Gefahr für die Triebwerke vor allem bei Start und Landung


Frankfurt/Main - Mit Glück entgingen die 155 Passagiere des Airbus A320 einer Katastrophe: Kurz nach dem Start auf dem New Yorker Flughafen kollidierte im Januar 2009 die Maschine mit einem Schwarm Vögel. Die Triebwerke fielen aus - und eine spektakuläre Notwasserung auf dem Hudson River war die Folge.

Am Frankfurter Flughafen hat es bislang noch keine Beinahe-Katastrophen durch Vogelschlag gegeben. Doch mit der neuen Landebahn Nordwest steigt das Risiko. Die landenden Maschinen werden dort ab Herbst nächsten Jahres die traditionellen Routen der Vögel entlang des Mains kreuzen. Deshalb will der Flughafenbetreiber die Unfallgefahr mit einem modernen Überwachungssystem reduzieren.

Dass Vogelschlag am Frankfurter Flughafen schon immer ein Thema ist, belegt ein Gutachten des Deutschen Ausschusses zur Verhütung von Vogelschlägen im Luftverkehr (DAVVL). Demnach hat es von 2001 bis 2004 mehr als 330 Zusammenstöße von Vögeln und Flugzeugen gegeben. Auch darum war es eine Auflage für den Bau der neuen Landebahn, die Wege der Vögel genau zu beobachten und das Risiko von Unfällen zu verringern. Erstmals weltweit soll die Gefahr des Vogelschlags nun mit einem komplexen Überwachungssystem aus Kameras verringert werden. "Wir haben da Neuland betreten", sagt der Ingenieur Holger Vogel von Carl-Zeiss-Optronics.

Kameratürme an der Einflugschneise

Er und sein Team entwickelten im Auftrag von Fraport das System Mivotherm. Die Höhe der Kosten wollte er nicht verraten. Drei fast zehn Meter hohe Kameratürme sollen künftig die Vögel in der Nähe der Einflugsschneise fest im Blick haben. Nach Angaben des Ingenieurs steht einer davon direkt an dem Punkt, an dem die Flugzeuge tief über den Main fliegen, zwei weitere rund drei Kilometer entfernt. "So können wir die Flugbahn von Vögeln ziemlich genau vorhersagen, weil sie in dieser Höhe meist konstant bleiben", sagt Vogel.

Dafür fotografieren die Kameras 25 Mal pro Sekunde die Tiere, erfassen ihre Position und ermitteln die weitere Route. "So wird berechnet, ob und wann ein Zusammenprall mit einem landenden Flugzeug zu erwarten ist", fügt der Ingenieur hinzu. Selbst in der Nacht, bei Nebel und Schnee könnten die Vögel mit Wärmebildkameras identifiziert werden.

"Mivotherm schätzt dann auch das Gefährdungspotenzial der Vögel für die Flugzeuge ein", sagt Ingenieur Vogel. Das System unterscheide dabei Größe und Anzahl der Vögel. "Eine große Gruppe kann beispielweise alle Treibwerke treffen", beschreibt Vogel ein mögliches Szenario. Um genau so etwas zu verhindern, würden die entsprechenden Warnungen an die Deutsche Flugsicherung (DFS) weitergeleitet. "Durch die DFS werden dann die anfliegenden Piloten informiert", sagt Fraport-Mitarbeiterin Sina Mackenrodt. Ob das Flugzeug dann lande, entscheide letztlich immer der Kapitän.

Dass es sich bei Unfällen zwischen Vögeln und Flugzeugen nicht um Lappalien handelt, bestätigt die staatliche Vogelschutzwarte in Frankfurt. "Das größte Problem gibt es bei Starts und Landungen. Dann befinden sich die Vögel mit 90 bis 150 Metern auf der gleichen Höhe wie Flugzeuge", sagt Wissenschaftler Martin Hormann. So habe beispielsweise die israelische Luftwaffe mehr Maschinen durch Vogelschlag verloren als durch kriegerische Einsätze.

"Die Schäden können gravierend sein", betont Hormann. Schon eine kleine Kohlmeise könne bei einem Zusammenprall mit einem landenden Flugzeug wie ein Geschoss wirken. "Außerdem werden Flughäfen oft dort gebaut, wo Zugvögel fliegen. Das ist auch in Frankfurt der Fall", sagt der Experte. Über das Rhein-Main-Gebiet würden beispielsweise zweimal im Jahr 100.000 Kraniche ziehen. Schon allein deshalb sei ein Überwachungssystem sinnvoll. Das sieht die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie genauso. Sie prämierte das Mivotherm-Projekt im vergangenen Jahr mit dem renommierten Lilienthal-Preis für innovative Ideen rund um die Luft- und Raumfahrt.

Marco Pecht, ddp



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