Foto: Peter Wöhrle

Pizzeria "La Corona" in Freiburg Wie geht es Ihnen, Herr Stampone?

Gastronomen trifft die Virus-Krise gerade besonders hart. Nicola Stampones Pizzeria in Freiburg im Breisgau heißt La Corona, ausgerechnet. Wer geht noch bei ihm essen?
Von Christoph Wöhrle

Nicola Stampone nimmt seine Brille ab und putzt sie mit einer Serviette. So, als habe er die Hoffnung, dass die Welt wieder eine andere ist, wenn er gleich durch die sauberen Gläser schaut.

Stampone liebt es, in Anekdoten zu sprechen. "Unsere Gäste sagen oft zu mir, wie sauber die Toiletten im Lokal sind. Weißt du: Das Haus ist alt, das kann man nicht ändern. Aber die Klos müssen blitzsauber sein. Darauf kommt es an", sagt er. Sein ganzes Berufsleben lang hat Stampone mit seiner Gradlinigkeit punkten können. Er ist recht deutsch für einen Italiener. 40 Jahre lebt der 60-Jährige schon in Freiburg im Breisgau und ist ebenso lange erfolgreich in der Gastronomie, hat, so erzählt er, dabei nie mehr als zehn Tage im Jahr Urlaub gemacht. "Ich weiß, was Arbeit ist", sagt Stampone.

La Corona, übersetzt "Die Krone", heißt das Lokal, das er seit 2003 im Stadtteil Littenweiler betreibt. Wir besuchen es einen Tag, bevor Freiburg eine eingeschränkte Ausgangssperre verhängt. Die Pizzeria sei immer sehr gut gelaufen, er lebte von der Stammkundschaft. Wie alle Gastronomen fühlt Stampone gerade einen Aderlass: Um 80 Prozent sei der Umsatz in seinem Lokal zurückgegangen. Und der Name, nun ja, er hilft nicht gerade. Aber es überlebt nur, wer jetzt improvisieren und auch etwas ausharren kann. Jetzt müssen sich Ideen und Zuversicht paaren.

Eine begrenzte Ausgangssperre bedeutet, dass Freiburger öffentliche Orte nicht mehr betreten dürfen. Haus und Wohnung sollen sie nur noch verlassen, wenn sie "dringende Angelegenheiten" wie Einkaufen oder Arztbesuche zu erledigen haben. Auch zur Arbeit dürfen sie weiterhin gehen. Wer sich im Freien aufhalten möchte, darf das nur zu zweit oder mit Personen, die im eigenen Haushalt leben. Von anderen Freiburgern müssen sie sich fernhalten, mindestens 1,50 Meter.

An der Wand im Restaurant hängt ein Mannschaftsfoto des Bundesligavereins SC Freiburg. Dessen Schwarzwaldstadion ist nur ein paar Straßen von der Pizzeria entfernt. Stampone brüht einen Kaffee. Es ist 10.30 Uhr, die Wirtschaft hat noch geschlossen.

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Er hat nur kurz überlegt, ob er dieses Interview geben soll. "Die Leute draußen müssen doch wissen, wie schlecht es uns Selbstständigen geht." Die Situation sei so prekär, dass viele Lokale kaum eine Chance hätten, wenn es keine staatliche Hilfe gebe. Und er selbst? "Bei uns sieht es auch schlecht aus, wenn diese Krise Monate anhalten sollte."

Zwischendurch holt eine Kundin zwei Pizzen ab

Über dem hölzernen Tresen im Schankraum hängen Dutzende Postkarten, die die Gäste in den vergangenen Jahren von ihren Urlaubsdomizilen an Stampone geschrieben haben. Wobei, eigentlich stimmt das nicht: Sie haben die Karten an ihre Freiburger Lieblingspizzeria geschrieben. New York, Malaga, Dominikanische Republik. Insgesamt habe sein Lokal seit Bestehen mehr als 4000 Postkarten bekommen, sagt Stampone. "Daran sieht man doch, dass wir den Leuten nicht egal sind."

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Restaurant Corona Freiburg

Foto: Peter Wöhrle

Zu Mittag gibt es hausgemachte Lasagne. Stampone will auch zu diesem Gericht eine Geschichte erzählen: "Weißt du, da gibt es einen Musiker aus den USA. Immer wenn er nach Freiburg kommt, isst er diese Lasagne bei uns. Er sagt, es ist die beste Lasagne der Welt." Da will man dem Chef nicht widersprechen: Die Lasagne ist ausgezeichnet. Aber wie der amerikanische Künstler heißt, das will Stampone nicht verraten.

Zwischendurch holt eine Kundin zwei Pizzen ab. Ansonsten ist das Lokal mit den roten Decken auf den Tischen leer. Stampone erzählt, wie er nach Deutschland gekommen ist: Er sollte zum italienischen Militär eingezogen werden. "Das wäre für mich verlorene Lebenszeit gewesen", erzählt er. Ein Verwandter bot ihm einen Job in seiner Freiburger Pizzeria an. So wurde Nikola Stampone Spüler statt Schütze. "Ich dachte: Nach ein paar Jahren gehst du heim nach Italien."

Aber er verliebte sich, erst in die Stadt, dann in eine Frau. Irgendwann war er Freiburger und arbeitete sich hoch in der Gastronomie bis zu seinem eigenen Lokal.

Dann klingelt das Telefon. Eine Frau entschuldigt sich viele Male, sie hatte das Lokal für eine Geburtstagsfeier reserviert, sie sagt ab. Nicola Stampone entschuldigt sich seinerseits und deutet auf den Hörer, um zu sagen: Sieh her, so ist es gerade.

"Ich habe erst einmal in meinem Leben so eine Zukunftsangst gehabt."

Seine Familie stammt aus einem Dorf in den Abruzzen. Er selbst arbeitete in der Landwirtschaft seiner Eltern, war eigentlich Metzger von Beruf. "Und ohne das italienische Militär wäre ich das auch geblieben." Wie es der Familie geht? "Meine Eltern sind schon tot. Aber meine Geschwister und die anderen Verwandten sind sicher. In den Abruzzen gibt es praktisch kein Corona."

Einen kurzen Moment bricht Stampone die Stimme. Die vielen Toten in seinem Heimatland. Dann nimmt Stampone wieder die Brille ab, schaut nach oben und sagt, er telefoniere täglich mit seinem Bruder in Italien. Es sei so wichtig, dass das Land wieder auf die Füße komme.

Es ist jetzt nach 13 Uhr. Zwei Handwerker wollen im La Corona ihre Mittagspause machen, sie bestellen Bier und Spaghetti. Auch in ihrem Gespräch dreht sich alles um das Virus. "Ich sag Corinna statt Corona", sagt der Ältere. "Die ganzen Selbstständigen wird‘s ficken", sagt der Jüngere. Als sie gehen, sagen sie, dass man sich bald wiedersehe. Aber wer weiß das schon in diesen Tagen.

Wie viel und was soll er nachkaufen?

Nicola Stampone wird später sagen, dass er noch nie gern auf die Vergangenheit geblickt habe. "Weißt du: Mir war immer die Zukunft wichtig. Was gewesen ist, kannst du eh nicht ändern. Also vergiss es doch gleich." Stampone sagt, dass er jetzt überlege, ob er Kurzarbeit anmelden oder Mitarbeiter entlassen müsse. Insgesamt arbeiten zehn Menschen in der Pizzeria.

Stampone hat das 120 Jahre alte Pizzeria-Haus vor zwölf Jahren einer Lörracher Brauerei abgekauft. Er zahle es immer noch ab, stecke viel Geld in Renovierungen. Vom letzten Einkauf auf dem Großmarkt drohten jetzt die ersten Lebensmittel zu vergammeln. Wie viel und was soll er nachkaufen?

Aber wer die Zukunft wichtig nimmt, kann sich vielleicht noch mehr vor ihr fürchten. "Ich habe erst einmal in meinem Leben so eine Zukunftsangst gehabt." Als er mit einem Leistenbruch vor Jahren im Krankenhaus gelegen habe und die Ärzte vermuteten, dass er vielleicht zusätzlich einen Tumor haben könnte. Hatte er nicht, zum Glück.

In der Nacht vor der endgültigen Diagnose habe er nicht geschlafen vor Angst. Er habe an seine drei Kinder denken müssen, wie sie ohne ihn groß werden würden, und auch an seine Mitarbeiter. Das Unsicherheitsgefühl von damals, der Verlust des Urvertrauens - irgendwie fühle sich die Krise gerade so ähnlich an, sagt Nicola Stampone.

Die Gegenwart ist gerade spannungsgeladen wie ein Thriller im Fernsehen. Seine Frau sei krank, aber ihr Corona-Test sei negativ gewesen. Stampone achtet darauf, dass die Gäste immer einen freien Tisch als Abstandhalter zwischen sich stehen hätten. Da aber sowieso immer weniger Gäste kämen, habe er eine andere Hoffnung: Dass die Leute, falls die Krise andauere, ihr Essen einfach telefonisch bestellen und dann abholen würden. Dafür müsste er natürlich die Erlaubnis haben, die Küche weiterarbeiten zu lassen.

Ein paar Stammgäste machten das jetzt schon. Das bringt Hoffnung. "Vielleicht etablieren wir auch einen Lieferservice", sagt Stampone. Irgendwie müsse man da jetzt durch.

Ein lokaler Radiosender hat neulich bei den Stampones angerufen und Scherze über das Lokal gemacht, das Ganze dann auch aufgezeichnet und gesendet. Ein bisschen merkt man Stampone seinen Ärger darüber an, als er davon erzählt. Es sei nicht redlich, sich bei einer solch ernsten Sache lustig zu machen.

Den Namen seines Lokals werde er niemals ändern, sagt Stampone. Das klingt im ersten Moment trotzig und widersinnig. Aber auch nach einem Mann, dem die Vergangenheit tatsächlich nicht so wichtig ist wie die Zukunft.