Familienurlaub an einem Bergsee im Kaisergebirge, Österreich
Familienurlaub an einem Bergsee im Kaisergebirge, Österreich
Foto: Westend61 / Getty Images

Reiseplanung Wo Familienurlaub mit nicht geimpften Kindern möglich wird

Eltern sind geimpft, ihre Kinder nicht: Diese Konstellation vermasselt Familien derzeit Tagesausflüge nach Mecklenburg-Vorpommern. Können Familien überhaupt verlässlich die Sommerferien planen?
Von Julia Stanek

Sandburgen bauen am Meer, Familienzeit im Feriendorf, beim Wandern kleine Gipfel meistern: Die schönste Zeit des Jahres verbringen Eltern am liebsten mit ihren Kindern. Und Erholung haben viele Familien nach einem Jahr Pandemie dringend nötig. Eltern ächzen unter der Mehrfachbelastung, ihre Jobs, Homeschooling und den Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Viele sehnen sich nach einer Auszeit rund um Pfingsten oder spätestens in den Sommerferien.

Wäre da nicht ein Problem: In den kommenden Wochen werden immer mehr Eltern geimpft sein. Ihre Kinder dagegen nicht.

Denn für sie sind die Impfstoffe gegen das Coronavirus noch nicht zugelassen. Zwar wurden auch Eltern nicht mit Priorität geimpft. Aber trotzdem werden viele Mütter und Väter bis Ende Juni vollständig immunisiert sein – teils schon aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen. Menschen aus dem Gesundheitssektor etwa, Beschäftigte an Schulen, Kitas und im Lebensmittelhandel, Kontaktpersonen von Schwangeren und Pflegebedürftigen und viele mehr haben größtenteils bereits ein Impfangebot erhalten. Und die Freigabe des Impfstoffs AstraZeneca für alle dürfte die Zahl der Geimpften weiter erhöhen, auch bei den Unter-60-Jährigen.

Die nun beschlossenen Erleichterungen für Geimpfte werden also für viele Eltern gelten. Doch diese fragen sich, was ihnen das mit Blick auf den Urlaub bringt, falls für ihre Kinder Hürden bestehen blieben. Befeuert werden solche Befürchtungen durch Ansagen, wie sie das Land Mecklenburg-Vorpommern diese Woche machte.

Mecklenburg-Vorpommern schließt Kinder aus

Seit Mittwoch dürfen Personen wieder in das Land einreisen, sofern sie ihren zweifachen Piks schon hinter sich haben. Allerdings betont  die Landesregierung: »Diese Regel gilt nur für die vollständig geimpften Personen, diese dürfen sich nicht von anderen Personen begleiten lassen.« Also auch nicht von ungeimpften Kindern?

So ist es. Das bestätigte das Wirtschaftsministerium in Schwerin gegenüber dem SPIEGEL. Die Regelung bezieht sich auf Tagesausflüge. »Weiter nicht erlaubt bleibt die Beherbergung.« Bereits am Donnerstag hatte das Gesundheitsministerium der »Ostsee-Zeitung«  mitgeteilt: »Wenn Mitglieder der Kernfamilie nicht ›vollständig geimpft‹ sind, gilt die Einreisemöglichkeit leider nicht.«

Die Aufregung unter Eltern ist groß. Auf Twitter bezeichnen Nutzerinnen und Nutzer diesen Schritt als »einfach kinder- und familienfeindlich«, manche drohen, »keinen touristischen Cent mehr« in der Urlaubsregion ausgeben zu wollen. Und jemand fragt: »Seid ihr total bescheuert?«

Es sei der »Dammbruch, den Eltern erwartet haben«, schreibt die »Welt«-Journalistin Caroline Turzer in einem Tweet: »Kinder, die sich ein Jahr lang solidarisch gezeigt, die größten Einbußen hinnehmen mussten, werden von der Rückkehr ins Leben ausgeschlossen. Dieses Land ist so kinderfeindlich, dass es mich gruselt.«

»Gerade in diesen Zeiten, nach Monaten des Lockdowns mit Homeschooling und Homeoffice, sind gemeinsame Momente mit der ganzen Familie – aber auch die Bedürfnisse jedes einzelnen Familienmitgliedes – extrem wichtig«, sagt Alexandra Massek vom Veranstalter Vamos Reisen dem SPIEGEL. »Gemeinsam Abenteuer erleben, Entspannung finden und den Austausch mit anderen Familien erleben.«

In den kommenden Wochen stünde das Unternehmen mit Sitz in Hannover jedoch vor der Herausforderung, sich »dynamisch an die sich erst nach und nach entwickelnden Vorgaben vor Ort anzupassen«, die wohl auch von Land zu Land variieren werden. Noch ist nicht hundertprozentig klar, wie beispielsweise Spanien oder Italien – beliebte Reiseziele bei deutschen Familien – mit der Situation umgehen werden, welche Einreisebestimmungen sie für geimpfte Eltern mit ungeimpften Kindern erlassen werden.

Familie auf Fernreise? Eher kompliziert

Dass die Reisemöglichkeiten unterschiedlich sein werden, wird allein schon von variierenden Infektionslagen und vom jeweiligen Impffortschritt abhängen. Doch auch die Hygienekonzepte werden laut Ingo Burmester, Chef von DER Touristik, eine große Rolle spielen.

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»Auf der Fernstrecke wird es Länder geben, die zunächst nur Geimpfte einreisen lassen«, sagt Burmester dem SPIEGEL. »Dort wird es für Familienurlaub mit Kindern schwierig.« Welche das sind? Das lasse sich im Moment noch nicht genau abschätzen. Der Reisekonzern blicke »sehr gespannt« auf Australien, Neuseeland und Mauritius und empfiehlt, im Reisebüro oder direkt beim Veranstalter aktuelle Informationen zu erfragen.

Wo man ausschließlich mit vollständiger Immunisierung einreisen kann, oder bei Kreuzfahrten, die ebenfalls einen kompletten Impfschutz voraussetzen, rechnet DER Touristik mit verhaltenem Interesse bei Familien. Die Nachfrage nach Selbstfahrertouren, wie zum Beispiel durch die USA, Australien oder Neuseeland, sei bei dieser Zielgruppe eingebrochen.

Wie Österreich Urlauber locken will

Ganz anders klingen die Prognosen beispielsweise für Österreich. Hier verzeichnet DER Touristik einen »enormen Anstieg an Buchungsanfragen von Familien«. Burmester spricht von einem »regelrechten Österreich-Urlaubsboom«, seit Bundeskanzler Sebastian Kurz bekannt gegeben hat, wie er sich die nächsten Öffnungsschritte im Tourismus vorstellt. Geimpfte, Getestete und Genesene sollen ab dem 19. Mai einreisen dürfen. Für Urlauber aus Deutschland soll die Quarantänepflicht wegfallen (hier  finden Sie alle offiziellen Informationen der österreichischen Regierung). Die österreichische Regierung plant zudem, dass Hotelgäste bereits drei Wochen nach der Erstimpfung keine Tests mehr vorweisen müssen. Bedenken müssen Reisende allerdings, dass Österreich aus deutscher Sicht derzeit noch Risikogebiet ist, was eine Testpflicht bei Rückreise und mindestens fünf Tage Quarantäne bedeutet.

Neben Österreich gehe auch Griechenland aktuell »besonders entschlossen und verantwortungsvoll auf seine Gäste zu«, sagt Burmester. Das beliebte Reiseland habe ein ausgereiftes Testkonzept, Kinder ab sechs Jahre hätten die Möglichkeit, mit einem Test einzureisen. Sowohl Österreich als auch Griechenland könnten »zu Vorbildern für viele Länder in Europa und rund ums Mittelmeer« werden.

In Dänemark gilt auch bereits eine familienfreundliche Lösung für vollständig geimpfte Eltern. Sofern sie aus einem EU-Land kommen, das nicht als Risikogebiet (»rote« Länder) gilt, dürfen sie ins Land – ganz ohne Test und Quarantäne. »Kinder (unter 18 Jahren) vollständig geimpfter Personen dürfen mit einreisen«, schreibt das Auswärtige Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen . Für 15-17-jährige Kinder bleibe die Testpflicht vor und nach Einreise bestehen.

Vamos Reisen hofft »auf umsetzbare Impfregeln, die auch und gerade Familien einen Sommerurlaub ermöglichen«, auch außerhalb Deutschlands. »Entweder geimpft oder getestet« – das werde die Devise in den relevanten Urlaubsländern sein, sagt Aage Dünhaupt, Pressesprecher von Deutschlands größtem Reiseveranstalter TUI. Er geht davon aus, dass Länder wie Spanien entsprechende Regeln aufstellen werden. »Wir müssen uns da natürlich immer an den Landesvorgaben ausrichten.« Politik und Reisebranche müssten eng abgestimmt und entschlossen zusammenarbeiten, sagt DER Touristik-Chef Burmester. Dann werde das Reisen mit ungeimpfen Kindern kein Problem sein.

In Mecklenburg-Vorpommern äußert sich das Wirtschaftsministerium, das auch für Tourismus zuständig ist, noch nicht dazu, wie genau die nächsten Öffnungsschritte für den Familienurlaub aussehen werden. Mit der aktuellen Regelung zu Tagesausflügen für Geimpfte habe man nur die Corona-Landesverordnung in Bezug auf die Einreiseregelung neu geregelt, wozu das Oberverwaltungsgericht die Landesregierung aufgefordert hatte. »Politik und Branchenvertreter beraten regelmäßig über Öffnungen des Tourismus – beispielsweise in Abhängigkeit der Entwicklung der Inzidenzen sowie der Impfrate«, heißt es aus der Pressestelle. Das Kabinett werde sich mit dem Thema voraussichtlich in seiner nächsten Sitzung befassen.

Dann wird sich zeigen, wann und wie das Bundesland Urlaub wieder möglich machen will. »Mecklenburg-Vorpommern hat aufgrund der Infektionslage noch sehr strenge Schutzmaßnahmen«, sagte ein Regierungssprecher dem SPIEGEL. »Schulen und Kitas sind nach wie vor bis auf eine Notbetreuung geschlossen.« Es sei »das klare Ziel, dass so schnell wie möglich wieder Urlaubsgäste in unser Land kommen können«. »Wenn Urlaub bei uns wieder möglich ist, dann selbstverständlich auch für Kinder und alle Familien.«

Verhandelt wird derzeit auch über ein Modellprojekt, ähnlich dem des Nachbarlandes Schleswig-Holstein. Dort wird derzeit unter strikten Hygienemaßnahmen die Öffnung für Urlauberinnen und Urlauber erprobt. Die zu Mecklenburg-Vorpommern gehörende Insel Hiddensee hat sich für ein ähnliches Konzept bereits als Region ins Spiel gebracht. Im Internet wirbt sie mit dem Satz: »Familien fühlen sich auf der Insel Hiddensee ganz besonders wohl.«

Anmerkung der Redaktion: Die Erläuterung des Regierungssprechers hat uns nach Veröffentlichung des Artikels erreicht. Wir haben die Passage ergänzt.