Geschenktipp "Wildes Deutschland" Amazonas vor der Haustür

Geheimnisvolle Nebelberge, romantische Märchenwälder: Der Bildband "Wildes Deutschland" zeigt Naturparks der Republik in poetischen Aufnahmen. Bei manchen von ihnen glaubt man kaum, dass sie nicht in Kanada, Südamerika oder in der Karibik entstanden sind.

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Bildband "Wildes Deutschland": Natur pur
Fast senkrecht ragen die schroffen Felswände gen Himmel, im Tal ziehen Nebelschwaden über das saftige Grün der Bäume. Die Aufnahme erinnert an die Naturszenerie in Kanada oder im Yosemite-Nationalpark in den USA. Doch tatsächlich ist das Elbsandsteingebirge zu sehen.

Was wie ein gewaltiger Wasserfall im südamerikanischen Regenwald wirkt, ist in Wahrheit ein reißender Bach nach einem Regenguss bei Todtnau im Schwarzwald. Und zwischen türkisblauem Meerwasser könnte der Betrachter die Insel Bock in der Boddenlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern zumindest auf den ersten Blick für ein Reiseziel in der Karibik halten.

Mit dem Bildband "Wildes Deutschland" gelingt es dem Fotografen Norbert Rosing immer wieder, sein Heimatland so darstellen, dass der Leser zu Vergleichen mit berühmten Reisezielen in der Ferne angeregt wird. Rosing fuhr mehr als 210.000 Kilometer durchs Land auf seiner Suche nach fotogenen Outdoor-Motiven. Sämtliche Bilder zeigen Details der "Nationalen Naturlandschaften", die seit 2005 unter dieser Bezeichnung besonders geschützt werden.

Manchmal kam er sich bei der Arbeit sogar selbst vor wie im fernen Ausland. "Ich habe im Elbsandsteingebirge bei minus 17 Grad, Schnee und Wind fotografiert", sagt der Fotograf. "Wenn man einen ganzen Tag auf so einem Felsen ausharrt, nur Wurstbrot und Tee dabei hat, fühlt man sich wie in der tiefsten Arktis."

Deutschlandurlaub und Natur liegen im Trend

Das Buch erscheint bereits in seiner 5. Auflage, wirkt aber aktuell wie nie, da es an zwei touristische Trends anknüpft: Zum Ersten sind immer mehr deutsche Urlauber in ihrem Heimatland unterwegs, was nicht nur am Sparzwang durch die Wirtschaftskrise liegt. Denn schon Heine und Fontane wussten um die ganz eigene Stimmung und Schönheit der heimischen Wald- und Seenlandschaften.

Zum Zweiten zieht es reizüberflutete Großstädter immer öfter in die Wildnis. Outdoor-Kleidungsanbieter können sich über prächtige Umsätze dank einer finanzstarken Klientel freuen. "Die Dominanz einer industriell geprägten Landnutzung einerseits und ein wachsendes ökologisches Bewusstsein andererseits wecken bei immer mehr Menschen die Sehnsucht nach unreglementierter, nach ursprünglicher Natur, verbunden mit Stille und Einsamkeit", schreibt der renommierte Agrarwissenschaftler Michael Succow im Vorwort.

Wo man so etwas findet, zeigt das Buch mit poetischen Aufnahmen von Wattenmeer und Müritz, Berchtesgadener Land und Bayerischem Wald, Rhön und Eifel. Ergänzt werden die Momentaufnahmen durch Texte von Journalisten, die in den entsprechenden Regionen zu Hause sind.

Auch wenn dabei immer wieder Vergleiche mit fernen Gestaden in den Sinn kommen, haben die Bilder zugleich etwas sehr Vertrautes und Nahes, das jeder von eigenen Wanderungen in Wald und Watt kennt: Bergfichten und Farne, Buchen und Eichen, Luchse und Gämsen. Manchmal harrte der Fotograf stunden- oder gar tagelang aus, bis Licht und Motiv perfekt waren. Rosing verzichtet aus Prinzip auf dramatisierende Bildbearbeitungstricks und arbeitete (mit einer Ausnahme) ausschließlich mit der Analogkamera.

Das Ergebnis ist eine Entdeckungsreise durch eine Republik, die viel mehr bietet als Märchenschlösser, Altstadtrundgänge und Oktoberfest. "Es muss nicht immer das Ausland sein. Das vielfache kleine Wunder liegt direkt vor unserer Haustür", schreibt der Fotograf.

sto



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