Glühweinfahrt im Spreewald Nicht nur einen im Kahn

Wer würde sich bei Schnee und Eis schon in einen Holzkahn setzen? Die Fährmänner des Brandenburger Spreewalds waren zunächst skeptisch. Heute sind ihre Glühweinfahrten ein Erfolg. Das stille Gleiten durch die Winterwasserlandschaft ist ein fast mystisches Erlebnis.

Michael Schön / Hagens Insel

Fast lautlos gleitet der hölzerne Kahn durch das seichte Wasser der schmalen Kanäle. Auf Pappeln, Weiden und Erlen entlang der Spree-Kanäle liegt etwas Schnee - es ist ein kalter, klarer Wintertag. Wir kuscheln uns in dicke Wolldecken, genießen die Wärmflasche auf dem Schoß.

Dann lassen wir den Blick gen Himmel schweifen, wo mit Raureif bedeckte Baumkronen wie Kunstwerke wirken - und nippen am heißen Glühwein aus Holunderbeeren, den uns Ramona Conrad in Thermoskannen mitgegeben hat.

Früher wären die Spreekähne in der kalten Jahreszeit in den Bootshäusern geblieben."Das kam erst ein paar Jahre nach der Wende. Vorher gab es hier keinen Winterbetrieb", erklärt Hagen Conrad, während er den Kahn mit kräftigen, gleichmäßigen Stößen durchs Wasser stakt. Der Hotelier Heinrich Michael Clausing vom Hotel Zur Bleiche, dem größten Wellnesshotel der Region, habe 1995 als Erster Winterfahrten für seine Gäste gefordert.

"Wir haben nicht geglaubt, dass das funktionieren kann", sagt Conrad, er und seine Fährmannskollegen reagierten zunächst skeptisch: "Wer setzt sich im Winter in einen Kahn, habe ich mich gefragt?" Wenn die Landschaft trist und trostlos erscheint.

Doch die Menschen, die zu dieser Zeit den Weg in die einzigartige Flusslandschaft südöstlich von Berlin finden, scheinen daran Gefallen zu finden. "Das Laublose verstärkt das Mystische. Meine Frau sagt immer, dann sehe man hinter jedem Baum Elfen hervorkommen", sagt der Fährmann und lacht.

Keine Radler, keine Paddler - alles ruhig

Die Idee des Hoteliers funktionierte jedenfalls wider Erwarten gut. Heute werden in jedem Hafen zwischen Lübben und Burg Mummel- und Glühweinkahnfahrten angeboten. Hagen Conrad und sein Team haben von ihren insgesamt acht Kähnen, die in dem rustikalen Holzschuppen ihrer kleinen Halbinsel bei Burg auf Gäste warten, fünf das ganze Jahr im Einsatz.

Dass Kahnfahrt nicht gleich Kahnfahrt ist, spürt man auf den Armen der "kleinen Spree" besonders. Für die großen Kähne, die ganze Busladungen voller Passagiere durch die Fließe gondeln, sind die Wasserarme hier zu eng. Für Paare und kleine Gruppen ist es daher umso beschaulicher.

"Jetzt ist es hier so schön ruhig. Man hat den Spreewald ganz für sich", sagt Hagen Conrad. Besonders in der eher tristen Jahreszeit, denn störenden Verkehr gibt es nun auch nicht. "Es sind keine Radler mehr unterwegs, und die Heerscharen von Paddlern sind auch weg. Die sind sonst lästig beim Überholen", sagt der Fährmann: "Wir haben hier drei Vorteile: stilles Gleiten, langsames Gleiten - und kein einziges Schlagloch."

Und nichts verstellt dem Fahrgast die Sicht, während das Laub der Bäume im Sommer den Blick auf natürliche Weise beschränkt. Die Tiere des Spreewald lassen sich nun leichter beobachten. "Rehe im Sprung, oder eine Wildschweinrotte, wie wir sie neulich erst gesehen haben - das erlebt man nur im Winter mitten am Tag", sagt Conrad.

Pulloverschweinchen und Poesie

Und manchmal zeigen sich sonderbare tierische Gestalten, wie der humorvolle Fährmann vor allem seinen jüngsten Gästen weiszumachen versucht - wenn er sie auf die "Spreewaldhirsche ohne Geweih" (Pferde) und die kuschelig anmutenden "Pulloverschweinchen" (Schafe) auf der Wiese hinweist. "Viel Ahnung von Tieren hast du ja nicht", müsse er sich dann meist als Antwort anhören.

Seine erwachsenes Publikum unterhält der 46-Jährige auf poetische Weise: "Welch festlicher Morgen, von Rauhreif verschönt! Das Schilf am Fließrand knistert und tönt", rezitiert der Fährmann frei nach Eva Strittmatter, während er das vier Meter lange Rudel, so heißt die Stange aus Eschenholz, die er zum Staken benutzt, ins Wasser taucht. Goethe, Rilke, von Eichendorff, Hebbel und Moerike sind nur einige der Dichter, deren Verse Conrad vorträgt.

Eigentlich schade, dass wir nach knappen eineinhalb Stunden den Kahn schon wieder an den dicken Eichenbohlen am Steg von "Hagens Insel"festmachen. "Das ist für die Jahreszeit die richtige Dauer", versichert Conrad, während er von seinen Gästen den Fahrpreis kassiert. Im Hofladen, präsentiert "Kräuterhexe" Ramona besondere Spezialitäten der Region wie Hanföl, Honig und Meerrettich - und natürlich den Holunder-Glühwein, bei dessen Genuss man sich später zu Hause gerne an eine wunderbare kleine Auszeit im Spreewald erinnert.


Information:

Bootsvermieter Hagens Insel: Hagen Conrad, Weidenweg 4, 03096 Burg/Spreewald, Tel. 035603/61839. Die Winterkahnfahrten "mit Sitzheizung und Holunderglühwein" kosten ab zehn Personen 6 Euro pro Stunde. Neben Standardfahrten bietet Conrad individuelle und Themenfahrten an.

Rudi Stallein/srt/abl



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