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Grumsiner Forst: Waldbaden unter Buchen

Foto: Patrick Pleul/ DPA

Grumsiner Forst in Brandenburg Im Bann der Buchen

Der Grumsiner Forst mit seinen schwarzen Moorseen und im Herbst leuchtenden Buchenwäldern zählt zum Welterbe - und ist dennoch ein Geheimtipp.
Von Oliver Gerhard

Bei geschlossenen Augen klingt es fast wie Regen: Mit jedem Windhauch lösen sich weitere Blätter von den Ästen und Zweigen der gewaltigen Buchen. Sanft segeln sie zu Boden, hier und da blitzen sie im Licht der schräg einfallenden Sonnenstrahlen gelb, rot oder orange auf. Ein Herbstmorgen im Buchenwald Grumsin, der seit 2011 zum Weltnaturerbe der Unesco zählt - zusammen mit anderen europäischen Buchenwäldern.

"Am Tag der Bekanntgabe läuteten die Kirchenglocken rund um den Grumsin und die Anwohner stießen mit Sekt an - der Titel löste Euphorie aus, viele erhofften sich einen Aufschwung für die einsame Gegend", erinnert sich Roland Schulz. Der Förster, Journalist und Naturführer kam nach der Wende in die Region, aus der seine Eltern vor dem Mauerbau weggezogen waren.

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Grumsiner Forst: Waldbaden unter Buchen

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"An manchen Stellen ist der Wald bis zu 200 Jahre alt", sagt der 59-Jährige und zeigt auf einen Baumriesen, der von großen Zunderschwämmen besetzt ist. Seit mehr als 30 Jahren hat niemand mehr im sechs Quadratkilometer großen Grumsiner Forst gewirtschaftet. Und auch vorher stand er unter besonderem Schutz: Weil das DDR-Politbüro hier gern zur Jagd ging, blieben Sümpfe und Moore als Rückzugsgebiete für das Wild erhalten.

Hügelgräber und Eiszeitseen

Beim Wandern durch den "Urwald im Werden" wechseln sich steile Hügel mit schwarzen Moorseen und Tümpeln voller Entengrütze ab, unter den Buchen liegt ein Teppich aus roten Blättern. Es riecht nach Pilzen und modrigem Laub. Einmal flüchtet ein Reh ins Dickicht, aus der Ferne schallen immer wieder heisere Rufe: "Vor 25 Jahren habe ich hier den ersten Kranich gesehen - inzwischen brüten viele regelmäßig im Grumsin", sagt Schulz.

Auch Spuren langer Bewirtschaftung sind noch zu finden: die Reste bronzezeitlicher Hügelgräber, überwachsene Dorfverbindungen und Hohlwege, und Relikte der Steinschläger, die über Jahrhunderte in nahegelegenen Gruben Steine für Kirchen, Gehöfte - und das Berliner Straßenpflaster - abbauten.

Roland Schulz hat seine Tour  im Dörfchen Altkünkendorf begonnen. In den 230-Einwohner-Ort führt von Angermünde nur ein schmales Sträßchen, durch Alleen und vorbei an Feldern mit kreisrunden Kleingewässern, den eiszeitlichen Söllen. Über einen Feldsteinweg gelangt man schließlich in den Wald, vorbei am Weiler Luisenhof, wo ein Künstlerpaar jedes Wochenende bis in den Herbst in seinem Atelier Kaffee und Kuchen serviert.

Unterwegs erklärt der Naturführer, wie Bäume mit Duftstoffen untereinander kommunizieren. Er berichtet von der Symbiose zwischen Pilzen und Bäumen und von der ungeheuren Energieleistung, mit der die Buchen im Frühjahr innerhalb kurzer Zeit Zehntausende von Blättern produzieren. Und sagt über sich: "Ich lerne immer wieder Neues - und bin doch noch weit davon entfernt, wirklich etwas davon zu verstehen."

Geschützte Adler, verprellte Anwohner

Trotz der Nähe zu Berlin blieb der Buchenwald Grumsin bis heute ein Geheimtipp, kein Wanderer kommt der Gruppe über Stunden entgegen. Die Bewohner der Region sehen dies jedoch anders: Die Angst vor "Overtourism", vor einem Zuviel an Besuchern, macht die Runde. Bestimmt spielt dabei auch eine Rolle, dass der Welterbetitel nicht den erhofften Aufschwung brachte, viele Junge waren schon vorher, Ende der Neunzigerjahre, weggezogen - erst heute kehren die Ersten zurück.

Darüber hinaus wurde 1990 ein Großteil des Gebietes zum Totalreservat erklärt - zum Schutz der Schwarzstörche und Seeadler. Zum Ärger der Anwohner, die hier vorher Pilze, Früchte, Brennholz sammelten und in den Seen angelten. Und für jene, die Land abtreten mussten. "Die Letzten wurden erst nach 30 Jahren entschädigt. Der Naturschutz hat den Fehler gemacht, zu wenig mit den Menschen zu reden und zuzuhören", sagt Schulz.

Grumsiner Forst

Umso wichtiger findet der Naturführer die geführten Touren ins Naturerbe: "Wir müssen den Menschen die Schönheit zeigen - sie hatten früher viel mehr Bezug zum Wald", sagt Schulz. Und begeistert sich wieder für die Naturwunder am Wegesrand: die moosbewachsenen Wurzelhälse der Bäume, die wie Saurierfüße im Laub stehen; die eiszeitlichen Findlinge; die umgestürzten Stämme, die vielen Insekten einen Lebensraum bieten. Vielleicht genau der richtige Ort, um sich demTrend des Waldbadens hinzugeben - des Schwelgens im Grün der Bäume.

Oliver Gerhard ist Autor im Journalistenbüro srt und recherchierte mit Unterstützung des Tourismusvereins Angermünde.

srt