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Hamburg: Ramps und Rails im Gartenpark

Foto: igs 2013 / Benjamin Gleichmar

Hamburgs neuer Skatepark Brettern zwischen Blümchen

Auf der Internationalen Gartenschau in Hamburg ist einer der besten Skateparks Europas entstanden. Die hohen Eintrittspreise allerdings schrecken manche Sportler ab - sie freuen sich auf die große Party, wenn die Blumenzüchter abgezogen sind.

Christoph Schlemmers erster Kontakt mit einem Skateboard endet auf dem Hosenboden. Sein Brett hat ihn aus voller Fahrt abgeworfen. Jetzt sitzt er auf dem weißen Beton, das Brett liegt umgedreht vor ihm: "Ich hätte nie gedacht, dass das so schwer ist", sagt Schlemmer. Dann steht er auf, wischt sich den Staub von den Klamotten und sammelt sein Board ein. "Aber es macht auch unheimlich Spaß".

Schlemmer trägt rote Schuhe und Shorts, außerdem einen Helm und dicke Plastik-Protektoren an Knien, Händen und Ellbogen. Er ist 45, nicht gerade das typische Alter für erste Skate-Erfahrungen. Dass er an einem Schnupperkurs im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg teilnimmt, ist eher Zufall. "Das Schild stand mitten auf unserer Route", sagt Schlemmer.

Die "Route" ist der Rundweg über die Internationale Gartenschau (IGS), die derzeit in Hamburg stattfindet. Neben bunten Blumenbeeten, exotischen Gärten und diversen Wasserflächen ist dort auch ein neuer Skatepark entstanden, der zu den besten Europas gehört. Auch Anfänger können dort in der Ebene erste wackelige Stehversuche machen. Daneben bringen zahlreiche Schrägen und Hindernisse aber auch gestandene Skater an die Grenzen ihres Gleichgewichts.

Vom Beton in die Schwerelosigkeit

Auf fast 1700 Quadratmetern wurde in Wilhelmsburg ein weißes Wunderland gegossen, ein Abenteuerspielplatz aus Ramps, Rails, Curbs und Ledges. Herrlich glatt ist der Beton. Was die Skaterherzen aber besonders hoch schlagen lässt, ist die "Bowl": Ein etwa zwei Meter tiefes, kurvenreiches Betonbecken, an dessen Wänden die Könner mit einem satten Schmatzen entlang gleiten und sich dann über den Rand in die Schwerelosigkeit katapultieren.

"Das Ding ist inzwischen weit über Deutschland hinaus bekannt", sagt Torben Hansen. "Am Wochenende sind sogar ein paar Finnen angereist und haben das Ding zerstört." Hansen, 31, ist einer der Trainer beim Schnupperkurs. Er kommt aus Hamburg und fährt Skateboard, seit er elf Jahre alt ist.

Skateboarden bestimmt sein Leben, sein Denken, seine Sprache. "Zerstören" bedeutet in seinem Jargon, dass die Jungs aus Finnland einen Abend lang im Bowl gezeigt haben, was sie drauf haben. "Und das war echt gut", sagt Hansen. "Ich bin sicher, es dauert nicht mehr lange, dann kommen die ersten Amis hier vorbei." Das, sagt sein Blick, wäre dann ein echter Knaller.

Denn die Amis dominieren das Skateboarden ungefähr so wie Bayern München den Fußball. In den sechziger Jahren haben ein paar junge Wilde versucht, mit einem Holzbrett und vier Rollen das Wellenreiten vom Wasser auf den Asphalt zu verlegen.

Zwei Jahre Planung, 500.000 Euro Kosten

Heute verdienen professionelle Skateboarder mit Sponsoring, Marketing und Videospielen Millionen. Manche behaupten deshalb, die Helden der Straße hätten ihre Seele verkauft - und die des Sports gleich mit. Hansen zuckt mit den Schultern. "Das Wichtigste am Skateboarden bleibt das Lebensgefühl", sagt er. "Und das kannst du überall haben. Und in jedem Alter." Manchmal kurvt Hansen selber spät abends bei eingeschaltetem Flutlicht in seinem Skatepark herum.

Gebaut hat den die Firma Minus Ramps aus Zadrau. Dort arbeiten ausschließlich Skateboarder, die eine Ausbildung als Tischler, Elektriker oder Informatiker haben. "Wenn wir eine Anlage bauen, dann so, dass wir selber Spaß daran haben", sagt Unternehmenschef Matt Grabowski. Zwei Jahre dauerten die Planungen für den Wilhelmsburger Skatepark, 500.000 Euro hat der Bau gekostet. Denn die Rampen und Hindernisse sind keine Fertigbauteile, sondern wurden vor Ort errichtet, in Beton gegossen und am Ende von Hand in Form gebracht. Das Ergebnis ist vor allem im "Bowl" spürbar: Durch die vielen konvexen und konkaven Wölbungen wird man in der Betonschüssel extrem schnell.

Bei der Planung der Anlage haben aber auch die Organisatoren der IGS ein Wörtchen mitgeredet. "Deswegen stecken jetzt Bambusbüsche im Beton", sagt Grabowski. "Sieht ganz hübsch aus, oder?"

Neben dem Bambusgestrüpp erklärt Torben Hansen den Schnupperkurs-Teilnehmern, wie man auf dem wackeligen Brett die Stellung hält. Sein wichtigster Tipp: "Wenn ihr das Gleichgewicht verliert, fallt ihr besser nach vorne als nach hinten." Julian, 10, und Sebastian, 12, sind nach einer Stunde auf dem Brett schon fix und fertig. Kein Wunder: Es ist Mittag, die Sonne drückt wie ein Presslufthammer auf den Beton. "Mir ist heiß", stöhnt Julian. "Dürfen wir ins Wasserbecken?"

Stolze Preise für Tickets

Das Wetter war bisher keine große Hilfe für die Gartenschau. 2,5 Millionen Menschen sollen während der fünfmonatigen Ausstellung "In 80 Gärten um die Welt" reisen. Von solchen Zahlen sind die Veranstalter jedoch derzeit weit entfernt. Im Mai und Juni konnten sich wegen des Regens nur sehr leidenschaftliche Gartenfreaks für Rosenboulevard und Schleswig-Holsteinische Knicklandschaft begeistern. An manchen Tagen fuhr die hochmoderne Monorail-Bahn fast leer durch die Anlage.

Aber selbst an einem sonnigen Sonntag im Juli kommen weniger Besucher als erwartet. Womöglich sind daran auch die Preise schuld: Stolze 21 Euro kostet das Ticket für Erwachsene. Wer eine Runde mit der Bahn über das Gelände schweben will, legt noch mal 7,50 Euro drauf.

Darauf können die Skateboarder gut verzichten, schließlich haben sie ihre eigenen vier Rollen. Trotzdem müssen auch sie für jeden Besuch im Skatepark den vollen Eintritt bezahlen. Für Jugendliche immerhin gibt es eine Dauerkarte für 24,50 Euro. Hansen findet die Preise trotzdem "leicht übertrieben".

Der Skatepark ist nicht die einzige Sportstätte auf der IGS. Neben den Beeten ist ein regelrechter Freizeitpark entstanden: Es gibt ein neues Hallenbad, einen Hochseilgarten und eine moderne Kletterhalle. Auf den zahlreichen Wiesen kann man über Slacklines balancieren, Trampolin springen oder sich ums Reck wickeln. "Wir wollten mit dem Sportangebot auch diejenigen anlocken, die eigentlich gar nicht zur IGS kommen würden", sagt Kerstin Feddersen, Sprecherin der Gartenschau .

Kletterhalle, Schwimmbad und der Skatepark bleiben auch geöffnet, wenn die Blumen längst verblüht sind. Torben Hansen freut sich schon darauf, mit einer Grillparty neben der Skateanlage will er das feiern. "Dann gehört der Park ganz uns", sagt er.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Firma Minus Ramps sei in Berlin ansässig. Sie stammt jedoch auch Zadrau. Dieser Fehler wurde nun korrigiert.

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