Hans Falladas Haus in Carwitz Idylle mit Einschussloch

Nervenheilanstalten, Trunksucht, Ärger mit dem NS-Regime: Das Leben des deutschen Autors Hans Fallada war voller Rückschläge. Seine besten Jahre verlebte er im mecklenburgischen Carwitz - bis ihn ein Pistolenschuss vor Gericht brachte. Ein Besuch im Haus des Schriftstellers.


In der glatten Oberfläche des Carwitzer Sees spiegelt sich der kobaltblaue Himmel und verleiht dem Gewässer einen Hauch von Karibik.

Fotostrecke

8  Bilder
Carwitz: Hans Falladas Haus als Museum
Weit draußen ziehen Wasserwanderer vorbei, führen in ruhigem Zug ihre Paddel durch das Wasser. Vom anderen Ufer, die Verursacher verborgen vom dichten Schilf, dringt das Lachen spielender Kinder herüber. Es bedurfte wohl dieser vollkommenen Idylle in Carwitz, einem ruhigen Flecken Erde auf der Feldberger Seenplatte, um dem vom Unglück verfolgten Schriftsteller Hans Fallada einige der schönsten Jahre seines Lebens zu bescheren.

Hört man den Namen Fallada, so kommt einem meist jener Film aus dem Jahr 1995 ins Gedächtnis, in dem Harald Juhnke als "Der Trinker" die eigenen Dämonen beschwört. Der Alkohol verband den Schauspieler mit dem Schöpfer der literarischen Vorlage. Fallada, geboren 1893 unter dem bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, kämpfte den Großteil seines Lebens mit der Sucht, konsumierte auch Opium. Doch neben Aufenthalten in Gefängnissen und Nervenheilanstalten - unter anderem, weil er einen Schulkameraden im Duell tötete - gab es in Falladas Leben auch Phasen unbändiger Schaffenskraft und familiären Glücks.

Wer dem nachspüren will, der hat im mecklenburgischen Carwitz Gelegenheit dazu. Hier lebte der Autor elf Jahre lang auf einem Bauernhof, von 1933 bis 1944. Von den Nazis argwöhnisch beäugt, beschränkte sich Fallada zu dieser Zeit weitgehend auf Bücher für Kinder und Erzählungen über das Familienleben.

Manuskript in der Schreibmaschine

Die Räume des Hauses sind heute ein Museum. Sie sehen so aus, als wäre Fallada nur kurz für einen Nachmittagsspaziergang hinausgegangen. Zentral, mitten im Wohnzimmer des Hauses, steht der Schreibtisch. Auf der Tischplatte liegen Griffel, Tintentöpfe, Kaffeekanne und eine Schreibmaschine, darin eingespannt eine unvollendete Manuskriptseite. "Wir wollten den Originalzustand so weit wie möglich herstellen", sagt Museumsdirektor Stefan Knüppel.

Zur Rechten des Schreibtisches blickt Anna Ditzen, Falladas Ehefrau, von einer Zeichnung. Gegenüber, gleich über dem Sofa, hängt das Lieblingsbild der Hausherrin, die Madonna mit Kind. Dieses Bild hat, wie auch die vier weiteren Familienporträts im Wohnzimmer, eine bewegende Geschichte. Geschaffen hat sie der Berliner Maler Heinrich Heuser, der als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Fallada ermöglichte dem verarmten Bekannten - gewiss nicht ohne eigenes Risiko - in Carwitz zu urlauben. Heuser wiederum revanchierte sich für diese Großzügigkeit mit den in Ölkreide geschaffenen Werken - ein Tauschhandel unter Verfemten.

Fallada galt als fanatischer Schreiber, erfüllte pedantisch sein Tagespensum, bevor er Zeit für Frau Anna und die drei Kinder erübrigte. Dann aber erwies er sich als rühriger Vater, der seine Bücher auch für den eigenen Nachwuchs schrieb. "Wir schenken ihnen eine Kindheit, deren Glück man aus ihren Augen abliest", sagte er.

Doch für Fallada muss die Zeit in Carwitz auch belastend gewesen sein: Seine gesellschaftskritischen Romane "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" und "Wir hatten mal ein Kind" wurden von der NS-Presse verrissen, im Jahr 1935 erklärte man ihn zum unerwünschten Autor. Er ging in die innere Emigration, die er nur einmal, mit dem Meisterwerk "Wolf unter Wölfen", durchbrechen konnte.

Renaissance dank Neuauflage

In den vergangenen Jahren erlebte das Werk Hans Falladas einen ungeahnten Aufschwung. Sein letztes Werk, der Schlüsselroman "Jeder stirbt für sich allein", wurde in ungekürzter Version neu aufgelegt. Fallada schildert darin, wie Berliner Kleinbürger nach dem Tod des Sohnes auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs daheim Pamphlete verteilen, die zum Widerstand gegen das Naziregime aufrufen. Mann und Frau enden in den Fängen der Henker.

Der Roman beruhte auf einer wahren Begebenheit. 1945 hatte Johannes R. Becher, später DDR-Kulturminister, Fallada die Prozessakten zugänglich gemacht und ihn zum Verwerten des Stoffes animiert. Fallada freilich schrieb in den Augen der roten Funktionäre, die auf die braunen gefolgt waren, nicht einseitig genug. So wurde das Manuskript nach seinem Tod zensiert. Der Erfolg der 2011 erschienenen Neuausgabe hat dem Museum in Carwitz viel Aufmerksamkeit und gestiegene Besucherzahlen beschert, berichtet Stefan Knüppel.

Ein Blick in das Gästebuch von früher beweist, dass neben Kulturgrößen wie dem Karikaturisten E. O. Plauen oder dem Schauspieler Mathias Wiemann auch Falladas Verleger Ernst Rowohlt immer wieder zu Besuch in Carwitz war. Am ausziehbaren, festlich eingedeckten Esstisch wurde dann lange und ausgiebig getafelt - Ausdruck von Falladas bürgerlichem Selbstverständnis. Rowohlt hatte die ersten großen Erfolge des Schriftstellers herausgebracht. "Fallada hat so die Insolvenz von Rowohlt verhindert", sagt Knüppel. Rowohlt revanchierte sich: Jobs im Verlag hielten Fallada so manches Mal finanziell über Wasser.

Streit mit Schusswaffe

Besucher können heute nicht nur die Räume des Hauses besichtigen, sondern auch durch den weitläufigen, von Obstbäumen, Blumen und Gemüsebeeten durchzogenen Garten schlendern. Die Kulisse dürfte jener entsprechen, die der Literat vor 70 Jahren sah, wenn er zur Honigernte in Richtung Bienenhaus lief. Über die Gestaltung der Beete durch den Angestellten "Opa Lewerenz" schrieb Fallada in seinem Buch "Heute bei uns zu Haus": "Viele schöne Steinstufen und Beetkanten aus schwedischem Granit hat der Opa für meinen Garten geschlagen und gemauert, das ist mein Mauerwerk, das noch für meine Enkel hält."

Das Mauerwerk hielt bis heute - die familiäre Idylle dagegen hielt nur kurz. Fallada und seine Ehefrau lebten sich auseinander, der Schriftsteller ging in Feldberg fremd mit einer ausgebombten Berlinerin. 1944 ließ das Paar sich scheiden, kurz darauf eskalierte die Situation: Als Fallada nach Carwitz zurückkehrte, um einige Habseligkeiten abzuholen, brach ein Streit zwischen ihm und Anna aus.

Sie beschimpften und schlugen sich, schließlich zog Fallada eine Taschenpistole. Krachend löste sich ein Schuss, die Kugel traf einen Tisch. Das Gericht wies Fallada nach einem Verfahren wegen versuchten Totschlags zur Beobachtung in die Landesanstalt Neustrelitz ein. Hier entstand das Manuskript zum "Trinker". Nach seiner Entlassung zog er nach Berlin. Er konnte nicht ahnen, dass der Titel dieses Romans ein Menetekel war.

Wenige Tage nach Vollendung starb Fallada. Seine Totenmaske, abgenommen von einem anonymen Berliner Künstler, können die Besucher im Obergeschoss des Hauses in Carwitz betrachten. Der Gipsabdruck vermittelt das Bild eines gequälten Menschen, der so starb wie die Figuren seines letzten Romans. Allein.

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.