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05. Mai 2019, 18:11 Uhr

"Hanseatic nature" von Hapag-Lloyd Cruises

Ein Ort für "bessere Menschen"

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Hapag-Lloyd Cruises hat die "Hanseatic nature" in Hamburg getauft. Das kleine Expeditionsschiff setzt ganz auf Luxus - und auf eine boomende Nische des Kreuzfahrtmarkts.

Der bunte Riesenpinguin schaut verdutzt auf den Meerwasserpool, ihm zu Füßen ein schwarzweißes Küken, scheinbar auch verwirrt. Um diese beiden Skulpturen aus alten Flipflops herum eilen Männer mit Arbeitshandschuhen, schieben Plastikwürfel zu einer Bar zusammen, ein Soundcheck dröhnt.

Die letzten Stunden vor der Taufe der "Hanseatic nature" sind angebrochen. Der Neubau ist schon verspätet aus der Vard Werft in Norwegen nach Deutschland hergeeilt, den ersten Tauftermin und die Jungfernfahrt musste Hapag-Lloyd Cruises verschieben. Jetzt soll es klappen. Am Sonntagnachmittag werden die Tampen für die erste Fahrt mit 230 Passagieren gelöst.

Hinter dem Terminal in Hamburg-Altona, dort, wo sonst 2500-Personen-Schiffe wie "Aida Sol" oder "Mein Schiff 5" aufragen, versteckt sich der Neuling der Hamburger Reederei. Die geringe Größe sowie die antarktischen Vögel auf Deck 9 geben einen Hinweis, was es mit diesem Schiff auf sich hat: Die kleine "Hanseatic nature" ist nicht für die gemütliche fünftägige Nordseerundfahrt konzipiert, sondern um die extremsten Regionen der Welt - wie die Polgebiete, aber auch Amazonas oder Marshallinseln - zu bereisen.

Das Expeditionsschiff kommt mit Eisstärken bis zu einem Meter klar, kann für 36 Tage Proviant und Treibstoff bunkern - ähnlich wie die 29 Jahre alte "Bremen" der Reederei. Zugleich soll es aber den Gästen den extremen Luxus des Fünf-Sterne-plus-Schiff der Reederei, der "Europa 2", bieten.

"Die Ansprüche der Luxuskunden haben sich geändert", sagt Karl J. Pojer, seit sechs Jahren Chef von Hapag-Lloyd Cruises, im Restaurant Hanseatic: "vom Haben zum Sein", ausgefallene Ziele und maßgeschneiderte Erlebnisse würden wichtiger.

Der Hotelprofi aus Österreich, der schon seit 1996 bei TUI, dem Mutterkonzern von Hapag-Lloyd Cruises, arbeitet, sitzt auf Deck vier, trinkt Milchkaffee und muss gleich aufbrechen, um seinen Parka für die Taufprobe im Nieselwetter zu suchen. Nach vier Jahren Planung und Bau und wohl einigen schlaflosen Nächten ist der 64-Jährige zufrieden, deutet auf die hellen Räume: "Wo finden Sie schon so viel Raum- und Platzangebot pro Passagier?"

Bis 2020 sind 20 neue Expeditionsschiffe geplant

Für einen Durchschnittspreis von 640 Euro pro Tag wird den Expeditionskunden viel Schiff geboten - auch wenn hier, anders als auf vielen Kreuzfahrtschiffen, eher die Natur und nicht das Gefährt an sich das Ziel ist. Drei Restaurants, Pool mit Gegenstromanlage, eine große Sauna, Fitnessbereich mit Kursraum, zwischen 21 und 71 Quadratmeter große Kabinen und Suiten - für kleine, auf Extremfahrten ausgelegt Schiffe ist das ungewöhnlich.

Designt ist alles nach dem Motto "Inspired by nature": Die Teppiche sind beigeblau im Eisschollenmuster, wie Korallen sind Wasserhähne geformt. Im Treppenhaus zieht sich ein hinterleuchteter Riss wie eine Lavaspalte hoch, an der Decke der Lounge Hanseatrium schwimmen Orcas über einen LED-Bildschirm.

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Die Reederei prescht mit dem jetzt fertigen Prototyp "Hanseatic nature" und den zwei folgenden Schwesterschiffen "Hanseatic inspiration" (Oktober 2019) und "Hanseatic spirit" (Mai 2021) in einen Markt vor, der zwar eine Nische ist, aber noch stärker wächst als der Kreuzfahrmarkt an sich. Bis 2020 sind 20 neue Expeditionsschiffe geplant, sagt Pojer, zugleich Chef des Branchenverbands Clia Deutschland, das würde eine Kapazitätserhöhung von bis zu 6000 Passagieren bedeuten.

Die Konkurrenz sieht er gelassen, zurzeit generieren seine neuen Schiffe 20 Prozent mehr Neukunden und sind extrem gut gebucht. Und: "2020 wird die Nachfrage laut unseren Marktforschungen immer noch dreimal so hoch sein wie das Angebot." Was ihn allerdings überrascht: dass viele Reedereien, die noch nie damit etwas zu tun hatten, in das Segment gehen. "Manche werden merken, dass es nicht so leicht ist."

Kein Flüssiggas geplant, dafür Marinediesel

Die Pole locken - Urlauber sowie Reedereien, die die enorme Nachfrage sehen. Wer in die empfindlichen Ökosysteme eindringen will, muss bereits jetzt strenge Regeln befolgen, etwa bei Emissionen, Sicherheit oder Landgängen. Um den Ausstoß an Schwefel und Stickoxiden fast ganz zu reduzieren, setzt Hapag-Lloyd Cruises daher weiterhin auf SCR-Katalysatoren und wird ab Juli 2020 auf allen Routen der Flotte auf Schweröl zu Gunsten von Marinediesel verzichten.

Ein Antrieb mit dem Flüssigerdgas LNG, zurzeit bei immer mehr Kreuzfahrtschiffsneubauten vorgesehen, ist für die Hamburger Expeditionsfahrer keine Alternative: vor allem, weil LNG wohl noch lange Zeit etwa in Südamerika oder im extremen Norden nicht verfügbar sein wird. "Die beste Methode, Emissionen zu vermeiden, ist, den Treibstoffverbrauch zu senken", sagt Henning Brauer, Leiter des Neubauteams. Bei der "Hanseatic nature" sei daher viel Aufwand betrieben, um Rumpf und ein spezielles Ruder zu optimieren.

Kritiker sehen den Andrang etwa in den Polregionen zum Teil kritisch: Auf Landgängen könnten fremde Arten eingeschleppt werden, Tiere in ihrer Ruhe gestört werden. Die Reedereien seien sich ihrer Verantwortung bewusst, die Destinationen zu schützen und nicht zu belasten, sagt Karl J. Pojer dazu. Schon die Kunden hätten hohe Ansprüche an die Veranstalter - und "sie kommen zurück als 'bessere Menschen'", sagt er.

Nicht zuletzt die Wissenschaftler, die auf den Reisen dabei sind, vermittelten das Bewusstsein, das zu bewahren, was sie erlebt hätten. Fünf bis sieben Experten pro Fahrt wie Geologen, Glaziologen oder Biologen halten Vorträge vor meterhohen Bildschirmen und führen ins Eis und in den Dschungel.

Die Außenwelt erfahren diese Luxusseefahrer dann über zwei herausfahrbare Balkone mit Glasboden auf Deck acht, direkt von einem Umlauf am Bug, per Seekajak und E-Zodiak. In einem extra Gummistiefelraum bereiten sich die Passagiere auf ungemütliche Landgänge vor, eine beheizbare Wand im Badezimmer soll die nasse Regenjacke trocknen. Wer vom widrigen Wetter genug hat, kann zum bereitgestellten Fernglas in der Kabine greifen.

Der Plastik-Pinguin am Pool, der vom Hamburger Taufnieselwetter durch ein flexibles Dach geschützt war, wird sich in den kommenden Tagen noch weiter von seiner Heimat entfernen: Die "Hanseatic nature" nimmt Kurs auf Schottland und dann Bergen in Norwegen.

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