Hotel Budersand auf Sylt Zedernholz-Chic statt Reetdach-Charme

Sylt wird modern: Im äußersten Süden der Nordseeinsel reckt sich das gerade eröffnete Hotel Budersand gen Meer. Mit seiner silbrigen Holzfassade passt sich das Haus der Dünenlandschaft an - und bildet dabei einen angenehmen Kontrast zur traditionellen Reetdach-Architektur.

Von Kerstin Walker


Das "Budersand" reckt sich der Nordsee entgegen wie eine Sylter Buhne, wie die Reihen an Betonpfählen, an denen sich die Wellen brechen. Aus dem Reetdachmeer der Inselhäuschen sticht das gerade erst eröffnete Fünf-Sterne-Hotel an der Sylter Südspitze hervor: Die Fassade mit Lamellen aus hellen Zedernholz und große Glasflächen hat nichts mehr mit dem gediegenen Charme der Fachwerkhäuser samt Wildrosen-Hecke davor gemein. Seinen Namen erhielt das Budersand-Hotel zwar nach der zweithöchsten Düne der Insel, die hinter dem Haus, zur Nordseeseite hin liegt und die dem 18-Loch-Golfplatz Rückendeckung gibt. Doch wer sich dem Gebäude in Hörnum nähert, wähnt sich in Norwegen: Bevor die Gäste auf dem gepflasterten Vorplatz des Hotels vorfahren, passieren sie eine neu geschaffene und ziemlich farbenfrohe Holzhaus-Siedlung, die auf den ersten Blick an Bergen im hohen Norden erinnert.

Auf dem Gelände der Anlage, in Nachbarschaft des alteingesessenen Sylter Yachtclubs, entstanden auch Wohnungen für die rund 130 Hotelangestellten. "Nicht bloß die Gäste sollen sich bei uns wohl fühlen", lautet die Philosophie der Budersand-Chefin Claudia Ebert. Auch die Angestellten sollen von der Existenz des neuen Hotels profitieren.

Jahrelang lag das das ehemalige Kasernengelände brach. Dort hatten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die ersten Bomben überhaupt auf Deutschland geworfen, und lange Zeit gab es niemanden, der sich für die Gestaltung der kontaminierten Fläche interessierte. Bis die Darmstädterin Claudia Ebert kam.

Geheimnisvolle Gänge zur Düne

"Die Pidder-Lüng-Kasernen haben wir vor vier Jahren komplett abgerissen," sagt Ebert. "Aus dem Bauschutt modellierten wir, soweit wie möglich, eine völlig neue Dünenlandschaft." Die Erbin aus der Wella-Dynastie investierte 50 Millionen Euro in den Neubau. Der Wunsch, ein derart modernes Hotel auf Sylt zu errichten, bestand bei der Diplomkauffrau seit langem: Seit ihrer Kindheit kennt sie die Insel und besitzt in Keitum selber ein altes Friesenhaus.

Während ihrer Arbeit, so erinnert sich die Bauherrin, erlebten die Abrisstrupps so manche Überraschung: "In der Tiefe stießen sie auf unterirdische Gänge, die alle in Richtung Budersand-Düne führten." Was auch immer sich womöglich unter dieser gewaltigen Sanddüne verbergen mag - es bleibt unangetastet. Und so kursierten schon vor der Fertigstellung des Budersand-Hotels Gerüchte, aus denen später, an der Hotelbar, wildes Seemannsgarn gesponnen werden kann.

Besagte Bar liegt übrigens überraschenderweise am Ende des Foyers und bietet beste Sicht auf alle Neuankömmlinge. Über dem Tresen schweben runde Leuchten aus mundgeblasenem Muranoglas, die Ebert in Venedig auswählte. Auf ihrem Streifzug durch Italien, woher auch der helle Perlino-Bianco-Marmor für die Bäder stammt, begleitete sie der Innendesigner Jan Wichers. Der 65-jährige Hamburger stattete bereits die deutschen Gucci-Filialen aus und einer seiner Entwürfe wird im Museum of Modern Art in New York zur Schau gestellt.

Das gesamte Hotel aber trägt unverkennbar Claudia Eberts Handschrift. Nicht bloß die Bar-Beleuchtung mit ihren herabhängenden, gläsernen Korallenarmen zeugt von der Lust und dem Interesse der Gastgeberin, sich mit Architektur, Design und Inneneinrichtung auseinanderzusetzen - und mit den Produktionsbedingungen der Möbel. Um begutachten zu können, wie zum Beispiel geflochtene Ledersessel hergestellt werden, flog Claudia Ebert mit ihrem Innendesigner auf die Philippinen. "Denn", so sagt die Hotelbesitzerin, "hätte ich in den Fabriken auch nur ein einziges Kind gesehen - ich wäre weg gewesen. So viel steht fest."

Ausblick auf Amrum

79 luxuriös ausgestattete Zimmer und ein Restaurant finden im "Budersand Hotel - Golf & Spa - Sylt" Platz, das aus vier mit Brücken und Lichthöfen verbundenen Häusern besteht. Das Flachdach überragt ineinander fließende Terrassen, die mit Gräsern, Dünenhafer und Steinen bedeckt sind. Aus einigen Suiten genießt man die begehrte Watt-Sicht - die Gäste können von der Badewanne aus auf Amrum oder Föhr blicken.

Andere Räume wiederum öffnen sich zu den sanft gewellten Dünen und dem 18-Loch-Golfplatz. Der Übergang - und das ist vielleicht das einzig Störende an dieser Aussicht - wäre ohne den hohen Drahtzaun kaum zu bemerken. Das Grün ist als Links-Course nach schottischem Vorbild der erste echte Küsten-Golfplatz Deutschlands und wurde - wie das Restaurant Strönholt im Golfhaus - bereits im vergangenen Sommer eröffnet.

Im Souterrain liegt das Spa mit dem turmalinblauen Zwölf-Meter-Pool, diverse Saunen und eine Holz vertäfelte Terrasse, auf der bei wenig Wind Pilateskurse stattfinden. Ebenfalls zur Entspannung lädt die von Elke Heidenreich ausgewählte Bibliothek ein, die sie zwei Tage und zwei Nächte lang, noch kurz vor der Hoteleröffnung, eigenhändig bestückte. Neben Homers Ilias stehen Werke von Umberto Eco und Günter Grass und für Kinder eine Auswahl von Lillifee bis Harry Potter. Vielleicht aber schmökert der ein oder andere Sprössling auch in Raritäten wie die Kinderbücher über Pidder Lüng, über jenen legendären Piraten, der einst in den Hörnumer Dünen sein Unwesen trieb.

Auf den Hotelfluren fallen schlichte Schwarz-Weiß-Fotografien ins Auge. Sie erzählen von der glücklichen Kindheit, die Claudia Ebert Sommer für Sommer mit ihrer Familie auf der Nordseeinsel verbrachte. "Sylt fühle ich mich eng verbunden," bestätigt die Hotelchefin. Sie erzählt, dass sie mit ihrem Projekt nicht immer nur auf Gegenliebe stieß. Einige Insulaner können mit dem offensichtlichen Einzug des modernen Designs in den Dünen zunächst einmal wenig anfangen.

"Diese Reaktionen bin ich längst gewöhnt," sagt die dunkelhaarige, zierliche Hessin und bleibt gelassen. Mit ihrem postmodernen Eigenheim in Darmstadt erntete sie ebenfalls vor vielen Jahren nicht bloß die Bestätigung ihrer Nachbarn.



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