Das Bedpark-Hotel in Hamburg-Stellingen
Das Bedpark-Hotel in Hamburg-Stellingen
Foto: Charlotte Lensing / DER SPIEGEL

Hotelzimmer für Obdachlose »Viele sehen darin die Chance ihres Lebens«

Eigentlich übernachten in ihren Betten junge Stadtentdecker oder Geschäftsreisende – seit März beherbergt eine Hamburger Hotelmanagerin andere Gäste: Menschen, die kein Zuhause haben.
Ein Interview von Eva Lehnen

SPIEGEL: Normalerweise checken in Ihren beiden Häusern in Hamburg, einem Hostel und einem Low-Budget-Hotel, Touristen und Geschäftsreisende ein. In den vergangenen Monaten haben Sie völlig andere Übernachtungsgäste begrüßt: Obdachlose. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Delattre: Zu Beginn der Coronakrise im März haben wir uns mit unserem kleinen Team zusammengesetzt und überlegt, was wir mit unseren plötzlich leer stehenden Zimmern anfangen können. Wir haben die Stadt angeschrieben und gemeinnützige Stellen. Letztere reagierten – und kurz darauf konnten die ersten Obdachlosen bei uns einchecken. Viele Obdachlose haben Vorerkrankungen oder ein geschwächtes Immunsystem und gehören zur Risikogruppe. In den Sammelunterkünften ist ihr Ansteckungsrisiko viel höher.

SPIEGEL: Wie viele Obdachlose beherbergen Sie aktuell?

Delattre: Im Bedpark Hostel im Schanzenviertel wohnen derzeit 20 Obdachlose, überwiegend Männer. In unserem 65-Zimmer-Hotel im Stadtteil Stellingen sind es 13. Ihre Zimmer liegen dort alle auf einer Etage, auf den anderen Etagen schlafen Geschäftsreisende. Anders als Touristen dürfen wir die ja weiter beherbergen.

SPIEGEL: Und das Zusammenleben unter einem Dach funktioniert gut?

Delattre: Ja. Es hat sich auch noch niemand beschwert. Im Gegenteil. Neulich hat ein Langzeitgast, eine Dame, einen der Obdachlosen zum Abendessen eingeladen. Sie wollte seine Lebensgeschichte hören. Über solche Begegnungen freue ich mich sehr. Da ich mich auch privat schon länger für Obdachlose engagiere, weiß ich, dass die meisten von ihnen feine, anständige Menschen sind, die einfach viel Pech hatten im Leben.

SPIEGEL: Wie reagieren die Obdachlosen, wenn sie hören, dass sie die nächsten fünf Monate im Hotel schlafen dürfen?

Delattre: Die meisten können ihr Glück nicht fassen. Manchmal stehe ich selbst an der Rezeption, wenn sie ankommen. Sie sind so dankbar. Ihnen hilft nicht nur das eigene Bett, die Wärme und die Waschgelegenheit.

Das Bedpark Hostel im Schanzenviertel

Das Bedpark Hostel im Schanzenviertel

Foto: Charlotte Lensing / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was noch?

Delattre: Im eigenen Zimmer kommen sie zur Ruhe. Sich jeden Tag neu fragen zu müssen, wo man sicher schlafen, auf die Toilette gehen und sich waschen kann, kostet diese Menschen viel Kraft. Wenn diese Sorge wegfällt, wird neue Energie frei, um das eigene Leben zu sortieren. Die Obdachlosen werden von Sozialarbeitern betreut. Das Ziel ist: Schritt für Schritt aus der Obdachlosigkeit zu kommen. Unsere derzeitigen Gäste können bis Frühjahr kommenden Jahres bleiben. Viele sehen darin die Chance ihres Lebens.

SPIEGEL: Gelten für Ihre Gäste von der Straße besondere Regeln?

Delattre: Nein. Aber sie müssen sich natürlich an die Hausordnung halten. Natürlich gibt es auch mal den ein oder anderen rebellischen Gast, der auf dem Zimmer raucht. Eine klare Mahnung reicht dann aber meistens aus. Einmal ist ein Fernseher verschwunden. Wir werden im Frühjahr sicher die Zimmer etwas herrichten und die ein oder andere Sache austauschen müssen. Aber was ist das schon, verglichen mit der Hilfe, die wir leisten können?

SPIEGEL: Welche Zimmerpreise rufen Sie auf?

Delattre: In unserem Hotel wohnen die Obdachlosen für 30 Euro im Doppelzimmer zur Einzelnutzung. Normalerweise kosten die Zimmer ab 69 Euro. Im Hostel sind es 19 Euro für die Einzelbelegung eines Zweibettzimmers und 25 für die eines Drei-Bett-Zimmers. Normalerweise lägen die Preise bei 35 beziehungsweise 50 Euro.

SPIEGEL: Wer zahlt die Zimmer?

Delattre: Für die Unterbringung im Hostel aktuell der Verein Strassenblues  (dieser hat im November mit Bündnispartnern aus der Hamburger Obdachlosenhilfe die Aktion #hotelsforhomeless  gestartet, Anm. d. Red.). Außerdem arbeiten wir bei der Unterbringung im Hotel mit dem Obdachlosenprojekt »Hinz und Kunzt«  und vor allem mit der Diakonie Hamburg zusammen (finanziert wird deren Hotel-Initiative, zu der noch weitere Projektpartner gehören, durch eine Großspende des Reemtsma-Konzerns, Anm. d. Red.). Mit den Einnahmen aus den Zimmervermietungen decken wir zumindest einen Teil unserer Fixkosten.

SPIEGEL: Wie stehen die beiden Bedpark-Häuser nach zehn Monaten Coronakrise wirtschaftlich da?

Delattre: Anders als die meisten Hotels mussten wir in den vergangenen Monaten nicht schließen. Wir haben durchgehend Geschäftsreisende, Monteure, Gärtner oder Handwerker beherbergt. Unsere Workflows haben wir so umgestellt, dass sie auch in Kurzarbeit weitestgehend funktionieren. Wir sind im Low-Budget-Segment tätig. Mit staatlicher Hilfe bekämen wir bestimmt ein paar Tausend Euro mehr, die können wir jedoch verschmerzen.

SPIEGEL: Hatten Sie schon Unterbringungen, die gescheitert sind?

Delattre: Wenige. Was wir gelernt haben: Psychisch sehr labile Menschen sind in einem Hotelzimmer falsch aufgehoben. Sie brauchen Betreuung, die wir nicht leisten können. Darauf achten auch die Sozialarbeiter, die die Obdachlosen auswählen. Zwei Männer konnten wir im Hostel übrigens inzwischen als Hausmeister fest anstellen. Sie sind keine Vollprofis, aber sehr engagiert. Sie übernehmen Reparaturen, Streicharbeiten und haben unseren Garten aufgehübscht.

SPIEGEL: Wie blicken Sie in die Zukunft?

Delattre: Ich wünsche den Obdachlosen, dass sie die Zeit bei uns gut für sich nutzen können. Von einigen, die während des ersten Lockdowns bei uns lebten, weiß ich, dass sie inzwischen in eine eigene Wohnung ziehen konnten. Das macht mich sehr glücklich, auch wenn sich der Kontakt verliert. Aber natürlich freue ich mich auch schon wieder sehr auf einen ganz normalen Hotelbetrieb nach der Krise.

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