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06. September 2015, 09:32 Uhr

Per Kutsche zur Insel Neuwerk

Immer den Pricken nach

Es sind nur zehn Kilometer, doch die haben es in sich: Nur erfahrene Kutscher dürfen Gäste durch Watt und Wind auf die kleine Insel Neuwerk bringen. Wer in Cuxhaven einsteigt, wundert sich, wo er am Ende des Abenteuers landet.

Die schwarze Mütze hat sie tief ins Gesicht gezogen, den blauen Daunenanorak bis zum Hals zugeknöpft. "Ich bin Loni", stellt sich die Kutscherin auf ihrem gelben Wagen vor.

Und sie will von den Passagieren gleich wissen: "Wart ihr schon mal drüben? Nein? Dann kann ich ja ein bisschen Seemannsgarn erzählen." Seit 15 Jahren fährt Loni Greineisen Besucher die zehn Kilometer über die Nordsee auf das idyllische Eiland Neuwerk.

Die 64-Jährige spitzt ihren Mund, schnalzt - und schon traben Obelix und Penny, die beiden polnischen Kaltblüter, los. Der große Treck setzt sich in Bewegung: Zehn gelbe Wattwagen holpern mit jeweils zwei Pferdestärken langsam den honigfarbenen Sandstrand von Sahlenburg hinunter zum graubraunen Meeresgrund. Der trifft in der Ferne den blauen Horizont. Nur ein kleiner Punkt schiebt sich dazwischen: Neuwerk - Hamburgs drei Quadratkilometer großer Vorposten in der Nordsee.

Schon 1298 haben sich die Reeder und Kaufleute der Hansestadt das Inselchen gesichert. Die Lage vor der Mündung der Elbe war optimal, um ihre Lebensader vor Piraten zu schützen.

Heute gehört Neuwerk zum Bezirk Mitte, was selbst die meisten Hamburger nicht wissen. 2011 wurden das Eiland und der Hamburgische Nationalpark Wattenmeer als einzigartige Landschaft zum Unesco-Weltnaturerbe ernannt. Wie der Grand Canyon in den USA oder das Great Barrier Reef in Australien.

Das Wasser ist da, auch wenn man es nicht sieht

Greineisen muss Obelix und Penny bremsen, auch wenn die beiden längst Profis im Wattenmeer sind. Eine Spazierfahrt ist die Tour durchs Watt trotzdem nicht. Schier endlos reihen sich die Pricken hintereinander, die wie umgedrehte Reisigbesen im Sand stecken und den sicheren Weg weisen.

Doch was heißt schon sicher hier im Wattenmeer? "Das Wasser ist da, auch wenn man es nicht immer sieht", sagt die Kutscherin. Die erste Herausforderung ist der Sahlenburger Priel, ein tiefer Wasserlauf im Watt. "Der gefährlichste", sagt sie. "Wenn der Wind das Wasser hereintreibt, geht es den Pferden bis zum Bauch."

Eigens einen Wattführerschein musste Greineisen machen. Diszipliniert fährt sie in der Kolonne. Überholt wird nicht. Wenn ein Pferd muss, machen alle Halt. Angeführt wird der Zug von Volker Griebel. Seit 151 Jahren lebt die Familie des 62-Jährigen auf Neuwerk. Er ist der Insel-Ortswart und hat eine Lizenz als Hauptfahrer.

Muschelbänke, auf denen Silbermöwen ihre Beute knacken, säumen den Weg. Wattwanderer folgen den Pferdespuren. Zu Fuß dauert die Tour auf die Insel zweieinhalb bis drei Stunden. Wie Vogelkäfige ragen acht Meter hohe Rettungsbaken in den Himmel. In die können Fußgänger flüchten, wenn sie die Tide falsch eingeschätzt haben.

33 Einwohner, 115 Rinder und Pferde

Langsam nimmt das Eiland am Horizont Form an. Wie ein Lug ins Land leuchtet ein mächtiger roter Backsteinturm dem Treck entgegen - das Wahrzeichen von Neuwerk. 39 Meter hoch haben die Hamburger seine dicken Mauern gezogen, 138 Stufen führen bis zur Aussichtsplattform.

Vor 705 Jahren wurde er eingeweiht und ist damit das älteste Bauwerk der Hansestadt. 33 Einwohner und 115 Rinder und Pferde leben derzeit auf Neuwerk. Im kommenden Jahr wird in der jahrelang verwaisten Inselschule wieder ein Kind eingeschult.

Nach gut einer Stunde haben Obelix und Penny wieder festen Boden unter den Hufen. Den Friedhof der Namenlosen lassen sie rechts liegen. Hier wurden die angespülten Leichen unbekannter Seeleute begraben. Die Neuwerker selbst wollen lieber auf dem Festland zur ewigen Ruhe gebettet werden. Gezogen von einem Vierergespann und begleitet von einer Reitereskorte führt ihr letzter Weg noch einmal durchs Watt.

"Jetzt brauchen wir einen heißen Eiergrog", sagt Greineisen, während sie Obelix und Penny vor ihrem Stall ausspannt. Der hat mit seinem kräftigen Schuss Rum ganz schön Dampf.

Überhaupt: der Herbst! Im September und Oktober erklingt auf Neuwerk die alljährliche Kakofonie Tausender Zugvogel, die auf ihrem Rückweg aus Grönland und Sibirien auf der Insel Rast machen. Die sonst so saftigen, grünen Salzwiesen mit den Schlickgräsern und Quellern leuchten nun in Gelb und Purpur.

Ende Oktober motten die Wattkutscher ihre gelben Wagen für den Winter ein. Ein paarmal hat sich Greineisen nach dem Saisonende am Watt nach Davos in die Schweiz abgesetzt, um Gäste durch den Schnee zu kutschieren. "Doch da ist es mir zu kalt", sagt sie. Nun macht sie Pause bis Ostern. Dann ziehen Obelix und Penny wieder täglich durchs Wattenmeer.

Angela Böhm/srt/ele

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