Klettersteige in Bayern Drahtseilakt an der Steilwand

Bayerns schönste Berge bieten jede Menge Klettersteige für Anfänger und Könner. Doch immer wieder überschätzen sich Alpinisten - in Garmisch-Partenkirchen musste nach der Eröffnung einer neuen Route mehrfach der Rettungshubschrauber ran.

Axel Jentzsch-Rabl

Von Axel Jentzsch-Rabl


Schier unbezwingbar und imposant ragen sie aus dem Gipfelmeer heraus, schroff und mächtig sind beide Gipfel die höchsten über ihren Talorten. Die Zugspitze oberhalb von Garmisch-Partenkirchen und der Watzmann nahe Berchtesgaden haben trotz ihrer großen Entfernung eines gemeinsam: Sie ziehen jeden Sommer unzählige alpine Gäste an. Und viele davon sind Klettersteiggeher.

Nicht nur die Wege zu den beiden Gipfeln wurden mittels Stahlseilversicherung gangbar gemacht, nein, auch der moderne, sportliche Klettersteiggeher findet ein tolles Betätigungsfeld unweit dieser beiden Modeberge - zwei neue Sportklettersteige mit tollen Fun-Elementen wie Seilbrücken und Stahlseil-Strickleitern.

Die neuen Steige lassen sich sehr gut mit anderen Ferrata-Klassikern der Region kombinieren, und so manch einer wählt die sportlichere Stahlseilvariante auch als Vorbereitung für den alpinen Weg auf den Hauptgipfel.

Berchtesgaden - Grünsteig-Klettersteig

Beginnen wir in Südostbayern, wo ein lang gestreckter Bergsee den Kern des Nationalparks Berchtesgaden bildet. Nach dem Kampf um einen Parkplatz am Königssee bahnt man sich den Weg durch den dichten Touristenstrom am See zur Bobbahn, an deren Ende ein Schotterweg bis zum Anseilplatz führt.

Dort muss man sich entscheiden, ob man lieber die leichte Isidor-Variante oder doch die sehr rassige D/E-Variante wählt (Anmerkung: Die Schwierigkeiten von Klettersteigen reichen von A (wenig schwierig) bis E (extrem schwierig), mehr Infos dazu hier). Beide Routen ziehen in perfekter Fotodistanz parallel zu einer Holzseilbrücke hinauf und folgen dann demselben Stahlseil zum Gipfel.

Die linke Genuss-Variante führt über einen schwach ausgeprägten Pfeiler zur Seilbrücke, auf dieser kann man, sofern es der Gegenverkehr aus der D/E-Route zulässt, auch einmal kurz hin und her gehen, um die Koordination auf dem wackeligen Gebilde zu trainieren. Die sportlichen Geher der schweren Variante werden gleich zu Beginn durch einen selektiven Überhang unsanft aus ihren Träumen geweckt. Danach führt kaum leichteres Gelände zu einer überhängenden Klammerwand. Wer auch diese Artistennummer gemeistert hat, muss am letzten "Überhangerl" vor der Seilbrücke noch einmal gewaltig zupacken!

Nach der Vereinigung der Varianten folgt gestuftes Gelände mit der einen oder anderen Steilstufe (bis C), bevor die Tour auf dem mit Gras bewachsenen Gipfelgrat ausläuft. Der hügelartige Gipfel ist ein idealer Rastplatz, um die Tour mit dem Panorama von Hochthron, Hohem Göll und dem Steinernen Meer bis zum Watzmann ausklingen zu lassen.

Klettersteige am Hochthron und Watzmann

Der vom Grünstein-Gipfel sichtbare Hochthron-Klettersteig spricht den sportlichen Drahtseilartisten an, der auch die nötige Kondition für den Zustieg mitbringt. Der Klettersteig ist schwierig (C/D) und verläuft ohne Notausstieg entlang der mächtigen Südostwand zum Gipfel. Nach der Einkehr im Stöhrhaus steigt man wieder zur Scheibenkaseralm und weiter zum Wanderparkplatz in Ettenberg ab.

Das dritte Top-Tourenziel der Region ist die Watzmannüberschreitung, bei der man alle drei Watzmanngipfel besteigt. Die extrem lange, aber leichtere Tour gilt als eine der schönsten Überschreitungen der Ostalpen überhaupt. Sie sollte aber nur bei stabilem Wetter unternommen werden. Alpin erfahrene Bergsteiger werden mit königlichen Ausblicken in die gewaltige Ostwand und auf den Königssee belohnt.

Wetterstein - Mauerläufersteig

In Garmisch-Partenkirchen gibt es einen neuen, rassigen - dank der Alpspitz-Seilbahn nicht sehr zustiegsintensiven - Sportklettersteig. Wenige Touren haben derartige Aufmerksamkeit erregt wie diese Extrem-Ferrata an der Nordwand des Bernadeinkopfes. Schon in den ersten Wochen nach der Eröffnung war der Hubschrauber des Öfteren unterwegs, um meist sich selbst überschätzende Bergsteiger aus der Nordwand zu holen.

Hat man den leichten, auf große Strecken abfallenden Zustieg hinter sich gebracht, steht man unter der schattigen überhängenden Nordwand und kann im Grunde schon erahnen, was in den nächsten zwei bis drei Stunden auf einen zukommt. Auf den ersten Metern geht es trotz hoher Schwierigkeiten (D/E) dank der fitten Muskulatur noch locker hinauf, doch spätestens nach der "Nische" zeigt der Mauerläufer sein wahres Gesicht. Steile, kräftezehrende Kletterpassagen machen das Vorankommen zur Qual und man sucht ständig nach den nur spärlich vorhandenen Absätzen, um die Hände etwas zu entlasten.

Nach dem großen Band folgen steiles, mit zahlreichen Ausdauerpassagen gespicktes Klettergelände und eine Höhle, die mittels Stahlseil-Strickleiter sogar direkt überklettert wird! Lacht einem dann erstmals die Sonne ins Gesicht, hat man die Schwierigkeiten fast hinter sich gebracht und darf zum Abschluss über eine große, extrem luftige Seilbrücke zum Ausstieg hinüberhangeln. Im Gras der Gipfelwiese gönnt man den müden Gliedmaßen die verdiente Ruhe.

Zugspitzüberschreitung - durch das Höllental

Ist man schon einmal in Garmisch, sollte man sich den Höllental- Klettersteig und eine Besteigung der Zugspitze nicht entgehen lassen. Die wildromantische Höllentalklamm leitet in ein gewaltiges Kar, an dessen Ende mit dem "Brett" die erste, nicht allzu lange Ferratapassage wartet. Danach folgt der alpine Knackpunkt der Tour - der Höllentalferner muss überquert werden.

Je nach Beschaffenheit der Randkluft kann der Einstieg in die Wand zum ernsten Problem werden. Es folgt ein langer, auf weite Strecken sehr leichter Klettersteig direkt zum goldenen Gipfelkreuz. Nach dem 2300 Höhenmeter langen Aufstieg spürt man die meist etwas mühsam laufende "Pumpe" auf dem höchsten Punkt der Bundesrepublik und darf sich dann durch die meist recht dichte Touristenschar den Weg hinüber zur Seilbahnstation bahnen.

Wer etwas Zeit mitbringt, genießt den Abend im Münchner Haus und steigt am nächsten Tag über den sogenannten "Stopselzieher"-Steig (A/B) und die Wiener-Neustädter-Hütte zum Eibsee ab und komplettiert die Überschreitung. Ein toller Mix aus alpinem Abenteuer, touristischem Erschließungswahn im Gipfelbereich und ruhiger, einsamer Bergwelt, an den man gerne wieder zurückdenkt.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
smoki 24.08.2010
1. Skurrile Rettung am Watzmann
Aber immer auch auf Notfälle vorbereitet sein. Versichert sein bei einer Bergrettung. Sonst passiert noch so was: http://www.sueddeutsche.de/bayern/watzmann-skurrile-rettungsaktion-ohne-meinen-anwalt-erhalten-sie-gar-nichts-1.991122
fatherted98 24.08.2010
2. Kriminell....
Zitat von sysopBayerns schönste Berge bieten jede Menge Klettersteige für Anfänger und Könner. Doch immer wieder überschätzen sich Alpinisten - in Garmisch-Partenkirchen musste nach der Eröffnung einer neuen Route mehrfach der Rettungshubschrauber ran. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,711243,00.html
Klettersteige für jedermann zu öffnen ist krimiell. Leute ohne Kondition klettern die steilsten Berge hoch und hängen dann erschöpft im Seil. Ausserdem wissen diese Leute nicht wie man sich im Berg gegenüber anderen verhält...Rücksichtslosigkeit wie das drängeln im Supermarkt ist an der Tagesordnung. Klettersteige sollten nur nach einem Konditions- und Verhaltenskurs durch den Alpenverein bekletterbar sein.
specchio, 24.08.2010
3. Ruft
Schon die Angst vor ausgesetzter Höhe und ausgeprägte Faulheit hält, zur Beglückung der Alpenvereinskameraden, die meisten Unbefugten davon ab, Bergabenteuer zu begehen. Der große Rest versucht sich zunächst an kleinerem Übel und hat hernach die Schnauze gestrichen voll. Die Überbevölkerung und die Statistik sind Schuld daran, dass es immer noch einen bedauernswerten Rest von Leuten gibt, der ohne erkennbaren Grund sich für befähigt hält, sich artistisch zu betätigen oder Auto zu fahren.
kurtsteiniger 24.08.2010
4. Realitätsferner Artikel....
"Ist man schon einmal in Garmisch, sollte man sich den Höllental- Klettersteig und eine Besteigung der Zugspitze nicht entgehen lassen" Tolle Idee und zwischen der Kaffeetafel und dem Abendbrot kann man als Verdauungspaziergang nochmal kurz den Jubiläumsgrat laufen.
peter rose 24.08.2010
5. Gefährliche Berge
Ich bin,, Flachländer " und habe im laufe der Jahre durch Bergwandern das das bronzene, silberne und goldene Edelweiss im schönen Garmisch- Partenkirchen und Umgebung erwandert. Trotz guter Ausrüstung und Vorsicht bin ich beim Abstieg vom Kramer zweimal fast abgestürzt. Im Zugspitz und Kreuzeck- Gebiet muß man auch auf plötzliche Wolkenfelder gefasst sein und auch Regensachen mithaben. Ich war manchmal sehr überrascht mit welchen Schuhwerk usw. einige Bergwanderer unterwegs sind und die Gefahren der schönen Bergwelt unterschätzen !
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