Kölner Kulturquartier Totenboot und Tischsargerl

Nach 15 Jahren Plan- und Bauzeit können die Kölner endlich ihr neues Kulturquartier  begrüßen. Am Freitag werden am Neumarkt ein Museum für Kulturen der Welt und ein Mittelaltermuseum eröffnet - der festungsartige Ziegelbau soll der neue Besuchermagnet der Domstadt werden.

Rheinisches Bildarchiv Köln/ Thomas Möbus

Köln - "Ich denke, die Schönheit dieser Stadt sind ihre Menschen", hat der italienische Architekt Renzo Piano einmal über Köln gesagt. Charmanter lassen sich die städtebaulichen Versäumnisse der rheinischen Frohsinnsmetropole wohl nicht umschreiben. In letzter Zeit putzt sich Köln jedoch stellenweise heraus. Vorläufiger Höhepunkt: ein Kulturkomplex in der Innenstadt am Neumarkt, der ein Völkerkunde- und ein Mittelalter-Museum vereint.

Planung und Bau des Komplexes haben 15 Jahre in Anspruch genommen und 66,7 Millionen Euro gekostet."Es ist sicher nicht vermessen, zu behaupten, dass hier ein neuer Besuchermagnet entstehen wird", sagte der Kölner Kulturdezernent Georg Quander bei der Presse-Präsentation am Donnerstag. Die Kulturen der Welt seien "ein wichtiges Thema in einer Stadt, in einem Land, wo so viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen sind".

Der Fleck, auf dem der Bau jetzt steht, erlangte zeitweise traurige Berühmtheit - als das Kölner Loch, eine Brachfläche mitten im Zentrum. Die Stadt hatte erst eine Kunsthalle abgerissen und dann festgestellt, dass ihr das Geld für einen Neubau fehlte. Nun steht dort ein festungsartiger Ziegelbau. Der Museumskomplex der Architekten Heiner Sendelbach und Uli Schneider wird von einem Lichthof mit großzügigem Foyer durchschnitten. Seine spröde Monumentalität passt gut in die Stadt, die sich seit der Fertigstellung des Doms 1880 nicht mehr viel aus Effekthascherei gemacht hat.

Die Museen sind besser als ihr Name

In dem Neubau präsentieren sich zwei Museen, die viel besser sind, als ihre Namen vermuten lassen. Das Mittelalter-Museum nennt sich drollig Schnütgen - das andere sperrig Rautenstrauch-Joest, eigentlich ein Völkerkundemuseum. Doch da viele bei Völkerkunde heute an Baströcke, Federschmuck und Missionare im Kochtopf denken, ist es umbenannt - in ein Museum für die Kulturen der Welt.

Die Sammlung wird jetzt nicht mehr als Reise um die Welt präsentiert, sondern ist nach Themen geordnet. "Von dem Terminus "Völkerkunde" haben wir uns getrennt", sagt Museumsdirektor Klaus Schneider. "Der hat uns schon seit vielen Jahren gestört." Der Leitgedanke ist nun: Wie gehen Menschen in anderen Teilen der Welt mit den großen Fragen des Lebens um, zum Beispiel mit dem Tod? Bei uns wird er oft verdrängt, andere Kulturen setzen sich konkreter mit dem Ende des Lebens auseinander.

"Es gibt teilweise große, farbenprächtige Begräbnisprozessionen. Die Angehörigen werden in manchen Kulturen noch lange nach ihrem Tod in die Familie integriert, indem man mit ihnen spricht oder ihnen Opfergaben darbringt", sagt die stellvertretende Direktorin Jutta Engelhard. Zu den Ausstellungsstücken gehören etwa ein Totenboot eines neuseeländischen Maori-Häuptlings oder ein Stier-Sarkophag aus Bali

Leichen und Heilige

Der neue Komplex umfasst auch noch ein zweites Museum, das nicht weniger interessant ist: Das Museum Schnütgen, eines der wichtigsten Häuser für mittelalterliche Kunst überhaupt, das bisher in seinem vorigen Ausstellungsgebäude, der romanischen St. Cäcilien-Kirche, zu wenig Platz hatte.

Das Museum verfügt über absolute Top-Stücke, darunter einen 1000 Jahre alten Jesus am Kreuz, der aussieht, als wäre er vor 100 Jahren von dem Expressionisten Ernst Barlach geschnitzt worden. Der Wert liegt geschätzt im achtstelligen Bereich. Zeitlos schön sind auch die Glasmalereien aus rheinischen Kirchen: Jede Träne, jede Hautfalte wird sichtbar. Noch filigraner sind die Heiligenfiguren, die winzig klein aus Obstkernen geschnitzt wurden.

Schaurig schön hingegen ist das Tischsargerl - eine Leiche, die von Ungeziefer zerfressen wird. Solche Figuren stellten sich Machtmenschen früher auf den Schreibtisch, um sich vor Größenwahn zu schützen.

Im Mittelalter vermarktete Köln seine Heiligen geschickt: Wer viel Geld besaß, konnte sich einen ganzen Schädel kaufen, der in einer praktischen Tragetasche in Gestalt eines aufklappbaren Holzkopfes verstaut wurde. Für den Durchschnittstouristen gab es leichte Reliefs aus Pappmaché oder Pfeifenton-Männchen, die als Massenware hergestellt wurden. Die Rhein-Metropole zählte damals zu den Top-fünf Reisezielen in Europa - von Berlin sprach noch kein Mensch. Eine Hälfte der heutigen Hauptstadt hieß damals sogar Cölln.

Der Komplex umfasst neben den beiden Museen auch das Forum Volkshochschule, die Stadtbibliothek, das Haus der Architektur und die Kunststation Sankt Peter. Wenn er am Freitag eröffnet wird, gibt es wieder mal einen Grund abseits des Kölschen Frohsinns, um die Stadt am Rhein zu beehren. Es muss ja nicht immer nur Berlin sein - finden die Kölner.

Christoph Driessen, dpa



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