Kai Hamann: Er beobachtete schon Quads und Motorräder in Wildschwein-Suhlen
Kai Hamann: Er beobachtete schon Quads und Motorräder in Wildschwein-Suhlen
Foto: Franziska Bulban

Wandern mit Apps Was man im Wald falsch machen kann – und wie es richtig geht

Ob via Komoot, Outdooractive oder Google Maps: Viele Wandernde orientieren sich nicht mehr an Schildern, sondern am Handy. Damit tragen jene zur Zerstörung des Waldes bei, die ihn eigentlich zur Erholung aufsuchen.
Von Franziska Bulban

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Die Sonne schimmert durch die Baumkronen. Die Stoffschuhe weichen langsam durch, das Gras ist noch feucht vom Regen des Vortags. Irgendwo zwischen Eichen und Pinien knackt es im dichten Unterholz, dann springen ein paar braune Rücken davon. Hamann, 25, wandert durch sein Jagdrevier in der Schorfheide im Norden Brandenburgs – 20 Kilometer, geführt von einer Outdoor-App.

Hamann bräuchte so ein Hilfsmittel eigentlich nicht. Er ist Sohn des Försters und hier groß geworden, in einem Haus am Waldrand. »Im Winter wurde ich als Kind von einem Rudel Damwild am Schulbus abgeholt. Die Tiere wussten, wenn ich heimkomme, bringe ich auch bald Futter«, sagt er und lächelt. Wenn sein Vater damals in den Wald ging, wollte er mit.

Damwild sieht dem Reh doch recht ähnlich, oder?

Damwild sieht dem Reh doch recht ähnlich, oder?

Foto: S. Meyers / blickwinkel / imago

Wenn Kai Hamann durch seinen Wald geht, dann weiß er, hinter welchen Gebüschen sich ein Biosphärenreservat versteckt, er sieht, aus welchem Baum mal gutes Parkettholz wird und wo das Rotwild junge Pflanzen weggefressen hat. Für ihn ist der Wald Ressource, Jagdgrund, Schutzgebiet, Arbeitsplatz und Lebensraum in einem. Er braucht kein Navi, um sich hier zurechtzufinden. Ist der Wald sein Zuhause? »Ja, das kann man wohl so sagen.«

Jeder noch so kleine Weg

Früher haben sich Menschen, wenn sie durch den Wald laufen, hauptsächlich an Wanderwege gehalten. Heute klammern sie sich an ihren Smartphones fest und folgen dort angezeigten Wegen. »Wir haben in der Schorfheide ausgezeichnete Routen«, sagt Hamann und deutet auf einige Schilder, »das Problem mit den Smartphone-Karten ist: Da ist jeder noch so kleine Weg drauf.«

Schorfheide: Hier treiben sich öfter Wölfe herum, sagt Kai Hamann

Schorfheide: Hier treiben sich öfter Wölfe herum, sagt Kai Hamann

Foto: Franziska Bulban

Er schüttelt leicht den Kopf. »Teilweise sind wir ja selbst dran schuld. Wenn wir als Förster und Jäger Wege oft gehen und unsere Telefone dabeihaben und die entsprechenden Apps installiert sind, werden die Wege registriert.« Manche davon führten aber zu Orten, an denen seiner Meinung nach möglichst keine Menschen unterwegs sein sollten. Deshalb gehen er und ich eine Wanderroute der App Komoot ab – und er zeigt mir, worauf man achten kann, wenn man im Wald unterwegs ist.

Die Schorfheide ist ein Naherholungsgebiet der Extraklasse: eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands inklusive Seen mit Schwimmstellen, einem Biosphärenreservat zum besonderen Schutz von seltenen Tieren und Pflanzen, einem Wildpark mit Gehegen und Wolfsfütterungen – und all das nur etwa eine Stunde von Berlin entfernt.

Die Zahlen der Besucherinnen und Besucher stiegen ohnehin, sagt Hamann, »aber im vergangenen Jahr sah das hier aus wie auf der Friedrichstraße«. Hamann deutet auf den Wanderweg vor uns. »Wo die Leute überall unterwegs waren, ist Wahnsinn«, sagt er.

Dann erzählt er von Wagenburgen mit offenem Feuer bei Waldbrandgefahr, von Quads und Motorrädern, die durch Naturschutzgebiete brettern, und von Menschen in Entenkostümen in Wildschwein-Suhlen, die er auf einer Kameraaufnahme zur Wildbeobachutng entdeckt hat und sich das bis heute nicht so recht erklären kann. 2020 war auch für die Schorfheide ein Ausnahmejahr. Viele ließen sich per App dorthin navigieren.

»Das Telefon führt dazu, dass die Menschen sich nur darauf verlassen, statt sich ein bisschen die Umgebung anzuschauen oder Schilder zu lesen.« Er könne diejenigen, die aus der Stadt fliehen, aber sonst nicht viel in der Natur unterwegs sind, meist auf Entfernung erkennen, sagt Hamann: »Wanderer haben feste Schuhe, gehen meist Routen entlang und schauen sich dabei um. Stadtfliehende kommen auch mal in Flipflops und kurzen Hosen und starren auf das Telefon.«

Warnschilder locken Menschen erst richtig an

Hamann trifft auf einen ersten Ort, von dem man sich besser fernhalten sollte. »Hier laufen wir mitten durch ein Horstschutzgebiet«, sagt Hamann. In der Nähe nistet ein Seeadler. »Er hat schon seit Jahren keine Jungen mehr groß gekriegt. Das muss nicht am Menschen liegen – kann es aber.« Ein freundliches Schild weist in kleiner Schrift darauf hin, dass man hier nur auf »ausgezeichneten Wegen« laufen solle. Aber: Der Weg sieht einladend aus. Und »ausgezeichnet« kann man auch anders interpretieren. Zumal die App direkt darauf zuführt. Ob man das Schild überhaupt liest? Fraglich.

Naturschutzgebiet: Menschen halten sich nicht immer an Warnhinweise

Naturschutzgebiet: Menschen halten sich nicht immer an Warnhinweise

Foto: Franziska Bulban

Diese Erfahrung kann auch Markus Hallermann bestätigen. Er hat Komoot 2010 mit fünf Freunden gegründet, mittlerweile hat die App in Deutschland 13 Millionen Nutzer. »Unsere Community ist generell am Naturschutz interessiert. Eine interne Umfrage hat ergeben, dass 95 Prozent der Nutzer und Nutzerinnen bereit sind, sich an Sperrungen zum Schutz der Umwelt zu halten.«

Probleme, sich an neue Regeln zu halten, habe seiner Erfahrung nach oft eher die Bevölkerung vor Ort. »Menschen lassen sich nicht gern Wege verbieten, die sie schon seit ihrer Kindheit gegangen sind.« Als hätte man sie zur Bestätigung dort hingeschickt, trifft Hamann auf seiner Tour in der Nähe des Seeadlers zwei Radfahrer, die »hier schon seit Jahren herkommen«. Problembewusstsein gibt es keins.

Für Menschen, die mit der App wandern, könne man dagegen Gebiete auch digital sperren, sagt der Komoot-Gründer Hallermann – zeitweise, zum Beispiel für Brutzeiten, oder dauerhaft. Dann schlägt Komoot den Nutzern keine Strecken durch dieses Gebiet vor. »Wir bieten kostenlose Schulungen für Naturschutz- und Tourismusorganisationen an, in denen sie lernen, wie man Komoot zur bessern Besucherlenkung einsetzen könnte.«

Auch Google Maps und andere Anbieter ermöglichen Ähnliches. Und überall haben Jäger und Förster theoretisch die Möglichkeiten, einfach wie ganz normale Nutzer Ortsmarken zu setzen und so Hinweise in den digitalen Karten zu hinterlegen. Das Problem: Selbst, wenn sie die technische Expertise hätten, sind viele von ihnen ohnehin sehr beschäftigt. »Das Berufsbild des Försters hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert«, sagt Hamann, der Jäger. »Früher konnte man sich mal um ein paar Schilder oder Bänke kümmern. Das ist heute nicht mehr drin.«

Wild und Wanderer auf verschiedene Pfade locken

Nach etwa zwölf Kilometern kommt Hamann dank Routenführung mittlerweile auf einem Pfad an, der kaum mehr als solcher erkennbar ist. Die Routen entstehen automatisiert anhand von Orten, die Nutzer hinterlegt haben. Laut Komoot-Gründer Hallermann müssen mehrere Menschen einen Weg gegangen sein, bevor das Programm ihn in die Routenplanung aufnimmt. Aber was ist das? Nach etwa 200 Metern erscheint eine gemähte Wiese.

»Das ist ein Gebiet, dass von uns gemulcht wird, damit Kräuter wachsen. So locken wir das Wild von anderen Jungpflanzen weg. Aber wenn da jetzt ständig Menschen durchgehen, ziehen die Tiere sich natürlich eher zurück«, sagt Hamann.

Ein Leckerbissen für das Wild: Gemulchte Wiese im Wald

Ein Leckerbissen für das Wild: Gemulchte Wiese im Wald

Foto: Franziska Bulban

Für die Förstergeneration von Hamanns Vater waren Wild und Wanderer zwei Ströme, deren Routen man mit entsprechenden Verlockungen gut voneinander trennen konnte. Doch dieses Spiel wird schwieriger, je individueller sich die Menschen bewegen. Und es verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum, ohne dass die Zuständigen vor Ort notwendigerweise etwas davon verstehen – oder die Firmen die Verantwortung übernähmen. Am Ende kommt es deshalb auf das Verhalten des Einzelnen an.

Hat Hamann denn Tipps für Menschen, die trotzdem mit ihren Apps im Wald wandern wollen, ohne Schaden anzurichten? »Nicht in der Dämmerung unterwegs sein – da ist das Wild besonders aktiv. Alles, was man in den Wald mitgebracht hat, nimmt man auch wieder mit. Wenn das Unterholz den Weg einnimmt, nach einer Alternative suchen. Schilder lesen, selbst wenn man ein Telefon dabeihat. Überhaupt: Sich nicht nur auf das Smartphone verlassen. Und keine zu lange Strecke wählen, damit man am Ende nicht querfeldein läuft.«

Das klingt alles sehr einfach – aber menschlich ist etwas anderes. Nach etwa 15 Kilometern und drei Stunden grinst Hamann und sagt: »Wir könnten da jetzt über eine Wiese abkürzen. Wie lang ist die Strecke noch?« Offenbar hat er sich bei der Routenplanung ganz auf das Telefon verlassen.

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