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Zehnmal Deutschland: Literatouren per Rad und zu Fuß

Foto: Anika Kreller

Literatur-Touren Durch Dichters Lande

Goethes Graffito an einer Berghütte, Becketts liebster Spaziergang - und die Dresdner Semmel aus "Der Turm": Auf Wanderungen, Stadt- und Radtouren erfahren Bücherwürmer ungewöhnliche Details aus Leben und Werken der Literaten. SPIEGEL ONLINE stellt zehn Führungen vor.
Von Anika Kreller

"Der alte Mann brauchte 20 Minuten für die 800 Meter bis zur Elbchaussee", zitiert Kerstin Petermann, "dann ging er zu den Uferanlagen, überquerte einen Rasenstreifen und setzte sich auf eine Parkbank." Der alte Mann wird in Frederick Forsyths Roman "Die Akte Odessa" verfolgt von der Hauptfigur Peter Miller - und Petermann ist Kunstgeschichtlerin und Hamburger Stadtführerin, die ihre sechs Gäste mit ihrer Lesung auf dem Altonaer Balkon, einem kleinen Park über der Elbe, in den Bann zieht.

Gleich wird Miller, so erzählt sie weiter, auf dieser Bank den entscheidenden Hinweis bekommen, warum sich der Holocaust-Überlebende Salomon Tauber umgebracht hat. "Wir stehen genau an diesem Ort", sagt Petermann begeistert. Aber mehr verrät sie nicht, immer nur so viel, dass die Zuhörer gespannt bleiben. Am Ende der Tour wird Petermann eine Liste aller genannten Autoren verteilen - zum Nach- und Weiterlesen.

Auf den Spuren von Forsyths Roman und mehr als ein Dutzend weiteren Dichtern und Literaten führt Petermann ihre kleine Gruppe durch die Hamburger Stadtteile Altona, Ottensen und Övelgönne. Auf dem etwa zwei Kilometer langen Spaziergang drängen sich literarische Schauplätze, zugleich entdeckt man ein Hamburg weitab von den Besucherströmen von Michel und Reeperbahn. Es ist eine leise, langsame Tour, die einlädt, einfach die Augen zu schließen und zuzuhören - eine Tour, die einen mitnimmt durch die Literatur aus drei Jahrhunderten.

Auch in die über das 18. Jahrhundert: Petermann liest - und in der Vorstellung ihrer Zuhörerinnen eilt der Altonaer Arzt Johann Friedrich Struensee durch die engen Gassen des Armenviertels seiner Stadt. Es ist das Jahr 1768, und er will so viele Kinder wie möglich mit einer Impfung gegen die Pocken schützen. Er selbst wohnt nicht weit entfernt, an der Ecke Papageienstraße und Reichsstraße.

"Die Papageienstraße, die war gleich da hinten", sagt Kerstin Petermann und zeigt hinter die Köpfe ihrer sechs Gäste. Dann zitiert sie aus dem Roman "Der Besuch des Leibarztes" (1999) von Per Olov Enquist, der den Aufstieg Struensees vom Armenarzt zum Berater des dänischen Königs Christian VII. beschreibt - der Mediziner lebte tatsächlich von 1737 bis 1772.

Von berühmten Dichtern und verborgenen Orten

Auch die Klassiker der Literatur werden bei der Führung beachtet: Nur wenige Meter vom Altonaer Balkon entfernt, kurz hinter der Stadtteilgrenze zu Ottensen, versteckt sich das Grab von Friedrich Gottlieb Klopstock, einem der bedeutendsten deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts. Unter den Schuhen raschelt Lindenblütenlaub. Es stammt von dem Baum, den Klopstock am Grab seiner Frau pflanzen ließ und neben der er auch begraben wurde.

Der schattige Ort mit den vermoosten Grabsteinen habe viele Dichter inspiriert, erklärt Petermann. Sie liest vor aus dem Tagebuch Samuel Becketts und Zeilen von Heinrich Heine: "Als ich ging nach Ottensen hin / Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin."

Auf der literarischen Führung erfahren selbst Einheimische noch Neues: "Man klappert sonst immer die gleichen Orte ab", sagt Teilnehmerin Ingrid Ohlsen. "Hier lernt man das verborgene Hamburg kennen." Dazu gehört für sie auch der kleine Park zwischen Altona und Ottensen, in dem einst die Villa von Heinrich Heines Onkel Salomon stand. Der bezahlte seinem Neffen den Lebensunterhalt, konnte sich aber nie mit dessen Berufswunsch abfinden, erzählt Petermann und rezitiert aus dem Gedicht "Die Affrontenburg", in dem Heinrich Heine die angespannte Stimmung festhielt.

Nach weiteren Begegnungen etwa mit Stendhal, Joachim Ringelnatz, Wilhelm von Humboldt und Peter Rühmkorf, endet die Tour am Elbstrand von Övelgönne. "Schon toll, wie viele Dichter hier waren", sagt die Zuhörerin Beatrix Rowitz, die seit 30 Jahren in Altona lebt. "Das macht mich stolz. Es ist ein schönes Gefühl, an den gleichen Plätzen zu stehen."


Viakultura - Wege zur Kunst 
Kerstin Petermann
Katendeich 54
21035 Hamburg
Telefon: 040 - 88 177 178

Termine: 9. Oktober 2010, 15 bis 17 Uhr

Kosten: 10 Euro

Dresden - Turmtour nach Tellkamp

Mit seinem vor zwei Jahren erschienenem Roman "Der Turm" schrieb Autor Uwe Tellkamp einen preisgekrönten Bestseller über das Leben in der späten DDR. Wichtigster Schauplatz des knapp Tausend-Seiten-Wälzers ist das Dresdner Villenviertel "Weißer Hirsch": Protagonist Christian wohnt im Haus "Karavelle", seine Onkel leben im "Abendstern" und im "Tausendaugenhaus".

Auf der "Turmtour" nimmt der Dresdner Historiker Albrecht Hoch literarisch Interessierte mit zu den Häusern mit den märchenhaften Namen. Die Führung beginnt genau wie der Roman mit einer Seilbahnfahrt zum Villenviertel. Unterwegs stellt Hoch Fakten und Fiktionen des Romans gegenüber, und am Ende der Tour können die Teilnehmer probieren, ob die im Buch in einer Ode gepriesene Dresdner Semmel tatsächlich so großartig ist wie beschrieben.


Hochtouren Dresden 
Österreicher Straße 9
01279 Dresden
Telefon: 0351 - 2523580

Termine: Samstag, 21. August 2010 von 14 bis 16 Uhr; Sonntag, 26. September 2010, 15 bis 17 Uhr; Samstag, 16. Oktober 2010, 15 bis 17 Uhr; Sonntag, 7. November 2010, 11 bis 13 Uhr

Kosten: 10 Euro inklusive Verkostung einer Dresdner Semmel

Lübeck - Mehr als die Manns

Literatur in Lübeck - da denkt man zuerst an Thomas Mann. Dass es in der Hansestadt noch mehr Autoren zu entdecken gibt, zeigt das Team vom Buddenbrookhaus auf seinen "Literarischen Spaziergängen". Auf einer Tour durch die Altstadt erfährt man unter anderem, was der Dichter und Anarchist Erich Mühsam mit dem Stadtbild zu tun hat und warum Nobelpreisträger Günter Grass Lübeck als zweite Heimat wählte. Unterwegs stellen Lesungen aus den Werken den Bezug zu den besuchten Orten her.

Ganz kommt man jedoch an den Mann-Brüdern Thomas und Heinrich nicht vorbei: Die Führung startet mit dem Buddenbrookhaus und führt auch zum Katharineum, dem Gymnasium, an dem Thomas Mann als Schülerzeitungsredakteur erste literarische Schritte machte.


Buddenbrookhaus 
Mengstr. 4
23552 Lübeck
Telefon: 0451 - 122 4240

Termine: Sonntags: 12. September 2010, 10. Oktober 2010, 24. Oktober 2010, 14. November 2010, 21. November 2010; immer 11 bis 12.30 Uhr

Kosten: 8 Euro

Augsburg - Nachtaktive Leseeulen

Wenn es dunkel wird, erblüht in Augsburg die Literatur: Die Volkshochschule der Stadt lädt jedes Jahr nachtaktive Leseeulen zu Erkundungstouren in der Dunkelheit. Gruselig wird es auf der "Literarischen Nachtwanderung" durch Augsburgs Westliche Wälder, wo man auf unheimliche Gestalten der Weltliteratur trifft.

Auch der "Literarische Stadtrundgang bei Nacht" beginnt erst, wenn die letzten Sonnenstrahlen verschwunden sind. Autor Wolfgang Kemmer-Bördgen liest aus seinem historischen Kriminalroman "Feuersbrunst" und nimmt die Zuhörer mit in das Augsburg des 16. Jahrhunderts. Beim anschließenden Buffet können sie sich von der Aufregung erholen.


Volkshochschule Augsburg 
Willy-Brandt-Platz 3a
86153 Augsburg
Telefon: 0821 - 502650

Termine: Feuersbrunst - Freitag, 22. Oktober 2010, ab 22 Uhr; Nachtwanderung - Freitag, 17. Dezember 2010, 19 bis 22 Uhr

Kosten: 18 Euro Feuersbrunst, 13 Euro Nachtwanderung; bei beiden Anmeldung nötig

Tübingen - Per Pedal zur Poesie

Auf dem "Literarischen Radweg" durch Schwaben begegnet man unter anderem dem "wahnsinnigen" Hölderlin und dem verwahrlosten Lyriker Jakob van Hoddis. Über rund 50 Kilometer führt die Tour von Tübingen entlang des Neckars nach Reutlingen, Pfullingen und Gomaringen. Er wolle zeigen, dass nicht immer nur die Sonne scheint im Land der Literatur, sagt Thomas Schmidt, Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg, die den Radweg erarbeitet hat.

Eröffnet im Juni 2010, ist die Tübinger Route der neuste von sechs literarischen Radwegen durch Baden-Württemberg. 25 sollen es im Rahmen des Projekts "Per Pedal zur Poesie" werden. Eine detaillierte Broschüre, die man als PDF herunter laden kann , leitet die Radler durch die Literaturlandschaft der Region und informiert über Dichter und Schauplätze genauso wie über Steigung und Länge der Teilstrecken.


Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg  
Postfach 1162
71666 Marbach am Neckar
Telefon: 07144 - 848 603

Kosten: 1,50 Euro pro Broschüre oder kostenlos als PDF auf der Internetseite des Projekts

München - Literarischer Streifzug durch das Lehel

Auf seiner Tour "Jugend an der Isar - Streifzug durch das Lehel" führt der Autor und Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer seine Zuhörer in die Kinderstuben und Teenager-Jahre der zahlreichen Literaten, die in dem Münchner Altstadtviertel ihr Zuhause hatten: Lion Feuchtwanger schlich hier als schmächtiger Junge durch die Straßen, bevor er zu einem der meistgelesen Autoren Deutschlands wurde. Und die Töchter des Dramatikers Frank Wedekind hatten es nicht weit zu ihren Spielkameraden, den Kindern von Thomas Mann. Neben bekannten Autoren lässt Heißerer durch ausgewählte Zitate auch versteckte und vergessene Literaten zu Wort kommen.


Literarische Spaziergänge und Exkursionen 
Dirk Heißerer
Straubinger Straße 26 A
80687 München
Telefon: 089 - 13 41 42

Termine: Freitag, 15. Oktober 2010, 15 bis 17 Uhr

Kosten: 10 Euro

Ilmenau - Wandern, wo Goethe schrieb und soff

Zu Goethe-Graffito, des Dichters Liebeshöhle und steilen Felsen der Inspiration leitet einen das weiße geschwungene "g" auf dem Goethe-Wanderweg durch den Thüringer Wald. 28 Mal kam der Dichter nach Ilmenau, aus geschäftlichen Gründen, aber auch um Ruhe vom Weimarer Hof zu finden. Die 20 Kilometer lange Strecke führt von der thüringischen Stadt zum kleinen Örtchen Stützerbach vorbei an Orten der Arbeit und der Muße.

Auf dem Schwalbenstein schrieb Goethe den vierten Akt seines Schauspiels "Iphigenie auf Tauris", auf dem Gipfel des Kickelhahns kritzelte er das Gedicht "Ein Gleiches" an die Bretter einer Hütte. Nicht immer ging es so beschaulich zu: In Stützerbach, am Ende des Wanderweges, stehen noch heute die Häuser der Familien Glaser und Gundelach, in denen Goethe deftige Feste feierte.


Fremdenverkehrsamt Ilmenau-Information 
Am Markt 1
98693 Ilmenau
Telefon: 03677 - 600300

Begehbarkeit: von April bis November, im Winter bei hoher Schneelage nur teilweise zugänglich

Kosten: 4,10 Euro für Wanderkarte der Region oder kostenloser Flyer mit schematischer Darstellung des Weges von der Ilmenauer Touristeninformation

Berlin - Von Strichjungen und Bohemiens

Sperrstunde, Dekadenz und sexuelle Freizügigkeit: Der literarische Nachtspaziergang "Life was a Cabaret?" versetzt die Teilnehmer in das Schöneberg der zwanziger Jahre. In Texten von Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner und anderen wird das damalige Berliner Nachtleben wieder lebendig. Aber auch die beginnenden politischen Veränderungen beschäftigten die Autoren dieser Zeit und werden auf der Führung durch Zitate thematisiert.

Vor Ort können die Teilnehmer die Schauplätze mit dem Berlin der Gegenwart vergleichen. Dazu gibt es Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Berliner Bohème, die unter anderem zeigen, wie sie mit sozialen Unterschieden umgingen und was bei ihnen aufgetischt wurde.


StattReisen Berlin GmbH 
Malplaquetstraße 5
13347 Berlin
Telefon: 030 - 455 30 28

Termine: Samstag, 28. August 2010, 21 bis 23 Uhr

Kosten: 9,50 Euro, ermäßigt 7 Euro

Stuttgart - Internationale Literaturprominenz im Ländle

Dichtende Touristen: Die Führung "En passant und Avanti - Kommen und Gehen" folgt französischen, italienischen, dänischen, russischen und irischen Literaten, die Stuttgart besucht haben. Nicht alle kamen, um zu arbeiten: Ivan Turgenjew lud sich bei Eduard Mörike ein, Casanova entging nur knapp seiner Verhaftung, und Honoré de Balzac kurte im nahen Bad Cannstatt.

Quer durch die Innenstadt geht es auf der rund zweistündigen Tour von der Unterkunft von Arthur Rimbauds zum ehemaligen Hotel Marquardt, einst eine der ersten Adressen für Reisende, bis zum Schlossgarten, in dem der irische Dramatiker Samuel Beckett gerne spazieren ging.


Literatur-Spaziergänge Hahn, Kusiek & Laing 
Mainzer Straße 42
71672 Marbach
Telefon: 07144 - 84 12 16

Termine: Sonntag, 31. Oktober 2010, 15 bis 17 Uhr

Kosten: 9 Euro

Leipzig - Mord und Totschlag auf dem Krimirundgang

Hier spielen Hinrichtungen und bestialische Morde die Hauptrolle: Auf seinem "Krimirundgang" führt Henner Kotte auf die dunkle Seite der Weltliteratur und durch die Leipziger Innenstadt. Wenn die Sonne langsam untergeht, startet die Tour zu den Originalschauplätzen gruseliger Verbrechen. Kotte kennt sich aus in dem Metier: Er hat selbst mehrere Krimis geschrieben, die in der sächsischen Stadt spielen.

Auf der Führung trifft man unter anderem auf Goethe, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller - und auf Woyzeck, Leipzigs berühmtesten Mörder. In Georg Büchners gleichnamigem Drama hat er Eingang in die Weltliteratur gefunden. Auch die Schilderung von dem ein oder anderen realen Mord lässt Kotte in seinen Rundgang einfließen: Ihm geht es vor allem darum, aufzuzeigen, welche Abgründe sich hinter den schicken Altbaufassaden auftun können.

Henner Kotte 
Riemannstr. 12
04107 Leipzig
Telefon: 0341 - 2125310

Termine: Samstags: 4. September 2010, 9. Oktober 2010, 6. November 2010, 4. Dezember 2010; immer 18 bis 20 Uhr

Kosten: 7 Euro