Kult-Gebäck aus Meißen Fummeln in der Altstadt

Meißen ist Porzellanstadt - und Heimat der Fummel. Das handballgroße Hohlgebäck sieht weder gut aus, noch schmeckt es gut. Dafür hat es eine besondere Geschichte und darf weltweit nur in einer Konditorei hergestellt werden.

SPIEGEL ONLINE

Von


Preisfrage: Was ist zerbrechlich, handgemacht, jedes Mal ein Einzelstück und wird seit 1710 ausschließlich in Meißen hergestellt? Na klar, Meißner Porzellan, werden die meisten antworten. Na klar, die Meißner Fummel, wird dagegen kaum jemand in den Sinn kommen. Dabei wäre die Antwort genauso richtig. Nur taugt die Fummel leider wenig als Tourismussymbol für die auf Marketing-Postern beworbene "Porzellan- und Weinstadt Meißen". Weil sie weder ein Geschmackserlebnis ist wie der Rebensaft noch hübsch wie ein Zierteller mit Zwiebelmuster.

Pustel auf der Außenhaut, groß wie ein Handball, zwei Liter Luft im Innern: Auf asiatische Besucher, wie sie täglich in Bataillonsstärke per Reisebus vor den Shops der Porzellanmanufaktur anrücken, muss das Gebäck auf den ersten Blick wirken wie eine überdimensionierte Dim-Sum-Teigtasche. Immer wieder bleiben Touristen vor dem Schaufenster des Café Zieger stehen. Es steht an einem hübschen Platz mit Brunnen und Weinladen in der kopfsteingepflasterten Altstadt, darüber thront wie eine Festung der Dom auf seinem Hügel. Im "Lonely Planet" und in japanischen Reiseführern wird das Café als einzige Konditorei weltweit empfohlen, die Meißner Fummeln herstellen darf.

"Je mehr Blasen die Fummel hat, desto stabiler ist sie", erklärt Konditorin Astrid Zieger, schwarze Designer-Brille, fummelbeiges Polohemd, und deutet auf die pudergezuckerten Teigbeutel auf ihrem Kuchenblech. Auf die exakte Form und Größe habe man keinen Einfluss, für jedes Exemplar werde die gleiche Menge des Teigs aus Wasser, Mehl "und ganz wenig Fett" verwendet. "Eine ziemliche Fummelei" sei die Herstellung, vielleicht habe das Gebäck daher seinen Namen. Das Rezept hält die Familie seit Generationen geheim, ihre Konditorei wurde schon im Jahr 1844 gegründet.

Saufen und Fummeln

Die Fummel-Geschichte geht noch viel weiter zurück. Jeder, der ein solches Gebäck erwirbt, bekommt sie auf einem Stück Papier gratis dazu, sächsische Schulkinder hören sie im Sachkundeunterricht: die Geschichte des unzuverlässigen Pferdekuriers, der für Kurfürst August den Starken zwischen Meißen und Dresden unterwegs war. Eine herrliche Route am Elbufer entlang, schon nach wenigen Metern führt sie an den ersten Weinbergen vorbei.

Heute lassen sich dort Touristen bei täglichen Verkostungen mit Riesling und Müller-Thurgau volllaufen, früher der Kurier. Der Legende zufolge erreichte er Dresden deshalb häufig in wenig fürstlichem Zustand, was August dem Starken wenig Freude bereitete. Mangels funktionierender Promilletestgeräte wandte er eine List an: Die Meißner Bäcker sollten ein extrem zerbrechliches Gebäck kreieren, das der Kurier in einem Stück nach Dresden bringen musste. "Sonst gab es als Strafe 30 Stockschläge auf den Nackischen", sächselt Zieger. Ob der Kurier mit Gebäck im Gepäck zuverlässiger wurde, ist nicht überliefert. Aber die Fummel gibt es bis heute.

Auf die Frage, ob Frau Zieger selber ab und zu eine Fummel verspeist, antwortet sie ohne Zögern: "Nö." Wieso nicht? "Satt werden Sie nicht davon, und ein besonderes Geschmackserlebnis haben Sie auch nicht", sagt die Konditorin. Sie ziehe ein Stück Kuchen vor. Die Tochter immerhin esse ab und zu Fummel mit ein wenig Butter.

Zerbrechlich wie die Liebe

Der Geschmack erinnert an eine Mischung aus Oblate und Weißbrot, ist also tatsächlich wenig spektakulär. Doch wen stört's, wenn die Geschichte gut ist? Die wird in acht Sprachen auf einem Poster im Verkaufsraum erzählt. Rund 800-mal geht das Gebäck jeden Monat über die Theke, trotz der Konkurrenz von Prasselkuchen, Macarons und Leipziger Lerchen, die direkt daneben liegen. Und dann sind da noch die Hochzeits-Fummeln: Jedes Paar, das in Meißen getraut wird, erhält feierlich ein Hohlgebäck überreicht als Symbol für die Zerbrechlichkeit der Liebe.

Während Meißens Porzellanmanufaktur für Luxus und hohe Kunst steht und neuerdings sogar Schmuck und Möbel anbietet, ist die zehn Gehminuten entfernte Fummel-Konditorei ihr bodenständiges Gegenstück. Statt mit feinsten Ornamenten aus 10.000 Farben wird hier mit Puderzucker veredelt. Statt Kaolin und Feldspat sind die Zutaten Wasser, Mehl und Fett. Und statt fünfstelliger Beträge für besonders aufwendige Figuren zahlt der Kunde 2,50 Euro, mit Geschenk-Plastikfolie drei Euro.

Meißen wirkt nicht wie eine Stadt, in der Gewerbe gewöhnlich jahrhundertelang im Geschäft bleiben. Darauf weisen viele leere Verkaufsräume, mit Holzplanken verdeckte Fenster und vom Putz abbröckelnde Werbebeschriftungen hin. In manchen Straßen ist jedes zweite Ladengeschäft verwaist. Nur das fragile Gebäck und das fragile Porzellan konnten sich über 300 Jahre lang behaupten.

Vielleicht kommt demnächst sogar eine Kombination aus beidem auf den Markt: Ein Dresdner Designer hat in einer Testfertigung 20 Porzellan-Fummeln im Miniaturformat gebastelt und erwägt nun, eine größere Auflage herzustellen. Zumindest das Problem, dass manche Kunden vom Geschmack enttäuscht sind, wäre mit einer nicht essbaren Version gelöst.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gegengleich 04.10.2013
1.
Soso, Wasser, Mehl und Fett sind bodenständigere Zutaten als Kaolin und Feldspat. Wieder was dazugelernt. Was unnützes. Eben genauso unnütz wie Fummel.
liekon 04.10.2013
2. optional
... in Meißen sind viele Läden verwaist, da die Stadt im Juni komplett unter Wasser stand. Sollte hier mal erwähnt werden...
c.PAF 04.10.2013
3.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMeißen ist Porzellanstadt - und Heimat der Fummel. Das handballgroße Hohlgebäck sieht weder gut aus noch schmeckt es gut. Dafür hat es eine besondere Geschichte und darf weltweit nur in einer Konditorei hergestellt werden. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/meissner-fummel-gebaeck-mit-geschichte-aus-meissen-a-925632.html
Fummeln sind Kunst. Warum? Ein Produkt kann noch so "Scheixxe", sind man muß nur wissen, wie man es verkauft. Und genau das ist die Kunst. Glückwunsch an die Kinditorei. Wahrscheindlich würde ich mir (abhängig vom Preis) auch so ein Teil gönnen, einfach nur so zum Spaß...
naja123 04.10.2013
4. Flut vergessen?
Ich bin eher beeindruckt, wie viele Geschäfte schon wieder brandneu aussehen, bröckelnder Putz und leere Räume sind 4 Monate nach der für die Meissener Altstadt verheerenden Flut nun wirklich kein Wunder - es muss schließlich alles trocknen und renoviert werden und dann muss man sich auch noch trauen, an dem Standort wieder anzufangen. Ein Fummel kostet aktuell übrigens 2,50 Euro und schmeckt nach nüscht.
mischpot 04.10.2013
5. Mein Gott was hat man den Osten aufgepeppt!
Wenn man die Bilder sieht, so wünscht man sich manche Weststädte, die haben aber kein Geld mehr weil Sie den Osten subventioniert haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.