Mikroabenteuer in der Stadt: Sie nennen es Ausbüxen
Mikroabenteuer in der Stadt: Sie nennen es Ausbüxen
Foto: Harald Tittel/ DPA

Mikroabenteuer in der Stadt Sie nennen es Ausbüxen

Nach der Arbeit in den Wald, dort schlafen - und morgens ins Büro: Der Sommer ist die perfekte Zeit für spontane Naturabenteuer vor der Haustür. Wie das in Großstädten klappt, erklären zwei Mikroabenteurer.
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Mikroabenteuer: Schlafen unter der Schutzplane

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Jana und Patrick Heck lieben Abenteuer. Regelmäßig packen sie ihre Rucksäcke - und los geht's. Ihre Ziele liegen aber nicht in fernen Ländern, die man mit dem Flugzeug erreicht. Nein, es zieht sie ganz in die Nähe, in die Natur, meist in den Wald um ihren Wohnort. Die beiden sind Mikroabenteurer: Draußen erleben sie kurze Auszeiten, die einfach und ohne viel Aufwand zu erreichen sind - und schlafen gerne unter freiem Himmel. "Abenteuer kann man überall erleben", sagt Jana Heck. "Sie können, auch wenn sie kurz sind, die Qualität eines Urlaubs haben."

Damit leben sie einen Trend, den der britische Abenteurer Alastair Humphreys erstmals 2014 als "Microadventures" beschrieben hat: Abenteuer, die jeder im Alltag und in seiner Umgebung erleben kann. Diese Abenteuerlust greift auch in Deutschland um sich: "Es hat hier offenbar sehr einen Nerv getroffen", sagt der Motivationsexperte Christo Foerster, seit 2017 in Sachen Mikroabenteuer im deutschsprachigen Raum unterwegs. Über "einfach gute Outdoor-Erlebnisse vor der Haustür" hat er gerade das neue Buch "Raus und machen" veröffentlicht.

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Mikroabenteuer: Schlafen unter der Schutzplane

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Jana und Patrick Heck nennen es "Ausbüxen". Längere Zeit sind sie nach der Arbeit spätnachmittags oder abends ausgebüxt: Ab in den Wald, dort schlafen und morgens nach einer Dusche zu Hause wieder ins Büro. "Man geht gestresst los, aber nach ein, zwei Stunden im Wald wird man ruhig und gelassen", sagt der 40-jährige Designer. Seine Frau, die als Landschaftsplanerin gearbeitet hat, fügt hinzu: "Die ganzen Gedanken, die sonst abends im Kopf rumschwirren, verpuffen relativ schnell." Zwar stelle man durch ein Mikroabenteuer keine große räumliche Distanz zu seinem Alltag her. Doch der Abstand im Kopf, der sei riesig.

30 Nächte unter freiem Himmel

Inzwischen haben sie ihre Jobs gekündigt und widmen sich von ihrem Wohnort Trier aus ausschließlich ihrem "Ausgebüxt"-Projekt. Zunächst über Videos im Internet, seit zwei Monaten über einen Blog , nehmen sie Interessierte mit auf ihre Touren und geben viele Tipps. Sie waren auch schon auf Deutschlandreise und haben 30 Nächte unter freiem Himmel verbracht. In und um Stuttgart, München, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg. "Wir wollten zeigen, dass Naturabenteuer auch für Großstädter gehen", sagt die 29-Jährige.

So nächtigten sie beispielsweise in Berlin auf dem Drachenberg, in München an der Isar und in Hamburg am Containerhafen. Man habe morgens nie gewusst, wo man abends ankommen werde, sagt Patrick Heck. Es sei abenteuerlicher gewesen als die Asienreise vor ein paar Jahren. Privatpersonen dürfen in der Regel in der Natur übernachten, solange sie nicht zelten. Erlaubt ist lediglich eine Schutzplane, die man über sich spannt, falls es regnet.

In Deutschland begeisterten sich immer mehr Menschen für Mikroabenteuer, sagt Foerster. Die Idee an sich sei vielleicht nicht neu, aber sie passe in die Zeit. "Die Sehnsucht nach Abenteuer und nach Natur ist im Menschen verankert. Sie wird aber in unserem alltäglichen Leben nicht mehr bedient." Die Mikroabenteuer könnten da "eine Lösungsmöglichkeit sein", sagt er, als er gerade auf einem Tretboot von Kiel nach Hamburg unterwegs ist. Er hat viele Ideen für kleine Abenteuer: Nachts Fahrradfahren oder die höchste Erhebung in seinem Bundesland ersteigen.

Familien motivieren, die Natur zu erleben

Hinzu komme der Klimaschutzgedanke. "Für mich gehört dazu, kein Auto und natürlich kein Flugzeug dafür zu benutzen", sagt Foerster. Auch die Hecks bleiben am Boden: Jana Heck ist Mitinitiatorin des deutschen Ablegers von Flight Free 2020 , einem aus Schweden stammenden Flugverzicht-Projekt. Es setzt sich dafür ein, 100.000 Menschen zu finden, die im Jahr 2020 nicht fliegen wollen. "Es soll Bewusstsein schaffen für die Konsequenzen, die das Fliegen für das Klima hat", sagt sie.

Die Hecks gehen bei ihren Abenteuern auch neue Wege: Denn nach der Geburt ihres Sohnes Tilo vor rund einem halben Jahr entwickeln sie auch eigene Angebote für Familien. "Wir wollen Familien motivieren, mehr in die Natur zu kommen", sagt Jana Heck. Dazu gründen sie gerade in Trier eine "Ausgebüxt-Familie" - eine feste Gruppe von Familien, die regelmäßig zusammen Naturabenteuer erlebt.

Im September will das Paar mit Tilo eine Trekkingreise auf dem Eifelsteig machen - und auch draußen übernachten. "Wir wollen zeigen, dass das möglich ist."

Von Birgit Reichert, dpa