Brandenburg-Fahrt Rein in den Bulli, raus aus Berlin

Das Bundesland mit den meisten Seen Deutschlands bietet sich perfekt für ein Mikroabenteuer übers Wochenende an. Einfach mal mit dem Bulli durch Brandenburg fahren!

Inka Chall

Das Morgenlicht fällt in dünnem Strahl durch die beiden Stoffbahnen am Seitenfenster, ein paar Schafe blöken leise. Schiebetür auf, Frischluft rein, Zeit für einen Löskaffee. Wir machen Urlaub vor der Haustür - als Berliner also Bulli-Urlaub in Brandenburg.

Wer mit dem VW-Bus unterwegs ist, lebt minimalistisch und sparsam. Wagemutige fahren einfach drauflos, doch schon Rainald Grebe wusste, dass in manchen Ecken Brandenburgs der Hofladen nicht gleich um die Ecke ist: "Nimm dir Essen mit, wir fahren nach Brandenburg!", singt der Kölner Kabarettist in "Brandenburg". Also haben wir lieber ein paar Nudeln und Pesto mit eingepackt, das Toilettenpapier sowieso.

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Im Bulli durch Brandenburg: Zu Hofläden, Theater und Seen

Wer kein eigenes Gefährt hat, kann sich eins mieten - so wie wir. Vermietungen von alten (und neuen) VW Bullis gibt es unzählige. Wir bekommen eine einstündige Einweisung, die alle Funktionen und Tücken erklärt. So ein T3 hat ja das, was man wohl Charakter nennt, in unserem Fall: eine etwas hakelige Gangschaltung. Das gehört zum Bulligefühl dazu.

"All die jungen Leute, is' doch schön"

Unser erster Stopp ist die sanft hügelige Uckermark, bei Berlinern schwer beliebt. Das erfährt man nirgends besser als in Gerswalde im "Paradieschen", einem Schlossgarten, der als Gemeinschaftsprojekt von gestressten Städtern beackert wird, Matcha-Käsekuchen und Räucherfisch inklusive.

"Och, schön isses hier, mit all die jungen Leute, is' doch schön", antwortet eine Anwohnerin in Gerswalde auf die Frage, ob ihr all die Berliner, deren Autos am Wochenende die kleinen Dorfstraßen verstopfen, nicht auf die Nerven gehen. Nebenan im Museum der mittelalterlichen Burgruine freut sich ebenfalls die Mitarbeiterin, dass "hier jetzt endlich was los ist". Überraschendes Brandenburg.

Das Navi ist auf "Autobahnen vermeiden" eingestellt, wir tippen auf Lieblingsziele und lassen uns auf den Wegen überraschen. Wir laufen durch die Teichlandschaft des Naturschutzbundes an der Blumberger Mühle, bewundern das klare Wasser des Parsteiner Sees und machen einen Ausflug ins Untere Odertal, den einzigen Nationalpark Brandenburgs.

Der T3 tuckert auf Kopfsteinpflasterstraßen und Sandwegen in winzige Ortschaften mit Bullerbü-Charme. An Straßenständen werden Eier, Erdbeeren und Marmeladen angeboten, wir hinterlassen etwas Geld und schlemmen uns durch die Sommertage. Je kleiner die Straßen, umso mehr Überraschungen und umso eher eine Chance auf eine geheime und abgeschiedene Badestelle.

Theater im Oderbruch

Die Hauptaufgabe unseres Miniabenteuers: einen schönen Stellplatz für den Abend finden. Um Kleingartenzäunchen und Bierdunst auf alteingesessenen Campingplätzen zu vermeiden, funktioniert die Masche "Ich war gerade zu müde zum Weiterfahren". Geduldet wird, wer auf öffentlichen Parkplätzen steht, sich nicht ausbreitet und am nächsten Morgen weiterfährt. Die App Park4night hilft beim Auffinden solcher Stellen.

Spätestens beim morgendlichen Bedürfnis wird allerdings die Toilette schmerzlich vermisst. Die bessere Idee ist daher das "Landvergnügen", ein smartes Konzept des Berliners Ole Schnack. Der fuhr einst mit seinem Van durch Frankreich, lernte die Idee kennen und brachte sie nach Deutschland: Landwirte bieten Wohnmobilen einen Platz an, diese kaufen dafür im Hofladen ein.

Mit Plakette ausgerüstet, rumpeln wir unbekannten Ortschaften entgegen, an denen wir sonst vorbeigefahren wären. Das "Theater am Rand" in Oderaue liegt zufällig an der Strecke, ein eigenwilliger Naturbau im Oderbruch, geschaffen für das Theater der Berliner Künstler Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann. Die Vorstellung ist ausverkauft, wir lauschen von der Wiese.

Die Sonne versinkt und taucht die Oder und das gegenüber liegende Flussufer in Polen in sanfte Farben. Der Stellplatz ist nur ein paar Hundert Meter weit entfernt, zwar kein Flussblick, dafür angenehme Ruhe und eine Wiese unter Bäumen. "Mehr Parkplätze hätte man hier schaffen können, die Besucher des Theaters verstopfen hier immer alles", ärgert sich der Landwirt und beschwert sich über den fehlenden Austausch mit den Dorfbewohnern.

Raus aus der Berliner Blase

Brandenburger, merken wir, wollen gern ein bisschen hofiert werden. Das Theater steht hier immerhin seit 20 Jahren, man hätte auch anklopfen können. In Gesprächen beim Einkauf, mit Vermietern, auf dem Spaziergang und am Kassenhäuschen ergibt sich ein größeres Bild. Brandenburg ist mehr als Nadelwald und Rapsfelder, als AfD und Pestizideinsatz, und manchmal sogar das genaue Gegenteil. Unser Trip bedeutet auch, die Berliner Blase zu verlassen und andere Lebensrealitäten kennen zu lernen.

Unser nächster Gastgeber betreibt einen kleinen Ziegenhof in der Lausitz. Beim Hofladeneinkauf zeigt er uns stolz die vielen Schwalben, die in seinem Kuhstall ein- und ausfliegen dürfen. Das sei ja bei vielen Bauern nicht mehr der Fall, "denn die machen überall hin". Am Abend werden die Ziegen eingeschlossen, daher habe auch noch kein Wolf sie holen können. "Aber gegen die Wölfe muss man wirklich etwas machen."

Mit Nico und These Days im Ohr entscheiden wir uns als nächstes für die Elbauen in der abgelegenen Prignitz. Mohnfelder schwingen sanft im Wind, während der T3 mit gemächlichen 80 km/h über die Landstraßen tuckert, immer auf der Suche nach dem nächsten See.

Die Autorin Inka Chall schreibt über ihre Bulli-Trips in ihrem Blog "Blickgewinkelt"und hat eine Playlist dazu bei Spotify unter #Brandenbulli erstellt.



insgesamt 50 Beiträge
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bpauli 27.07.2019
1. Biosphärenreservate
Ich suche die Natur auf, um der Stadt, dem Lärm und dem Verkehr zu entkommen. Ich wünschte mir deshalb, alle Wohnmobile und Wohnwagen würden die offiziellen Wohnmobilplätze für ihre Urlaube aufsuchen, statt idyllische Seeufer mit den Kraftfahrzeugen, oft verbotenerweise, zuzustellen. Fahrrad oder Wandern sind viel schönere Alternativen, um die Natur zu erleben. Leider erlebt man es in den Sommermonaten regelmässig in Brandenburg, wie Wohnmobile auf Forststrassen mit Fahrverbot unterwegs sind oder in Biosphärenreservaten wie der Schorfheide Tage verbringen, wo überall ein Stellplatz- und Campingverbot herrscht. Das SPON dafür indirekt noch unkritisch wirbt, finde ich deplaziert.
bedui 27.07.2019
2. Stellplätze
#1. Haben Sie einen anderen Text gelesen? In meiner Version stand jedenfalls nichts von wildem und verbotenem Campen, sondern es wird das sehr lobenswerte "Landvergnügen" empfohlen, das allen hilft
Iltis95beta 27.07.2019
3. Ich stimme Ihnen zu,
zwar mag das Erlebnis "Natur" im Wohnmobil schön freaky und frei daher kommen, unterm Strich ist es aber dennoch ein KFZ, das Emissionen verursacht und die Natur mithilft zu zerstören. Mit der Bahn, dem Bus und dem Fahrrad rausfahren wäre besser für die Tiere, die Seen und die Menschen.
reziproker 27.07.2019
4. Das nenne ich konsequent
..Matcha Käsekuchen, selbstgemachte Marmeladen am Straßenrand, Eier aus Holfäden, und im Herzen bei der Friday for Future Demo., sanfter geht's ja fast nicht mehr . Wunderschöner Schein... Der Realität besteht daraus, in einem Auto, das einen höheren Schadstoff Ausstoß hat als ein Porsche 911 fürs Vergnügen und die Außenwirkung Kreuz und Quer durch die Gegend zu gondeln und der "geliebten" Natur als Dankeschön die eigenen Hinterlassenshaften nebst Klopapier zu überlassen. ...Soll sich doch jemand anderes um meinen Dreck kümmern. Aber es ist halt im VW Bulli (war das nicht die Firma mit dem Abgasbetrug?) so viel eher Instagramable als sich in den Zug zu setzen und mit dem Rad durch Brandenburg zu fahren. Dann wäre man/frau wirklich sanft unterwegs. Aber darum geht's nicht. Ziel ist weniger ein sanfter Tourismus sondern Erlebnisse, die Hipp sind und Aufmerksamkeit bringen. Sehr schade!
counterpoint 27.07.2019
5. Idee: Camping-Erlaubnis
Klar geht's bei sowas immer auch um illegales Campen. (Man bleibt halt noch die Nacht am schönen Platz in der Natur und fährt nicht den Campingplatz an. Machen wir auch öfter.) Wäre unproblematisch, wenn es nicht immer mehr machen würden. Daher die Idee: Die Länder/Gemeinden könnten zeitlich begrenzte Camping-Lizenzen online verkaufen. So käme Geld rein für Beseitigung von Schäden, Müllabfuhr und vor allem die Kontrolle. Denn zu viele verlassen den Platz nicht, wie er vorher war, oder fahren in gesperrte Bereiche. Man könnte wie in einem Vertrag klare Regeln aufstellen. Auch eine Ortung wäre denkbar.
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