In einem klassischen BMW 2002 fuhr der Fotograf Wolfgang Groeger-Meier mit befreundeten Autoren einmal von Nord nach Süd durch Deutschland - immer auf der Bundesstraße 3.
In einem klassischen BMW 2002 fuhr der Fotograf Wolfgang Groeger-Meier mit befreundeten Autoren einmal von Nord nach Süd durch Deutschland - immer auf der Bundesstraße 3.
Foto: Wolfgang Groeger-Meier

Mit einem Oldtimer unterwegs auf der B3 Die westdeutsche Route 66

Einmal mit seinem BMW 2002 von Norden nach Süden durch Deutschland - so war der Plan von Fotograf Wolfgang Groeger-Meier. Die Bundesstraße 3 gab die Richtung vor für einen nostalgischen Roadtrip.
Von Jürgen Pander

Kann eine Straße Heimatgefühle auslösen? Eindeutig ja. Jedenfalls gilt das für die Autorinnen und Autoren des Buches "Lockruf des Südens", eine Art gedrucktes Roadmovie. Einmal von Nord nach Süd durch Deutschland auf der Bundesstraße 3. "Für mich bedeutet diese Straße Heimat und Sehnsucht nach der Ferne zugleich", sagt Wolfgang Groeger-Meier, Fotograf und Ideengeber des Buchprojekts.

Zwischen Frühjahr 2017 und Herbst 2018 lud er nacheinander sechs Mitfahrer in seinen BMW-Oldie - einen froschgrünen 2002 Baujahr 1975 -, um die insgesamt rund 800 Kilometer zwischen Buxtehude, wo die B3 beginnt, und Weil am Rhein, wo die B3 an der Grenze zur Schweiz endet, in mehreren Etappen zurückzulegen.

"Ich bin in Frankreich geboren. Als ich zehn Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir in die Nähe von Hannover", berichtet Groeger-Meier über seine B3-Affinität. "Immer wenn es damals in den Süden ging, nach Frankreich in den Urlaub, sind wir große Strecken auf der B3 gefahren. Und später, als ich schon als Fotograf arbeitete und häufig in Hamburg zu tun hatte, nahm ich auch die B3 über Celle und Soltau."

Heute wohnt Groeger-Meier, Jahrgang 1963, in München. Während der Arbeit zu dem Foto-Heimat-Straßen-Buch kamen rund 23.000 Recherche-Kilometer zusammen.

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B3 - einmal Deutschland mit allem

Foto: Wolfgang Groeger-Meier

Auf Entdeckungsreise im eigenen Land

Die persönliche Beziehung zur B3 stand am Anfang. "Während der Arbeit am Buch jedoch stellte sich mehr und mehr heraus, dass die Bundesstraße 3 in vielerlei Hinsicht einen Querschnitt durch Deutschland bietet. Von Nord nach Süd, von Bier zu Wein, von Backstein über Fachwerk zu pastellfarben getünchtem Putz", sagt Groeger-Meier.

Die B3, die in Teilstücken im Süden mit zweitausend Jahre alten Römerstraßen übereinstimmt, reiht Burgen und Schlösser, Metropolen und Kleinstädte, Flusstäler und Mittelgebirge, Heidelandschaft, Industriegebiete und Streuobstwiesen aneinander. "Der Abwechslungsreichtum ist fantastisch", sagt Groeger-Meier. "Und dazu kommt dieses unartikulierte Versprechen nach Sonne, Ferne und auch ein bisschen Fremde, wenn es fast immer konsequent in Richtung Süden geht." Vergleichbar ist sie allenfalls mit ihrem ostdeutschen Pedant, der B96, die allerdings am besten in der umgekehrten Richtung gefahren wird: von Zittau immer Richtung Norden bis nach Sassnitz auf Rügen.

Das ursprüngliche Projekt, anhand einer Straße Vielfalt, Veränderung und Verdrängen zu porträtieren, wird jetzt, in Zeiten coronabedingter Fernreisebeschränkungen, durch einen zusätzlichen Aspekt ergänzt: den einer Entdeckungsreise durch das eigene Land. Heimatkunde im Vorbeifahren sozusagen. Zumal das Buch kaum zählbare Tipps und Vorschläge enthält, wo überall auf dieser Route sich das Anhalten, Aussteigen und Einsteigen in die regionalen Besonderheiten lohnt.

Auf dem Weg liegt die älteste Tankstelle der Welt

Historisch bedeutsame Orte entlang der Route sind beispielsweise die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen; Schloss Marienburg, der Stammsitz der Welfen bei Pattensen; die Brauerei-Metropole Einbeck; das Fagus-Werk in Alfeld, ein frühes Bauhaus-Werk des Architekten Walter Gropius und inzwischen Unesco-Weltkulturerbe oder die Stadtapotheke von Wiesloch, wo Berta Benz im Jahre 1888 auf der ersten Autofernfahrt der Welt anhielt, um den Treibstoff Ligroin zu kaufen.

Das sind nur einige wenige Beispiele. Und allein in Hannover, Kassel, Frankfurt, Heidelberg oder Freiburg könnte man mehrere Tage verbringen, um die dortigen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten zu erkunden.

Die heutige Bundesstraße 3, das sollte man auch wissen, ist natürlich in erster Linie ein Verkehrsweg, kein roter Faden für Touristen. An zahlreichen malerischen Orten führt das graue Asphaltband inzwischen in weiten Bögen vorbei. Das ist für viele Menschen ein Segen.

Der SPIEGEL berichtete 1952 über die B3 als "Bundes-Mord-Straße", weil allein auf dem Abschnitt in Niedersachsen damals binnen eines Jahres 1650 Unfälle gezählt worden waren. Zur Gefahr durch den anschwellenden Straßenverkehr kamen der Lärm und die Abgase. Mit ihnen kamen allerdings auch die Kunden für Tankstellen, Bäckereien, Metzgereien, Gasthöfe, Hotels, Pensionen, Kioske.

Im Zweifel immer geradeaus fahren

Wo immer eine nahe Autobahn oder eine Umgehungsstraße fertiggestellt wurden, blieben diese Kunden weg. So ist die Bundesstraße 3 auch ein Zeugnis für den Mobilitäts- und Strukturwandel, für Landflucht und regionalpolitische Profilierungssucht - wenn mal wieder Unter- oder Überführungen, Kreisverkehre oder Ampelanlagen extra großspurig in die Landschaft betoniert wurden.

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Groeger-Meier, Wolfgang

Lockruf des Südens: Unterwegs auf der Bundesstraße 3 | Von Menschen und Heimat, Fernweh und Motoren (Corso)

Verlag: Corso ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Seitenzahl: 200
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Groeger-Meier und seine Begleiter - darunter auch die Kollegin Margret Hucko vom manager magazin - versuchten so oft wie möglich die alte, ursprüngliche B3 wiederzuentdecken. Und landeten dabei häufig auf heute stillen Nebensträßchen, die inzwischen halb zugewuchert sind oder längst anderweitig genutzt werden, zum Beispiel als Motocross-Trainingspisten.

Der Tipp von Groeger-Meier für alle, die sich auf B3-Entdeckungstour begeben wollen, lautet daher: "Wenn man der ursprünglichen Straße, den Orten und Menschen möglichst nahe kommen möchte, sollte man die Augen offen halten - und im Zweifel immer geradeaus fahren."