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Radtour durch den Schwarzwald: Steigung, Spätzle, Sauvignon

Foto: Manuela Weis

Per Rennrad über die Oppenauer Steige "Unterschätze den Schwarzwald nicht!"

Rechts hängen rote Äpfel, links gelbe Trauben, und dazwischen schwitzt der Sportler auf dem Rennrad. Der Schwarzwald ist berüchtigt für seine extremen Steigungen - vor allem die Oppenauer Steige hat es in sich. Ein Tourbericht.
Von Johannes Schweikle

Vielleicht hätte ich Dominic Müller doch ernst nehmen sollen. Bei einem Glas Rieslingsekt hat mir der Direktor des Hotels "Ritter" in Durbach  erzählt, wie er mit Gästen gelegentlich Radtouren macht, um die Winzer im Ort zu besuchen. Er setzt sich dann auf ein E-Bike, sagt Müller. "Aber ich komme ganz schön aus der Puste." Ich lächele nur mein souveränes Rennradfahrerlächeln in mich hinein - voreilig, wie sich später herausstellt.

Die Hügel mit den Rebstöcken rund um Müllers Hotel sollen ja eigentlich nur das Aufwärmprogramm auf meiner Radtour am nächsten Tag sein. Ich will aus der Ortenau , einer lieblichen Landschaft am Rand der Rheinebene bei Offenburg, hinauf in den Schwarzwald. Ohne Elektromotor am Rad.

Zur Vorbereitung stärke ich mich am Abend noch in der mit dunklem Holz getäfelten Gaststube des Hotels, mit Kalbsrückensteak mit hausgemachten Spätzle und einer Crème bavaroise mit marinierten Beeren und Cassissorbet. Die Weinkarte verzeichnet 780 Positionen. Ich beginne mit einem Sauvignon Blanc vom Durbacher Steinberg.

Rebstöcke wie mit dem Lineal gesetzt

Am nächsten Morgen dann rolle ich gemütlich an dem Flüsschen entlang, der diesem Weinort  den Namen gibt. Das Straßengeländer ist üppig mit Blumen geschmückt. Vor einem Fachwerkhaus steht eine historische Weinpresse. Gleich hinter dem Ort geht es hoch in die Weinberge.

Rechts hängen rote Äpfel, links gelbe Trauben. Die Reben ziehen sich bis zum Schloss Staufenberg hinauf. Irgendwo hier muss der Klingelberger Riesling gewachsen sein, den mir der Sommelier gestern Abend noch empfohlen hat und für den Durbach zu Recht berühmt ist.

In scharfen Kurven geht es hinauf zur Brandstetter Kapelle. Dabei treffe ich auf fünf Franzosen. Sie steigen jeden Samstag in Straßburg auf ihre Rennräder und drehen eine Runde. Als ich erzähle, dass ich die Oppenauer Steige  fahren will, sagt einer: "Och, wir machen heute nur die kleine Tour." Spätestens da hätte ich misstrauisch werden müssen.

Nach einer kurzen Abfahrt geht es ins Renchtal . Die Straße steigt kaum merklich, die Aussicht ist grandios: Ringsum ziehen sich Weinberge die Hänge hinauf, die Rebstöcke sind wie mit dem Lineal gesetzt. Wo die geometrischen Linien enden, beginnt gleich der wilde Wald. Hohe, dichte Bäume, die sich wie eine grüne Wand schützend über den großen Garten der Ortenau erheben.

Der Kampf mit dem Tacho beginnt

Hinter Oppenau  wird die Straße schmal. Sie hat keinen Mittelstreifen mehr, und dann steigt sie. Das Spiel des Pässefahrens kann beginnen: Schaffe ich es, die Geschwindigkeitsanzeige auf dem Tacho im zweistelligen Bereich zu halten? Mit einem Schlag sind die Weinberge verschwunden, es geht zwischen dunklen Fichten steil bergauf. Schon nach einem Kilometer gebe ich den Kampf mit dem Tacho auf. Keine Chance, 10 km/h zu erreichen.

Habe ich Halluzinationen? Aus dem Wald über mir höre ich tiefe Töne, die nicht wirklich zum Schwarzwald gehören: ein Alphorn. In der nächsten Kurve schaue ich über die Schulter zurück. Ich bin ja langsam genug - und sehe das große Dach eines Bauernhofs. Von dort kommen die Töne. Jemand übt tatsächlich ausdauernd auf seinem Instrument.

Auch Jan Sahner hat mich gewarnt. "Man darf den Schwarzwald nicht unterschätzen", hat er gesagt. "Die Anstiege sind dort oft steiler als in den Alpen. Aber halt nicht so lang." Sahner ist absolut ernst zu nehmen, wenn es um Berge geht. Er betreibt die Seite "Quäldich ", die ein Pässe-Lexikon  für Rennradfahrer bietet.

So ziemlich jede Steigung, die auf zwei schmalen Reifen zu bewältigen ist, wird dort beschrieben und in zwei Kategorien bewertet: Schönheit und Härte. Fünf Sterne sind das Maximum.

Die Oppenauer Steige  kriegt vier Schönheitssterne, in puncto Härte schafft sie die Höchstwertung. In nackten Zahlen ausgedrückt: 7,7 Kilometer Länge, 670 Höhenmeter. In den steilsten Rampen steigt die Straße mit 18 Prozent. Bei Quäldich ist eine Bestzeit hinterlegt. Ein gewisser "lancefan86" hat diesen Anstieg in 29 Minuten geschafft. Aber das ist mir egal. Mir geht es nur noch um die Rennradfahrerehre: Schaffe ich es ohne Absteigen?

Fast wie in Kanada

Nach fünf Kilometern kommt ein Flachstück. Doch das ist nur 200 Meter lang, dann geht's wieder brutal bergauf. Endlich ein Schild am Straßenrand, und noch nie war ein Ortsname ein solcher Trost: Auf dem Schild steht "Zuflucht". Rechts kommt ein Gasthaus mit einem schönen Biergarten. Und dann rolle ich auf der Schwarzwaldhochstraße zum nächsten schönen Namen, dem Ruhestein.

Nach einer Viertelstunde hat der Körper die Anstrengung des Anstiegs vergessen. Ich genieße den Kontrast: Gerade war ich noch in den Weinbergen unterwegs, jetzt fahre ich durch ein Hochmoor mit Birken, Heidekraut und einen Wald, der endlos scheint. Könnte fast Kanada sein.

Solche Stellen, wo zwei gegensätzliche Landschaften nahtlos in einander übergehen, sind selten auf der Welt. Nur ein paar Kilometer trennen zwei Etagen: unten der freundliche Garten, oben der raue Wald.

Am Ruhestein beginnt der Nationalpark Nordschwarzwald . Wenn ich absteigen und ein paar Kilometer zu Fuß gehen würde, stünde ich in einem Urwald, in den der Mensch nicht mehr eingreift. Aber jetzt entscheide ich mich für die bequeme Variante, per Rad: die Abfahrt nach Baiersbronn. In den Kurven spiele ich mit dem Gleichgewicht und rolle mühelos hinunter ins Murgtal .

Nach der Tour melde ich mich nochmals bei Hoteldirektor Müller. Ob er die Steige zur Zuflucht kennt? "Na klar", sagt er. "Tolle Strecke, bin ich auch schon gefahren. Mit meinem Motorrad." Seine Moto Guzzi hat 850 Kubik und 72 PS.


Information: Wer noch nicht genug hat, für den bietet der Nordschwarzwald weitere Steigungen. Zum Beispiel das Seibelseckle an der Schwarzwaldhochstraße. Dafür in Schönmünzach aus dem Murgtal abbiegen; eine schmale, wenig befahrene Straße führt über Zwickgabel und Hinterlangenbach hinauf zum Seibelseckle.

Oder der Hohloh. Um dorthin zu gelangen, muss man in Hilpertsau aus dem Murgtal abbiegen. In beeindruckenden Kurven führt die Straße dann steil bergauf zu einer der höchsten Erhebungen des Nordschwarzwalds. Lange Abfahrt über Kaltenbronn nach Bad Wildbad.

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