An der Schlei: Für alle, die »nach etwa einem halben Jahr mal wieder einen Tapetenwechsel benötigen«
An der Schlei: Für alle, die »nach etwa einem halben Jahr mal wieder einen Tapetenwechsel benötigen«
Foto: P.Nowack / penofoto / imago images

Modellprojekt Schleiregion Wie sicher ist der Urlaub auf Probe?

Die zweite Woche des ersten touristischen Modellprojekts in Schleswig-Holstein geht zu Ende. Wie läuft das Chillen an der Schlei? Eine Zwischenbilanz.
Von Antje Blinda

Das Wetter spielte mit. Blauer Himmel über Schleswig, leichte Brise an der Schlei. Am vergangenen Wochenende war die Außenterrasse des Hotels Strandleben so voll wie sonst nur in Sommermonaten. Auf den Tellern: Burger, Lachs und warme Waffeln. »Ein tolles Gefühl, eine schöne Aufbruchstimmung«, sagt Hotelier Joscha Hofeldt. »Für die Mitarbeiter im Service oder in der Küche waren diese letzten sechs Monate einfach verdammt hart.« Er baue gerade Sonnenschirme auf, erzählt der 42-Jährige am Telefon. Heizpilze stehen schon.

Seit Montag vergangener Woche darf Hofeldt wie die gesamte Schleiregion in Schleswig-Holstein auch Touristen beherbergen – als erste in diesem Jahr deutschlandweit. Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätze begrüßen Übernachtungsgäste, in Eckernförde dürfen sogar Innenbereiche von Cafés und Restaurants öffnen, nachdem Außenterrassen in ganz Schleswig-Holstein bereits seit Anfang April in Betrieb sind. Ein Traum etwa für Hamburger und Hamburgerinnen, die noch mit Ausgangssperre gegen die Pandemie kämpfen, und für alle, die »nach etwa einem halben Jahr mal wieder einen Tapetenwechsel benötigen«, sagt Hotelier Hofeldt.

Reguläre Öffnungsschritte hin zu einer neuen Normalität sind das nicht, auch wenn die Inzidenzen dort oben im Norden so niedrig wie sonst kaum in Deutschland liegen. Das Hotel Strandleben  und die Schleiregion  in zwei Landkreisen nehmen vielmehr an einem der vier touristischen Modellprojekte teil, die Schleswig-Holstein  Anfang April ausgewählt hat: Als Nächstes wird Nordfriesland  am 1. Mai starten, Büsum  am 10. Mai, die innere Lübecker Bucht  hat den Beginn auf unbestimmte Zeit vertagt. Hier wird geprobt, wie ein Urlaub im zweiten Coronasommer aussehen könnte.

Geschäftsreisende dürfen drinnen frühstücken, Urlauber nicht

Schwansen und Angeln – die Halbinseln links und rechts des Meeresarms Schlei – sind zwar nicht so bekannt wie Sylt, Amrum oder Timmendorfer Strand. Doch der Andrang ist riesig. »Zurzeit sind wir fast ausgebucht«, sagt Max Triphaus, Geschäftsführer der Tourismusorganisation Ostseefjord Schlei GmbH . Gerechnet habe man mit etwa 10.000 Urlaubern, gebucht haben schon knapp 19.000. »Der Mai ist dieses Jahr schon Hochsaison.« Ob Schleswig, Kappeln, Eckernförde, Arnis oder Maasholm – sie alle haben schon fast dänisches Flair, und: Die Geschäfte sind meist regulär geöffnet, ohne Click & Collect oder Click & Meet.

Hotel Strandleben: 2017 in einem ehemaligen Offizierskasino eröffnet

Hotel Strandleben: 2017 in einem ehemaligen Offizierskasino eröffnet

Foto: Hotel Strandleben

Joscha Hofeldts Boutiquehotel mit 16 Zimmern ist für die Modellprojektphase zu 80 Prozent gebucht. Jeder Gast muss vor der Anreise intensiv über die Bedingungen informiert werden – viel Arbeit für ihn: »Man schüttelt ja selbst über viele Dinge den Kopf und kann sie nicht nachvollziehen.«

Erklären muss er den Urlaubern, dass sie warm verpackt auf der Außenterrasse frühstücken müssen, Geschäftsreisende dagegen den Frühstücksraum mit Blick auf die Schlei nutzen dürfen. Dass sie mit einem negativen Test anreisen, ihn regelmäßig vor Ort wiederholen, ihm das Ergebnis melden – und vorab bereits eine Einverständniserklärung unterschreiben müssen. Dass die Kontaktnachverfolgungs-App Luca für eine Übernachtung vorgeschrieben ist, im Café aber Papier und Stift zur Registrierung ausreichen. »Einige Gäste sagen: Nee, unter diesen Bedingungen wollen wir nicht«, sagt Hofeldt.

Den Gastgebern wie Behörden werde einiges abverlangt, sagt auch Stephan Ott, Leiter der Gesundheitsbehörde vom Kreis Rendsburg-Eckernförde. »Es gab am Anfang neidvolle Blicke anderer Landkreise. Die Regionen aber erkaufen sich diese Öffnungsschritte mit viel Aufwand: Testkapazitäten müssen geschaffen, Meldepflichten eingehalten werden.«

Der Mediziner Ott, der auch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel lehrt, begleitet das Projekt wissenschaftlich zusammen mit seinem Amtskollegen im Kreis Schleswig-Flensburg. »Das ist eine Studie, mit allem, was dazugehört«, sagt er. Die Frage sei: »Wie setzen wir die Maßnahmen, die wir von Tests bis Impfungen haben, so ein, dass wir eine gewisse wirtschaftliche Aktivität wieder zulassen können. Und dazu haben wir bisher viel zu wenige Daten.« Seiner Erfahrung nach sei zum Beispiel die Gastronomie kein Treiber der Pandemie, aber Testergebnisse könnten es dann auch belegen.

Drei von 14.100 Tests positiv

Jeden Morgen um 10.30 Uhr beugen sich Ott, Triphaus und das restliche Projektteam bei einer Videoschalte über die aus den Teststationen und Ämtern gemeldeten Zahlen: Gesamtzahl der Tests, negative und positive Ergebnisse, Fälle bei Einheimischen und Touristen, Lage auf den Intensivstationen. »In der ersten Woche gab es noch Probleme mit der Datenübertragung«, sagt Ott, »wie immer bei Studien.« Inzwischen nehmen an die 800 Ferienhäuser und -wohnungen, 22 Hotels, 30 Campingplätze, 32 Vermietungsagenturen und vier Häfen teil.

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An der Schlei: Urlaub auf Probe

Foto: penofoto / imago images

Ihr Fazit nach der ersten Projektwoche des kontaktarmen Urlaubs: Es läuft gut. »Wir haben eine moderate Inzidenz bei den Einheimischen und keinen nennenswerten Eintrag durch touristische Aktivitäten«, sagt er. Am Donnerstag lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Eckernförde bei 18,4, in Schlei-Ostsee bei 47,7 und landesweit bei 70 – Tendenz sinkend. Am Mittwoch zeigte die Bilanz der Schnell- und nachfolgenden PCR-Tests: Von etwa 14.100 waren drei positiv, davon zwei von Einheimischen, gibt Triphaus an.

Natürlich werde es im Verlauf mehr positive Fälle unter Touristen geben, die zwar mit einem negativen Test anreisen, aber nach ein paar Tagen wieder getestet werden, sagt Ott: »Das ist eine Frage von Zeit und Statistik.« Er sei aber optimistisch, dass dies nicht das normale Maß überschreiten werde. Solange das Projektteam nachvollziehen kann, worauf eventuelle Infektionen zurückzuführen sind, könnte es bestimmte Öffnungen rückgängig machen – und etwa Restaurant-Innenräume schließen. »Sollte die Lage jedoch diffus sein und Infektionen auf Einheimische übergreifen, würden wir das Projekt stoppen.« Inzidenzzahlen seien dabei nur ein Faktor für die Entscheidung.

An der Schlei: Bummeln, Kaffee trinken, übernachten

An der Schlei: Bummeln, Kaffee trinken, übernachten

Foto: P. Nowack / penofoto / imago images

Ein Modellprojekt funktioniert allerdings nur so lange, wie die Modellbedingungen eingehalten werden. »Gerade findet eine Polizeikontrolle an der Bundesstraße von Eckernförde nach Kappeln statt«, sagt Ostseefjord-Schlei-Chef Triphaus am Telefon. Fahrer und Fahrerinnen von Autos mit auswärtigen Kennzeichen müssten, falls sie nicht geschäftlich unterwegs sind, Testergebnisse vorweisen, ihre Gastgeber würden kontaktiert.

Die Ordnungsämter wiederum sind unterwegs, um etwa Parkplätze auf Wildcamper zu checken und Bußgelder zu verhängen. Solche Camper, die sich ohne Genehmigung in die Landschaft stellen, rutschen durch das Kontrollnetz der Gastgeber: Ob sie vor der Anreise getestet sind oder sich regelmäßig testen lassen, wird nicht erfasst. Triphaus appelliert daher an Wohnmobilbesitzer, nur mit einer Buchung für einen Stellplatz in die Region zu kommen. Doch die Camping- und Wohnmobilplätze zwischen Schleswig, Kappeln und Damp sind an den Wochenenden bereits ausgebucht, die Betreiber berichten laut Triphaus von mehreren Tausend Anfragen.

»Wir wollten unbedingt verhindern, dass wir in eine ähnliche Situation kommen wie im Mai 2020, als Tourismus ja wieder erlaubt wurde«, sagt er. »Auf einmal fuhren sehr viele Wohnmobilisten Richtung Norden, kamen an der dänischen Grenze nicht weiter und standen bei uns auf den Parkplätzen.« In den vergangenen zehn Tagen sei die Lage aber entspannt gewesen – aufgrund der Appelle sogar besser als sonst.

Im Sommer besser gebucht als im Vor-Corona-Jahr

Hotelier Hofeldt ist nach anfänglicher Skepsis und trotz viel Arbeit überzeugt. »Für uns ist das ein guter Start«, sagt er, »ich hoffe, dass dieser Test in eine Verlängerung übergeht und dann in das Sommergeschäft.« Auch Max Triphaus zählt schon auf Pfingsten, die Zeit danach und darauf, dass im Sommer der hohe Arbeitsaufwand durch ständige Tests und Kontrollen wegfällt und bei eingedämmter Pandemie ein normalerer Urlaub möglich ist.

Am Wochenende will das Projektteam samt Gesundheitsämtern ein Zwischenfazit ziehen und beraten, ob die Studie über die geplanten vier Wochen hinaus fortgeführt und ein entsprechender Antrag beim Ministerium gestellt wird. Das Go aus Kiel erwarte er dann im Laufe der Woche. Anderen Urlaubsorten könnten erfolgreiche Modellprojekte Mut machen: »Tourismusminister Bernd Buchholz hat bei einem Besuch am Mittwoch gesagt, dass andere Regionen mit niedrigen Inzidenzen von den Modellprojekten lernen und auch unter Auflagen öffnen könnten«, sagt Triphaus.

Für Joscha Hofeldt hat sich das »Modellprojekt Schleireigion mit Eckernförde« bereits jetzt gelohnt: »Ob die vier Wochen wirtschaftlich sind, muss ich noch sehen«, sagt er, »aber gewinnbringend ist schon, dass die Mitarbeiter wieder in Gang kommen, Spaß haben und das Gefühl, es geht wieder los.« Und die ökonomischen Aussichten sind nach der langen Durststrecke nicht schlecht: Sein Hotel ist für die Sommermonate schon jetzt zu 70 Prozent gebucht – besser als im Vor-Corona-Jahr 2019.

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