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Münsingen: Naturerlebnis mit Blindgänger-Gefahr

Foto: Martin Cyris

Ehemaliger Truppenübungsplatz Münsingen Natur mit Blindgängern

Früher schossen hier die Panzer, heute schießen nur noch Pflanzen aus dem Boden: Auf dem riesigen Areal des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen hat sich ein einmaliges Naturgebiet entwickelt. Wer jedoch von den Wegen abweicht, riskiert sein Leben.
Von Martin Cyris

Knisternde Atmosphäre im Schwäbischen. Es raschelt und tut, Wildlife im Unterholz. Hoch über den Köpfen säuselt der Wind. Ungezähmte Gesellen säumen den Weg. In die Höhe geschossene Gestalten, vom Wind zerzaust, sie wirken trotzig. "Sind die nicht toll?", schwärmt Rita Goller, Touristenführerin auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen.

Sie steht vor einer Gruppe hoch gewachsener Buchen mit beachtlichen Umfängen. Fünf Stämme, nur wenige Zentimeter voneinander getrennt emporragend, vereint wie ein Familienclan. Die Äste wirr verwinkelt, in alle Himmelsrichtungen strebend. Ein frei nach Schnauze gewachsenes, herrlich anzusehendes Naturgebilde, wie man es heutzutage fast nur noch auf Gemälden der Romantik zu Gesicht bekommt.

Auf dem Münsinger Hardt ist das imposante Buchenquintett dagegen eines unter vielen. Auf dem Areal südlich von Reutlingen befand sich bis vor wenigen Jahren ein Truppenübungsplatz. Im Juni 2006 machte der letzte Soldat auf dem historischen Marsch- und Schießgelände das Licht aus. Seitdem schießen dort nur noch Pflanzen. Und zwar heftig ins Kraut. Seltene Arten haben überlebt. Trotz Kampflärm und Dauerbeschuss - weshalb sich mitunter sogar Biologen die Augen reiben.

Eine halbe Million Blindgänger

Auf einer Handvoll Wanderwege über den ehemaligen Truppenübungsplatz kommt man der Sache näher. Etwa ab Auingen. Dort befindet sich ein Weg Richtung Gänsewag, einem Aussichtspunkt, und weiter nach Gruorn, einem verlassenen Dorf. Beziehungsweise das, was nach den Häuserkampfübungen dort übrig blieb.

Bei Auingen befindet sich auch einer der offiziellen Zugänge ins Gelände. Offizielle Zugänge in die freie Natur? In der Tat, so ganz ohne Schranken geht es auch nach dem Abzug des Militärs nicht. Am Beginn der Strecke warnt ein Schild: "Lebensgefahr!" Wegen "Munition und sonstiger Kampfmittel". Es wird geschätzt, dass 3,5 Millionen Metallteile im Gelände herumliegen, darunter 500.000 Blindgänger.

Spaziergänger, Radfahrer und Skater dürfen sich deshalb nur auf ausgewählten Routen bewegen, die allesamt asphaltiert sind. Die Schotterwege und Trampelpfade sind aus Sicherheitsgründen tabu. Das schmeckt nicht jedem: Kritiker des Nutzungskonzepts beklagen die Einschränkungen. Und wundern sich, dass die rund ein Dutzend Schäfer mit ihren Herden mehr Bewegungsfreiheit genießen.

Wieder andere vermissen Relikte aus der Militärzeit. Etwa verrostete, zugewachsene Panzer im Gelände, die dort lange vor sich hingammelten. Sie wurden weggeschafft, um das unkontrollierte Herumpirschen von Hobbyfotografen und Militariafans zu unterbinden. Und nicht zuletzt, um die Flora und Fauna drumherum zu schützen. Als Zugeständnis wurden an einigen wenigen Stellen Pappkameraden ins hohe Gras gepflanzt, um an die ehemalige Nutzung zu erinnern.

Sorglose Besucher, scharfe Munition

Rita Goller sieht's pragmatisch: "Man sollte auch mal mit was zufrieden sein, andere Truppenübungsplätze sind nämlich ganz dicht", poltert die waschechte Schwäbin. "Sollte was passieren, wär' das Geschrei groß und noch viel strengere Auflagen die Folge." Auf dem Marsch zur Gänsewag berichtet sie von einem zweibeinigen Blindgänger, der vor einiger Zeit großkalibrige Munition fand und sie gedankenlos beiseite kickte - inmitten einer von ihr geführten Wandergruppe.

Später stellte sich heraus, dass die Patrone scharf war. Und zwar so scharf und explosiv, dass sie nicht weggeschafft werden konnte, sondern an Ort und Stelle zur Detonation gebracht werden musste. "Mir wird heute noch ganz anders, wenn ich daran denke", sagt Goller.

Der Wunsch nach freier Bewegung für freie Bürger auf der einen und dem Schutz der Allgemeinheit vor der Dummheit weniger ist ein Konflikt, den auch andere ehemalige Truppenübungsplätze aushalten müssen. Tourismusverbände wünschen sich freilich ungetrübten Naturgenuss. "Die ständig präsenten Verbotsschilder stören das emotionale Empfinden beim Wandern und Radeln", kritisiert Jürgen Steiner vom Schwäbischen Alb Tourismus e.V.

Ansonsten ist er jedoch beglückt über das Vermarktungspotential des Areals: "Hier findet man Orte, wo man die Stille hören kann." In der Tat, spätestens am Aussichtsplatz Gänsewag mit seinem sagenhaftem Rundumblick - bei gutem Wetter sind Alpengipfel wie die Zugspitze zu sehen -, entfaltet sich etwas, das in Deutschland enormen Seltenheitswert besitzt: Stille. Eine Stille, die sich nur weitab von Siedlungen entwickeln kann, ohne jegliches Zivilisationsgeräusch. Kein Muh, kein Mäh.

Landschaft wie zu Uropas Zeiten

Zumindest wenn nicht gerade ein Schaf vorbeiläuft. Über 20.000 Exemplare gibt es auf dem Gelände, das sich auf 6700 Hektar erstreckt. Das Münchner Oktoberfest hätte hier locker über 200 Mal Platz. Die Landschaftspflege wird weitgehend von den Schafen übernommen. So wirkt das Gelände wie eine urwüchsige Kulturlandschaft wie zu Urgroßvaters Zeiten.

Die Stille auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz erinnert an Eindrücke, wie man sie in Wüsten erhält. Kaum vorstellbar, dass einst an manchen Tagen Hunderte Panzer über den Erdboden donnerten. Ganz zu schweigen vom ohrenbetäubenden Lärm ihrer Geschosse.

Apropos Wüste: Das nächste Ziel ist Gruorn. Ein ehemaliges Dorf, von dem nur noch die restaurierte Kirche, der Friedhof und das ehemalige Schulhaus existieren. Gruorn läuft unter dem Fachbegriff "Wüstung" - weil es als Siedlung in der Neuzeit aufgegeben und zerstört wurde. 1938 wurde der Truppenübungsplatz erweitert, die weit über 600 Bewohner mussten das Dorf räumen.

Hie und da ragen überwucherte Grundmauern aus der Steppe empor, ein Küchenboden mit rot-weißen Kacheln ist zu erkennen, eine ehemalige Haustreppe führt ins Nichts. Einheiten der französischen Armee übten in den Nachkriegsjahren den Häuserkampf. In den Siebzigern wurden die verfallenen Wohnhäuser abgerissen.

Maultaschen im Schulhaus

Im Alten Schulhaus immerhin findet man Zerstreuung. In den Räumen der Unterklasse befindet sich heute ein Ausflugscafé, wo Maultaschen und Kartoffelsalat serviert werden.

Wenn es die Witterung zulässt, möchte man sich zur Verdauung am liebsten ins Gras schmeißen, der Stille lauschen und den Geruch von Thymian und anderen Wildkräutern einatmen. Doch auch rund um Gruorn gilt: Vorsicht vor Blindgängern in der Botanik.

Vor allem in den früheren Zielbereichen wirkt das Gelände noch immer etwas malträtiert und zerzaust. Trotzdem haben auf dem Truppenübungsplatz seltene Vogelarten wie der Neuntöter, die Heidelerche und der ultraseltene Steinschmätzer überlebt. Einer der Gründe: Reifen und Panzerketten sorgten für offene Stellen im Gelände: perfekte Fressplätze.

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