Müritz-Nationalpark Werkstatt der Natur

Ein Paradies für Biber, Kraniche und Fischadler: Vor 20 Jahren wurde der Müritz-Nationalpark gegründet. Heute genießen Wanderer und Kajakfahrer in der dünn besiedelten Region die Ruhe der Natur - früher gingen hier DDR-Funktionäre auf die Jagd.

Nationalparkamt Müritz

Hohenzieritz - Fischadler, Biber und Rohrdommel waren hier lange Zeit fast unter sich. Große Teile des heutigen Nationalparks Müritz seien früher nur für SED-Funktionäre zur Jagd oder als Truppenübungsplatz freigegeben gewesen, sagt Ulrich Meßner, Leiter des Nationalparkamts in Hohenzieritz. "Seltene Tiere, Vögel und Pflanzen konnten sich so ungestört entfalten." Besucher der Region haben heute die Chance, eine Flora und Fauna zu sehen, die es sonst anderswo kaum noch gibt.

Der 1990 gegründete Müritz-Nationalpark ist ein Teil der Mecklenburger Seenplatte und liegt mit seinen 32.000 Hektar in einer der am dünnsten besiedelten Regionen Mitteleuropas. Knapp einen Monat vor dem offiziellen Ende der DDR wurde die Gunst der Stunde genutzt: Die erste und letzte demokratisch gewählte DDR-Regierung beschloss das Nationalpark-Programm, die Geburtsstunde von drei Nationalparks im Nordosten.

Oberstes Ziel ist es, die Natur sich selbst zu überlassen. Das funktioniert nur, wenn sich Landnutzer wie Touristen, Fischer oder Landwirte dem Naturschutz unterordnen. Das hat im Müritz-Nationalpark weitgehend geklappt. Heute ist von den militärischen Hinterlassenschaften kaum noch etwas zu sehen, die Natur hat sich die Flächen zurückerobert.

Seeadler sind die Stars

Mehr als 250 Vogelarten sind hier beheimatet. Die Stars im Luftraum sind Fisch- und Seeadler. Sie zeichnen sich durch ganz verschiedenes Verhalten aus: Der Seeadler bleibt seiner Partnerin und der Müritz auf Lebenszeit treu. Zum Brüten versteckt er sich in unzugänglichen Kiefern und vertilgt neben Fischen kleine Wasservögel und Aas.

Anders der Fischadler als Charaktervogel der Seenplatte: "58 Brutpaare gibt es im Müritzkreis, das ist die höchste Brutdichte in Europa", erklärt Alfred Bohnenstädt vom Nationalpark-Service in Federow. Auf der Adlersafari ermöglicht er Besuchern intime Einblicke in den Fischadlerhorst.

Die Tour beginnt in der Informationsstelle mit Fernsehbildern, die eine Kamera aus 700 Metern Entfernung überträgt. Fischadler lieben die Rundumsicht, sie bauen offene Nester auf frei stehenden Bäumen oder Strommasten. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen kehrt der Greifvogel aus Afrika zurück und bezieht sein Brutgebiet in der Nähe eines Sees.

Die Fangmethode gleicht einer Performance

Der Fischadler frisst nur Fisch, seine Fangmethode gleicht einer Performance. In 50 Meter Höhe steht er oft minutenlang rüttelnd über dem Wasser, im Sturzflug und mit vorgestreckten Fängen taucht er dann bis zu einen Meter tief ein und holt sich seine Beute.

Am Rederangersee, südöstlich von Waren, fliegen im Herbst rotbemützte, stelzenbeinige und laut trompetende Vögel in Scharen ein: Kraniche auf der Durchreise in die Winterquartiere Südspaniens. Bei Einbruch der Dämmerung suchen sie sich einen Schlafplatz im Schilfgürtel des Sees.

Weil immer mehr Gäste dieses Naturschauspiel beobachten wollen, ist der Zugang mit dem Kranich-Ticket begrenzt. Von Ende August bis Ende Oktober werden nachmittags die Wanderwege zum See gesperrt. Ornithologen führen Kleingruppen zu den Beobachtungshütten. Von dort sind die Vögel auch ohne Fernglas gut zu sehen.

Auf dem Radweg von Federow nach Speck kann man die Werkstatt der Natur sehen, schmecken und riechen. Umgestürzte Bäume bleiben im Wald einfach liegen. Käfer, Pilze und Moose schaffen neues Leben.

Unweit von Speck liegt der Käflingsbergturm auf einem 100 Meter hohen Hügel. "Es gibt keinen anderen Ort im Nationalpark, der eine so gute Aussicht auf die ausgedehnten Wald- und Wiesengebiete ermöglicht", sagt Bohnenstädt. Zur Aussichtsplattform führen 167 Metallstufen. Von oben fallen die vielen Rinnenseen auf. Sie entstanden zur letzten Eiszeit, als die Gletscher schmolzen und dabei frierende Wassermassen rinnenförmige Vertiefungen in den Untergrund spülten.

Von den mehr als 2000 Seen in Mecklenburg-Vorpommern liegen 107 im Müritz-Nationalpark. Wasserwandern ist auf zwei ausgewiesenen Strecken möglich: Die "Alte Fahrt" ist ein vier Kilometer langer Kanal zwischen der Müritz und der Mirower Seenkette. Und es gibt die Obere Havel: 23 Kilometer sind es von der Havelquelle in Kratzeburg bis zum Useriner See, dem größten im Nationalpark. "An Himmelfahrt und Pfingsten kann es auf den Flüssen schon mal eng werden, doch dank des nahtlosen Übergangs in die Seenplatte sind Paddeltouren beliebig ausdehnbar", erzählt Peggy Sarodnik von der Kanu-Mühle in Wesenberg.

Freie Sicht auf die Unterwasserwelt

Urwüchsig zeigt sich die Natur auf der gewundenen Schwaanhavel zwischen Wesenberg und dem geschützten Plätlinsee. Barsche, Rotaugen und Muscheln, manchmal auch Biber und Fischotter lassen sich bei einer Glasboden-Kajak-Tour bestaunen.

Sieben Dörfer und die Stadt Neustrelitz sind als Eingangstore des Parks ausgeschildert, das Wegenetz ist dicht gewebt. "Weil mehr als zwei Drittel der Gäste mit dem Rad im Park unterwegs sind, trägt das Schutzgebiet den Beinamen Fahrrad-Nationalpark", erzählt Amtschef Meßner, der die Geschicke des Nationalparks von Anfang an mitgelenkt hat.

Auf der Nationalparklinie reisen Radfahrer mit Bus und Schiff zu den Ausflugszielen. Ein blaues M kennzeichnet den Nationalpark-Weg. Auf 163 Kilometern verbindet er die beiden Teile Müritz und Serrahn. Die alten Buchenwälder um Serrahn wurden jüngst zum Unesco-Weltnaturerbe nominiert.

Südlich von Waren, am Ostufer der Müritz, liegt der Müritzhof. Der Landschaftspflegehof ist nur zu Fuß oder per Rad erreichbar. Von Waren sind es rund 30 Minuten durch die Waldwildnis. Die Stille ist manchmal kaum auszuhalten, rätselhafte Baumgestalten regen alle Sinne an. Ein breiter Schilfgürtel umsäumt den Moorsee, ein guter Schutz für die Rohrdommel. Die dumpfen Balzrufe des Männchens sind kilometerweit zu hören.

Um den Müritzhof herum liegen die bedeutendsten Wacholderhaine Mitteleuropas. Skandinavische Fjällrinder, Shetlandponys und Gotlandschafe tragen dazu bei, den Landschaftstyp "Hutweide" zu erhalten. Naturschutzvater Kurt Kretschmann sorgte 1953 für den Aufbau der ersten Naturschutz-Lehrstätte in Deutschland. Er entwarf auch die "Naturschutzeule": Die schwarze Waldohreule auf gelbem Schild gilt heute deutschlandweit als Symbol für Naturschutzgebiete.

Janette Heidenreich, dpa



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