Oberammergauer Passionsspiele "Hallo Jesus!"

Die Spiele haben begonnen - und ein bayerisches Dorf ist im Ausnahmezustand. Seit dem 17. Jahrhundert bringen die Oberammergauer die Passion Jesu mit gigantischem Aufwand auf die Bühne. Die Stimmung beim Publikum: zwischen Woodstock und Bayreuth.

AP

Von Carmen Stephan


Auf dem Weg, hinauf, nach Oberammergau, hat die Natur das Sagen. Der Nebel hängt zwischen tiefgrünen Nadelwäldern. Die Häuser ducken sich im Schatten des grauen Massivs, erscheinen lächerlich klein. Man muss dieser Landschaft etwas entgegensetzen. Etwas Angemessenes. Die größte Geschichte des Christentums.

Das Passionsspiel! Wer ist diese Serpentinen schon nach oben gefahren? Simone de Beauvoir, Henry Ford, ja, auch Adolf Hitler, und Sir Richard F. Burton, ein kritisch-britischer Entdeckungsreisender. Über seine Ankunft 1880 schrieb er: "Die chaletähnlichen Behausungen, von außen adrett und sauber, mit pfannkuchfarbenen Mauern und den üblichen lauchgrünen Fensterläden, stehen in winzigen Kraut-und-Rüben-Gärten, und die Atmosphäre der Behaglichkeit verdankt sich dem alle zehn Jahre stattfindenden Überfall."

Der Überfall, der an diesem 15. Mai, dem Premierentag der Passionsspiele 2010 stattfindet, ist gewaltig. Es fällt kalter Bergregen in Strömen, die vielen Menschen in den Straßen tragen Mützen, Handschuhe und Regenschirme spazieren. Sie sind mit Decken und Thermoskannen ausgerüstet, als planten sie eine Polarexpedition. Und trotzdem spürt man auch durch die Daunenjacken hindurch ihr freudiges Aufgeregtsein, diese Feierlichkeit, dabei sein zu dürfen. Es knistert, wie vor einem sehr, sehr wichtigen Fußballspiel. "Ich freu mich jetzt wahnsinnig, dass es gleich losgeht!", sagt eine Frau, Anfang 20, und springt die Treppen des Theatercafés hinauf.

Traditionsbewusst und doch im ständigen Wandel

Was bestimmt die Passionsspiele, warum führen seit der ersten Aufführung 1634, die auf ein Pestgelübde zurückgeht, alle Wege sogartig nach Oberammergau? Zunächst einmal entfaltet die Tatsache, dass über so einen langen Zeitraum ein ganzes Dorf an einem Strang zieht, eine unheimliche Kraft. Alle verschreiben sich einen Ziel. Und als wäre das Mittelalter im 21. Jahrhundert noch lebendig, unterwerfen sie sich seltsamen Regeln wie dem "Haar- und Barterlass". Nicht via Facebook verkündet, sondern auf einer Tafel auf dem Marktplatz werden mit Kreide die Hauptdarsteller öffentlich gemacht.

Einer, dessen Name dort neben dem Wort "Jesus" stand, ist Frederik Mayet. Wenige Tage vor der Premiere wirkt er geradezu phänomenal in sich ruhend, die nervösen Fragen, die von allen Seiten auf ihn einstürmen, beantwortet er freundlich und unaufgeregt. Nebenbei bittet ihn Regisseur Christian Stückl darum, für ihn den eigenen Vater anzurufen ("weil i hob di handy-nummer von meim vater ned").

Mayet erzählt, wie die Kinder im Dorf ihn jetzt manchmal mit "Hallo Jesus!" ansprechen und ihm selbstgemalte Bilder schenken. Der 30-Jährige arbeitet in seinem erlöserfreien Leben als Pressesprecher des Münchner Volkstheaters. Auf seine große Rolle hat er sich unter anderem mit dem Lesen diverser Jesus-Biografien, Filmen von Mel Gibson bis zu Pasolini und einer intensiven Reise nach Israel, gemeinsam mit den anderen Darstellern, vorbereitet.

Die Oberammergauer sind es von klein auf gewöhnt, sich mit der Passionsgeschichte und den heiligen Figuren auseinanderzusetzen. In einem englischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1950 heißt es: "Diese Kinder kennen die Bibelgeschichte besser, als jedes andere Kind auf der Welt. Für sie sind die Apostel lebendige Menschen. Es sind ihre Väter, Onkel, Nachbarn und Freunde".

Dennoch versucht man sich den altbekannten Figuren immer wieder neu zu nähern. Vielleicht ist auch das ein Geheimnis des Erfolgs: Das Stück ist traditionsbewusst und gleichzeitig in stetigem Wandel, getragen von der leidenschaftlichen Auseinandersetzung der Dorfbewohner - allen voran Spielleiter Christian Stückl, der so stark für die Sache brennt, dass er alle mit anzündet, die nicht einen weiten Bogen um ihn machen.

Sie kämpfen, tauchen ein, wollen verstehen

Frederik Mayet ist längst angesteckt. Er erzählt, wie wichtig es diesmal war, die Geschichte als innerjüdischen Konflikt zu zeigen - und den Messias als Menschen: "In der Szene auf dem Ölberg hat Jesus große Angst, so, wie sie jeder von uns in dieser Situation hätte, er leidet, fühlt sich von Gott fern. In diesem Moment ist einem die Figur sehr nahe, weil sie so menschlich ist. Darum geht es, ihn lebensnah zu zeigen." Mayet glaubt, dass Jesus auch ein unangenehmer Typ gewesen sei: "Er hatte eine große Offenheit, konnte auf Menschen zugehen, aber er hat auch etwas von ihnen gefordert und sie dabei oft überfordert."

Egal, welchen der Oberammergauer Laien man über seine Rolle sprechen hört, man hat stets das Gefühl: Sie kämpfen, sie tauchen ein, sie wollen verstehen, sich auseinandersetzen. Sie sind vom Inhaltlichen getrieben, nicht vom Persönlichen. Keine Schauspielereitelkeiten, wie sie mancher, weniger begabte Seriendarsteller pflegt, sondern tiefes Engagement für die Sache. Das wird auch auf der Bühne glaubhaft vermittelt.

Langsam leeren sich die Gassen mit den pfannkuchenfarbenen Häusern und den lauchgrünen Fensterläden, in denen es in unserer Zeit Massen von Passionsspiel-Eseln, -T-Shirts, und -Tassen zu kaufen gibt. Die Fanfare zum Einzug ertönt, und es beginnt ein Spiel, das allein in seiner Dimension schon gewaltig ist. 2500 Mitwirkende, Tauben, ein Esel, zehn Schafe, zehn Ziegen, zwei Kamele und ein Pferd sind dabei. Wie eine geschlossene Einheit stehen die weiß gekleideten Chorsänger vor dem Publikum, manchmal spielen 800 Leute auf der Bühne: Ein perfekt choreographiertes 180-Grad-Bild lässt die Zuschauer staunen.

Es ist eine Stimmung zwischen Woodstock und Bayreuth, in fünfeinhalb Stunden wächst auch das Publikum, als Spiegelbild zum Dorf auf der Bühne, für kurze Zeit zusammen. Man leiht untereinander Decken, kommt ins Gespräch, ein älterer Herr aus der Umgebung ist schon zum wiederholten Male hier: "Wir wollen die Oberammergauer unterstützen", meint er, "das ist großartig, was die leisten. Mal schauen, was sie sich diesmal haben einfallen lassen." Jeden fasziniert etwas anderes, aber immer geht es um etwas, das man mit "authentischem Einsatz" umschreiben könnte.

Eine junge Frau meint, es sei so "ungekünstelt, so un-theaterhaft", als würden einen die Dorfbewohner direkt einladen, an der größten Geschichte der Menschheit teilzuhaben. Und eine Berlinerin achtet vor allem auf Kostüme und Details, das Volk erinnert sie an "Blaumänner", aber sonst sei es phantastisch, wie man so reduziert (das Bühnenbild ist auffallend karg), nur durch Choreografie und das Spiel der Leute, etwas so Erhabenes und Anmutiges schaffen kann.

"Der Arme!"

Die Passionsspieler schreien, sie spotten, sie weinen, sie fluchen, sie besänftigen. Frederik Mayet spielt mit großer Hingabe, er lässt nicht nur seine Stimme, sondern auch seine Augen sprechen, die so groß, schön und traurig sind, dass man sie noch weiter hinten sieht. Als Jesus der rote Mantel abgenommen wird und er fast nackt ans Kreuz genagelt wird, geht ein Raunen durch die Reihen: "Es ist so kalt! Der Arme!" - und die Nasen im Publikum werden noch tiefer in die roten Fleecedecken gesteckt.

Frederik Mayet spricht von einem "Gefühlstaumel", in dem er sich im zweiten Teil des Stückes befindet: "Man wird gegeißelt, verspottet, geschlagen, ans Kreuz genagelt. Das ist körperlich wahnsinnig anstrengend. Man hängt zwanzig Minuten am Kreuz, und das ist jedes Mal wieder komisch, weil man so ausgestellt ist, so hilflos. Wenn ich dann gestorben bin, muss ich aufpassen, dass mir die Hände nicht einschlafen." (Im Jahr 1890 verlor der Jesus Josef Mayr am Kreuz mehrmals das Bewusstsein).

Direkt nach der Kreuzigungsszene verschwindet Mayet unter die heiße Dusche hinter der Bühne, um sich aufzuwärmen. Im weißen Gewand kehrt er schließlich zurück, als Symbol für das ewige Leben. Die letzte Szene ist besonders schön, weil sie ebenso berührend wie bombastisch ist. Der auferstandene Jesus verlässt die Bühne - und alle folgen ihm.

Das Dorf trat auf. Das Dorf tritt nun ab. Was zurück bleibt, ist das brennende Feuer.



insgesamt 2 Beiträge
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keinzeitungsleser 17.05.2010
1. #
Zitat von sysopDie Spiele haben begonnen - und ein bayerisches Dorf ist im Ausnahmezustand. Seit dem 17. Jahrhundert bringen die Oberammergauer die Passion Jesu mit gigantischem Aufwand auf die Bühne. Die Stimmung beim Publikums zwischen Woodstock und Bayreuth. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,695125,00.html
Na dann sollte es ja ordentlich zu kiffen geben, möchte man meinen:-)
heuwender 17.05.2010
2. na ja...
Märchenschauspiele ziehen auch heute noch tausende von Menschen an,des Menschen Wille ist sein Himmelreich.Amen
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