Ortenau "Mein Gott, ist das schön hier"

Oliver Lück

Von Oliver Lück

2. Teil: "Gesunde Natur schmeckt man in der Milch"


Andere Höfe der Gegend haben sich längst auf Obstanbau oder Viehwirtschaft spezialisiert. Die Wußlers machen von allem ein bisschen. "So sind wir weniger anfällig", sagt Clemens Wußler, "wenn wir ein Jahr keine Äpfel oder Kirschen haben, tut uns das nicht weh." Er ist Landwirt, Waldbauer, Schnapsbrenner, Imker, Landschaftspfleger und Selbstversorger. "Langweilig wird mir hier oben nicht", sagt er und lacht. Er lacht oft, die Krähenfüße an den Augen sind nicht zu übersehen.

Doch auch die lebenslange Arbeit hat Spuren hinterlassen: Man muss etwas lauter reden mit Clemens Wußler. Viele Jahre hat er ohne Ohrenschutz mit der Kettensäge im Wald gearbeitet. Seit drei Jahren ist er auf beiden Ohren schwerhörig. Vor wenigen Monaten hat er ein künstliches Kniegelenk bekommen. Er humpelt, hat starke Schmerzen. An manchen Tagen quält er sich dennoch den Hang hinauf und rupft gebückt das Franzosenkraut aus dem steilen Kartoffelacker. Oder er reißt das für Kühe giftige Kreuzkraut aus den Bergwiesen, was von Hand gemacht werden muss, was keine Maschine übernehmen kann.

"Mein Sohn ist ein Glücksfall"

Die Vielfalt auf den Wiesen der Wußlers ist beinahe exotisch. "Schafgarbe, Johanniskraut, Bärwurz, Spitzwegerich, vier verschiedene Kleearten, unzählige Wildkräuter", beginnt Clemens Wußler aufzuzählen, winkt dann aber ab - "es sind zu viele". Eine blühende Bergwiese wirkt auf Kühe wie eine natürliche Apotheke. "Eine gesunde Natur schmeckt man in der Milch", sagt Wußler senior. Bergbauern, die ihre Wiesen in Handarbeit und mit stetem Schnitt bearbeiten, gibt es kaum noch in der Ortenau. Zu viel Aufwand, zu wenig Ertrag. "So ist das Leben in den Bergen", sagt Clemens Wußler.

Der Sohn sagt über seinen Vater: "Er ist ein Original." Der Vater sagt über seinen Sohn: "Er ist ein Glücksfall." Vor einem Jahr hat Bernhard Wußler den Hof offiziell in die fünfte Generation übernommen. Die Eltern sind erleichtert, dass er sich so entschieden hat. Dabei ist für ihn schon länger klar gewesen, dass er die Familientradition weiterführen würde. Schon als Kind hatte er um 6 Uhr früh am Bett der Eltern gestanden und die Kühe melken wollen. Heute gibt es Arbeitstage, die 18 Stunden dauern, und Wochen, in denen er in kurzer Zeit fünf Kilo abnimmt, weil er vor lauter Arbeit kaum zum Essen kommt.

Dennoch wolle er nichts anderes machen oder gar woanders leben, sagt er. Denn es gibt nicht mehr viele Orte in Deutschland, wo das Leben noch so klar umrissen ist, wo alles seine Zeit zu haben scheint. Die Wiese, die Kühe, der Wald, der Schnaps. Und gelegentlich gibt es sie noch, die Momente, in denen Bernhard Wußler kurz innehält, über das eigene Tal blickt und denkt: "Mein Gott, ist das schön hier."



insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 16.08.2011
1. ....
Beneidenswerte Menschen.
slider 16.08.2011
2. Was SPON wirklich sagen will
Was SPON wirklich sagen will : In Ortenau ist das so schön, dass es sich nur mit Alk aushalten läßt.
iman.kant 16.08.2011
3. kein
ja wirklich beneidenswert - aber die Arbeit wäre mir zu hart mein ganzes Leben.
berlin_rotrot, 16.08.2011
4. -
Grüne wiesen anstatt stinkendes Kopfsteinpflaster, Dönerreste und Gebrochenes! Back 2 the Roots! Für die Familie der ideale Platz zum Großwerden :-)
manosocke 16.08.2011
5. Nicht nur die Gegend ist schön & der Schnaps ist klasse,..
auch die Mädels sind ganz nett in der Ortenau. Ich bin nach dem Studium aus der norddeutschen Tiefebene in die Ortenau geflüchtet und möchte dort nicht mehr weg. Für mich eine der schönsten Ecken Deutschlands (und nicht weit bis in`s Elsaß, die Schweiz und Italien). Ein idealer Platz zum Leben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.