Fritz Meinecke in der Wildnis Schwedens
Fritz Meinecke in der Wildnis Schwedens
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privat

Outdoor-Trend Zeltest du noch oder machst du schon Bush Crafting?

Junge Männer gehen in die Wildnis und proben das Überleben: Die YouTube-Serie »7 vs. Wild« ist ein viraler Hit, der nach toxischer Männlichkeit riecht. Doch dahinter verbirgt sich ein sympathischer Trend.
Von Philipp Laage

Es dauert einen Augenblick, bis Niklas den Ernst der Lage begreift. Er hat gerade Feuerholz gesucht und an einem morschen Baum gerüttelt. Dabei ist der Stamm auf seinen Kopf geschlagen. Etwas benommen fasst er sich in die Haare, schaut auf seine Handschuhe und sieht: Blut.

Man spürt sofort, wie Panik in Niklas aufsteigt. »Ich kann nicht sehen, wie groß das ist«, sagt er, während er sich eilig den Kopf verbindet. Doch die Platzwunde blutet durch den Druckverband hindurch. Niklas bricht in Tränen aus. »Wie kann man so dumm sein?« Er weiß, dass er jetzt keine Wahl mehr hat, so ganz allein in der schwedischen Wildnis.

Mit dem versiegelten Handy, das nur für Notfälle gedacht ist, ruft Niklas die Rettungssanitäter. Dann filmt er sich wieder, hadert noch immer. Aber er muss die Wunde kontrollieren lassen. Und das bedeutet: Niklas ist ausgeschieden. »Es tut mir so leid für alle, die ich jetzt enttäusche«, sagt er. Schluchzen, Schweigen, begleitet von epischer Musik.

Niklas' Unfall ist eine der heikelsten und emotionalsten Szenen der deutschen Reality-Doku »7 vs. Wild« auf YouTube. Sieben Kandidaten werden für sieben Tage nur mit der Kleidung am Körper und sieben Gegenständen ihrer Wahl isoliert in der Wildnis Schwedens ausgesetzt. Ohne Essen. Sie müssen Beeren sammeln, ein Lager bauen, sich warm halten. Jeden Tag wartet eine neue Aufgabe, unter anderem das Bauen einer Fackel oder eines Floßes. Wer dabei die meisten Punkte sammelt und bis zum Schluss durchhält, gewinnt. Ein wenig wie beim Dschungelcamp, nur jeder auf sich gestellt.

Das Überleben in der Natur mit einfachen Mitteln zu erproben, scheint eine Erfahrung zu sein, die gerade in Zeiten der Pandemie viele fasziniert. Das Format war ein viraler Erfolg. Die insgesamt 16 Folgen haben zusammen schon mehr als 60 Millionen Klicks generiert. Initiator der Serie ist der deutsche YouTuber Fritz Meinecke, der in seinem Leben schon verschiedenste Berufswege ausprobiert hat, bevor er sich gewissermaßen als Outdoor-Influencer selbstständig gemacht hat. »7 vs. Wild« war sein bisher größtes Projekt, er selbst als einer der sieben Teilnehmer mit dabei.

YouTuber Meinecke in seinem Lager: Überleben in der Natur mit einfachen Mitteln

YouTuber Meinecke in seinem Lager: Überleben in der Natur mit einfachen Mitteln

Foto: privat

Sehnsucht nach der Erdhütte

Die Show hat dem Bush Crafting Auftrieb beschert, einem Phänomen, das sich vom eher soften Outdoor-Boom der vergangenen Jahre abgrenzt. Dabei wird kein romantisches #Vanlife im ausgebauten Bulli inszeniert, das auch deshalb so wohlig anmutet, weil die Ausrüstung einfach verdammt hochwertig und teuer ist. Vielmehr geht es darum, möglichst nur mit dem zurechtzukommen, was die Natur einem bietet.

Auf YouTube kann man vor allem Männern dabei zusehen, wie sie nicht etwa ihr Zelt aufspannen, sondern aus Stöcken, Zweigen und Lehm ein Nachtlager errichten. Man lernt, wie man eine Bodenisolation bastelt, falls man keine Isomatte dabei hat. Oder wie man sich ein Winterbiwak baut. Ein bekannter Bush Crafter aus den USA führt vor, wie er sich im Wald eine komplette Erdhütte baut. Das Video hat mehr als 160 Millionen Aufrufe.

Dass Menschen in ihrer Freizeit derartige Survival-Praktiken absolvieren, ist nicht neu. Schon der deutsche Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg spazierte 1981 ohne Geld durch die zersiedelte Bundesrepublik und fand in den Tierkadavern am Straßenrand – ob Kaninchen oder Katze – ein gefundenes Fressen. Auch Regenwürmer verschmähte der Survival-Großmeister nicht. Wer sich frühere Interviews mit dem 2020 verstorbenen Nehberg anschaut, bekommt den Eindruck: Der meinte das ziemlich ernst. »Die Szene an sich gab es schon immer«, sagt auch Fritz Meinecke. Doch durch Social Media hat das Thema an Reichweite und Aufmerksamkeit gewonnen. Und sie ist kein reines Männerding mehr. In der Community gibt es auch Frauen.

Eine von ihnen ist Loreena Knop, 21, Jägerin und Landschaftsarchitektur-Studentin. Sie nimmt ihre Follower auf Instagram und YouTube gerne mit in die Natur. Seit ungefähr zwei Monaten produziert sie Bush-Crafting-Videos, war aber schon immer gerne draußen unterwegs. »Mit neun Jahren habe ich meine erste Nacht im Wald verbracht«, erzählt sie. »Manche sagen, Frauen sind das schwächere Outdoor-Geschlecht. Aber das sehe ich gar nicht so.«

Loreena Knop hat ein Tarp als Regenschutz aufgespannt.

Loreena Knop hat ein Tarp als Regenschutz aufgespannt.

Foto: Loreena Knop

Bush Crafting heiße übersetzt einfach Waldhandwerk, sagt Knop. »Es geht um die Fertigkeit, im Wald etwas zu errichten, sich ein Lager zu bauen.« Keine aufgezwungene Notsituation also, sondern freiwilliges Hobby. »Es geht darum, eine schöne Zeit in der Natur zu haben und etwas zu lernen, raus aus der Zivilisation zu kommen.« Survival sei das Gegenteil: »Ich muss aus einer Notsituation zurück in die Zivilisation kommen.«

Auch Fritz Meinecke grenzt die Begriffe voneinander ab: »Survival auf YouTube existiert gar nicht.« Klar ist: Wer wirklich ums Überleben kämpft, filmt sich dabei nicht. »Das, was wir machen, sind Survivaltrainings, Selbstexperimente. Wir gehen freiwillig in so eine Situation rein.« Dabei geht es um Verzicht, Minimalismus, Improvisation und Freude an der Natur. Aber nicht um Überlebenskampf, auf den sich etwa die sogenannten Prepper vorbereiten.

Mit dem Begriff wurden zuletzt vor allem Wirrköpfe in Verbindung gebracht, die in selbst gebauten Bunkern Vorräte und Waffen horten, weil sie an einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung glauben – und bereit für den großen Kampf sein wollen. Das Thema sei negativ behaftet, sagt Meinecke. »Das liegt an einem Prozent schwarzer Schafe, die du in jeder Szene hast.« Dabei bedeute Preppen eigentlich nur, auf eine Ausnahmesituation vorbereitet zu sein. Für die Nachkriegsgeneration sei es normal gewesen, genug Vorräte im Keller zu haben. Corona hat den Menschen zumindest eine Ahnung vom Ernstfall gegeben. Auch wenn die Lage nicht eskaliert ist, wie Meinecke sagt. »Die Hamsterkäufe, das fehlende Toilettenpapier, darüber konnte man schmunzeln.«

Harz-Wanderung statt Wüstendurchquerung

Die Kandidaten in »7 vs. Wild« reisen ohne Vorräte in die Wildnis Schwedens. Nur mit einem Seesack hüpfen sie unbekleidet vom Boot und schwimmen an Land. Mit dabei: Kamera-Equipment und ein verplombtes Erste-Hilfe-Set, dessen Benutzung mit Punktabzug bestraft wird. Jeder Kandidat hat einen GPS-Tracker, damit das Rettungsteam immer weiß, wo sich die Teilnehmer befinden. Sollte es wirklich ernst werden (»offener Bruch«, »Bärenangriff«), lässt sich ein SOS-Knopf drücken, der ein Notfallsignal sendet. Die drei größten Gefahren, erklärt Meinecke, seien Unterernährung, Unterkühlung und daraus folgende schwere Verletzungen. Außerdem gebe es eine Population von rund 3000 Bären (Tipp: nicht wegrennen, nicht auf einen Baum klettern, langsam entfernen).

Meinecke möchte seine Zuschauer nicht auf ein nahendes Ende der Zivilisation vorbereiten. Sondern unterhalten und motivieren. »Für mich geht es auch um geile Bilder, geile Landschaften, fette Musik, Emotionen, aber auch um den Spaß.« Kamerafahrten mit der Drohne über einsame Wälder sind obligatorisch. »7 vs. Wild« könnte so auch im Fernsehen laufen. Machen so etwas denn viele nach? »Aus dem Bauch heraus sage ich, 90 Prozent machen da gar nichts«, antwortet Meinecke. Die meisten gingen einfach mal wieder raus in die Natur. »Die tasten sich langsam ran.« Outdoor, aber ganz dosiert. »Die gehen mal im Harz wandern, mal in der Sächsischen Schweiz, die machen mal einen Klettersteig.« Aber eher keine Wüstendurchquerung.

Für die Zuschauer geht es um ein Gedankenexperiment. Man schaut sieben verschiedenen Charakteren in einer Ausnahmesituation dabei zu, wie sie das gleiche Problem angehen. Und fragt sich: Was würde ich tun? Wie würde ich mich verhalten? Oder mein Arbeitskollege? Die wenigsten hätten Lust, sich tatsächlich in eine solche Situation zu begeben. »Es ist hart, es ist kalt, es ist ekelhaft.« Jedenfalls in dieser extremen Form. Bush Crafting funktioniert aber auch sanft, mit Wegzehrung im Rucksack.

Loreena Knop vermutet hinter dem aktuellen Trend das Bedürfnis nach Erholung und einem einfachen Leben in und mit der Natur. »Diesen Bezug haben viele verloren«, sagt die YouTuberin. Feuer machen, Schlafplätze finden, Essen suchen: »Wir haben diese Urinstinkte noch. Davon ist in unserem Alltag aber nicht mehr viel übrig geblieben. All dieses Wissen wiederzuentdecken, ist das Spannende an der Sache. Ich kenne kein Hobby, bei dem man den Alltagsstress so hinter sich lassen kann.«

Deutschland ist kein Outdoor-Land

So schön es klingt, eine Nacht in der freien Natur zu verbringen: In Deutschland wird es mit dem wilden Outdoor-Lifestyle schwierig. Hier gibt es kein Jedermannsrecht wie in Skandinavien, wo jeder sein Nachtlager fast überall draußen aufschlagen darf. »Es ist eigentlich alles verboten«, sagt Knop.

Beim Bush Crafting befinde man sich gerade nicht in einer Notlage – und eine Notlage braucht es in Deutschland, damit bestimmte Dinge in der Natur erlaubt sind. Das Biwakieren, das Übernachten unter freiem Himmel ohne Zelt, ist mindestens eine rechtliche Grauzone und tendenziell nicht erlaubt, erst recht nicht in Naturschutzgebieten und Nationalparks. »Selbst das Aufsammeln von Holz im Wald ist untersagt«, sagt Knop.

Als Jägerin kann sie die strengen Regeln nachvollziehen. »Manche gehen nachts ohne Erfahrung raus und machen Feuer. Sie wissen nicht, welche Konsequenzen das für die Tiere und den Wald hat.« Zum Bush Crafting gehört auch Verantwortungsbewusstsein.

Knop hat ein paar Tipps für Anfänger: »Ich würde am Anfang nicht zu viel in Ausrüstung investieren und das nutzen, was man zu Hause hat. Man kann Unmengen von Geld ausgegeben für Sachen, die sich dann nicht bewähren.« Dann sei es wichtig, sich vor Mücken und Zecken zu schützen. Hat man auf einer Wanderung eine schöne Stelle zum Übernachten gefunden, informiert man sich idealerweise, wer der Eigentümer dieses Fleckchens ist, und fragt um Erlaubnis. »Das ist meistens die Gemeinde. Die kann man sonst auch fragen, wem das Waldstück gehört.«

Fritz Meinecke setzt seine Projekte seit »7 vs. Wild« nur noch im Ausland um. Seine Abonnentenzahlen sind kräftig gewachsen, das Thema läuft. Also sucht er ständig neue Herausforderungen. Gerade erst hat er mit einer 100-Euro-Ausrüstung zu Fuß eine Wüste durchquert. Bereitet eine solche Entbehrung nur Freude, wenn es einem als Kind der Wohlstandsgesellschaft an nichts mangelt? Das sieht Meinecke nicht so. Das Outdoor-Hobby sei in allen Schichten verbreitet.

Er selbst sei übrigens ein Mensch der Kontraste. »Es ist jetzt nicht so, dass ich im Wald lebe. Ich mache auch gerne mal Wellness.«