Probebetrieb am Flughafen Berlin Brandenburg Stunde der grünen Männchen

Das Kofferchaos bei der Terminal-Eröffnung am Flughafen Heathrow ist legendär, und genau das will der neue Hauptstadt-Airport am 3. Juni vermeiden. Bis dahin sollen insgesamt 10.000 Komparsen den Härtetest machen - und Personal und Technik mit so mancher Gemeinheit auf die Probe stellen.

dapd

Schönefeld - Die ersten Kunden des Hauptstadtflughafens kommen mit Helm. Schließlich sieht hier alles noch nach Baustelle aus. Dieter Koch schiebt seinen Gepäckwagen vorbei an Monteuren und Gerüsten. Der Berliner ist einer der Freiwilligen, die den Flughafen am Dienstag erstmals testen. Ganz zufrieden ist der Biesdorfer nicht, die Gepäckaufgabe dauert ihm zu lange. "Wenn das ernst gewesen wäre, hätte ich meinen Flieger verpasst."

War es aber nicht. Bis zur Eröffnung am 3. Juni haben die Betreiber noch Zeit, an Berlins neuem Tor zur Welt zu feilen. 10.000 Komparsen sollen bis dahin die Schwachstellen aufdecken. "Heute ist für uns ein ganz, ganz wichtiger Tag. Heute kommt der Kunde hinzu", sagte Flughafenchef Rainer Schwarz und bat die Tester, genau hinzusehen: "Bitte berichten Sie uns am Ende des Tages, was alles schiefgegangen ist."

Die Erwartungen an den Neubau vor der Stadtgrenze in Schönefeld sind groß. 40.000 Arbeitsplätze versprechen die Länder Berlin und Brandenburg. Auch die Lufthansa legt sich ins Zeug und will am drittgrößten deutschen Flughafen den Billigfliegern den Kampf ansagen. Der boomende Berlin-Tourismus verspricht gute Geschäfte - da würde sich ein Fehlstart schlecht machen. Mit Schulungen wollen die Betreiber etwa Blamagen wie die Kofferpanne von London-Heathrow vermeiden. Als dort 2008 das neue Terminal öffnete, versagte die Gepäckanlage und stürzte den Airport ins Chaos.

Enttäuschung am Gate

Am Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) läuft am Dienstag zunächst alles reibungslos, wie Probebetriebsmanager Christoph Aumüller sagt. "Es war beruhigend zu sehen, wie gelassen die Komparsen durch die Abläufe gekommen sind", sagte Manfred Körtgen, technischer Geschäftsführer des BER, "die Prozesse scheinen zu funktionieren." Die 260 Testpersonen fallen kaum auf zwischen den 5000 Bauarbeitern, die alles klar machen für den geplanten Umzug von den bisherigen Flughäfen Tegel und Schönefeld, die am 2. Juni geschlossen werden.

Bohrmaschinen dröhnen, Sägen kreischen, Megafone ersetzen Lautsprecher-Durchsagen. Vorbei an rot-weißen Absperrbändern geht es zur Handgepäck-Kontrolle. "Ich habe alles gut gefunden", sagt die Köpenickerin Anni Klichowicz. Wie mehr als 20.000 Berliner und Brandenburger hat sie sich freiwillig als Testerin gemeldet. Im Sommer will sie erstmals vom Großflughafen abheben, nach Salzburg.

Heute steht München auf Klichowiczs Bordkarte - doch der Gang durchs Terminal endet am Gate im Erdgeschoss mit einer "kleinen Enttäuschung", wie Flughafenchef Rainer Schwarz vorab angekündigt hat. Fliegen darf man noch nicht, und auch die versprochene Busfahrt über das verschneite Vorfeld fällt aus - wegen der Kälte, heißt es.

Für die Testpioniere ist der Tag dennoch ein Erlebnis. "Ich war neugierig, und besser kann man den neuen Flughafen nicht kennenlernen", sagt Dieter Koch. Sein Blick schweift vom 700 Meter langen Hauptflügel aufs Rollfeld des 2,5-Milliarden-Euro-Baus. "Die Hauptstadt kann nicht kleckern", meint er. "Sie muss klotzen."

Rolf Mauersberger ist nicht so begeistert. Über sein Haus in Berlin-Bohnsdorf werden die Flugzeuge hinwegdonnern. "Irgendwo müssen sie ja lang", sagt er schulterzuckend. Er hat sich einen kleinen Test für die Lufthansa-Beschäftigte ausgedacht, die im Parka hinter dem Check-in-Schalter aus Spanplatten sitzt. Mauersberger will am Gang sitzen, die Frau muss stornieren, braucht Hilfe. Es dauert.

Taschenmesser und Saftflasche

Probebetriebsmanager Aumüller hat am ersten von 30 Testtagen schon Schwachstellen entdeckt. "80 Prozent der Komparsen haben gesagt, dass hinter den Sicherheitskontrollen kein Platz zum Anziehen ist." Und fast niemand habe bei der Passkontrolle die Beamten hinter der Glasscheibe verstanden. "Wir müssen das nun auswerten", kündigt Aumüller an, der auch für den Münchner Flughafen arbeitet und schon 2010 das neue Terminal des Airports im indischen Dehli mit bezogen hat.

Kleine Fehler sind beim Test gewollt, etwa verlorene Bordkarten. Einem Fluggast fischen die Sicherheitsbeamten ein Taschenmesser aus der Jacke. Dass sie die Viertelliter-Saftflasche einer Frau übersehen, lässt Bundespolizei-Sprecher Olaf Wiese ernst werden. "Seien Sie sicher, dass sich der Fehler am 3. Juni nicht wiederholt."

Burkhard Fraune, dpa/AFP

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ThorstenNYC 07.02.2012
1. Das fängt ja schön an!
---Zitat--- hinter den Sicherheitskontrollen kein Platz zum Anziehen ist. […] Und fast niemand habe bei der Passkontrolle die Beamten hinter der Glasscheibe verstanden. ---Zitatende--- Die Bundespolizisten der Passkontrolle sind das erste Aushängeschild, das Deutschlandbesucher zu sehen bekommen. Warum müssen die sich überhaupt hinter eine Scheibe verstecken? Sicherheitstechnisch notwendig ist das nicht. Immerhin sitzen die Passkontrolleure selbst im seit 9/11 paranoiden Amerika hinter Tresen ohne Scheibe. Wenn das dort geht, sollte es in Deutschland auch funktionieren! (Von Singapur will ich gar nicht erst anfangen.) Und das Problem mit dem fehlenden Platz zum Schuhe anziehen, Gürtel umbinden und Laptop einpacken hinter der Sicherheitskontrolle kennt nun wirklich jeder Flugreisende. Wie um alles in der Welt ist es möglich, das in einem lange nach 2001 gebauten Flughafen zu verpassen?!
muehle79 08.02.2012
2.
Zitat von ThorstenNYCDie Bundespolizisten der Passkontrolle sind das erste Aushängeschild, das Deutschlandbesucher zu sehen bekommen. Warum müssen die sich überhaupt hinter eine Scheibe verstecken? Sicherheitstechnisch notwendig ist das nicht. Immerhin sitzen die Passkontrolleure selbst im seit 9/11 paranoiden Amerika hinter Tresen ohne Scheibe. Wenn das dort geht, sollte es in Deutschland auch funktionieren! (Von Singapur will ich gar nicht erst anfangen.) Und das Problem mit dem fehlenden Platz zum Schuhe anziehen, Gürtel umbinden und Laptop einpacken hinter der Sicherheitskontrolle kennt nun wirklich jeder Flugreisende. Wie um alles in der Welt ist es möglich, das in einem lange nach 2001 gebauten Flughafen zu verpassen?!
Gute Frage. Wieso müssen die Damen und Herren Polizisten hinter Panzerglas sitzen? Haben die kein Vertrauen in die eigenen Leute von der Sicherheitskontrolle? Wenn die ihren Job gut und richtig machen, kann doch überhaupt niemand mit irgendwelchen Messern oder Waffen plötzlich vor den Beamten stehen und sie bedrohen. Müsste also auch ohne auch alles ganz ohne Sicherheitsglas gehen. Wenn es der Verständigung zuträglicher ist, um so besser. Eine klare, laute deutliche Ansage in deutscher oder wahlweise einer Fremdsprache ist ja nun schon notwendig, damit man weiß, was der Beamte von einem will? Da hilft kein Genuschel im Glaskasten. Nein, das lässt ggf. erst reicht einen unerfahrenen Fluggast nervös werden.
ThorstenNYC 08.02.2012
3.
Zitat von muehle79Gute Frage. Wieso müssen die Damen und Herren Polizisten hinter Panzerglas sitzen? Haben die kein Vertrauen in die eigenen Leute von der Sicherheitskontrolle? Wenn die ihren Job gut und richtig machen, kann doch überhaupt niemand mit irgendwelchen Messern oder Waffen plötzlich vor den Beamten stehen und sie bedrohen. Müsste also auch ohne auch alles ganz ohne Sicherheitsglas gehen. Wenn es der Verständigung zuträglicher ist, um so besser. Eine klare, laute deutliche Ansage in deutscher oder wahlweise einer Fremdsprache ist ja nun schon notwendig, damit man weiß, was der Beamte von einem will? Da hilft kein Genuschel im Glaskasten. Nein, das lässt ggf. erst reicht einen unerfahrenen Fluggast nervös werden.
Dazu kommt, dass die Angestellten am Check-in und der Sicherheitskontrolle ja auch kein Sicherheitsglas haben, hinter dem sie sich verstecken können. Das ergibt in der Summe also das unschöne Bild, dass ausgerechnet die Inhaber des staatlichen Machtmonopols als einzige vor imaginären Angriffen Angst haben. (Wie viele Angriffe hat es in 60 Jahren Bundesrepublik auf Passkontrolleure denn gegeben?) Das eröffnet noch eine ganz andere Dimension; da kenne ich etliche Horrorgeschichten. Eine ist noch gar nicht so lange her. Ankunft in Tegel, Flug aus London (außerhalb Schengens, aber immerhin in der EU; lasche Visumskontrollen haben die Briten nun wirklich nicht, so dass die Wahrscheinlichkeit von dort einreisender »Unpersonen« verschwindend gering sein dürfte). Vor mir in der Schlange stehen 2 junge japanische Frauen (etwa im Abiturientenalter), die so offensichtlich Touristen auf Europarundreise sind, dass es schon ein Klischee ist (die beiden fotografieren einander ständig; haben Reiseführer in der Hand). Als sie dran sind, erklären sie in piepsendem, aber völlig verständlich Englisch: »Hello, we are visiting Berlin for 3 days and then we are travelling to [ich habs vergessen, wahrscheinlich Prag oder Wien oder so].« Der Bundespolizist hinter'm Glas ignoriert das und fragt nur: »Haben sie eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland?« Die beiden: »We are sorry, but we don't understand. We are tourists from Japan. We want to visit Berlin for three days and then continue to …« Er [jetzt laut]: »Haben sie eine AU-FENT-HALTS-GE-NEEEEH-MI-GUNG?!« Ich [trete etwas näher ans Fenster heran]: »Kann ich vielleicht helfen und übersetzen? Ich spreche sehr gut Eng…«. Er [sehr barsch]: »Zurück, das geht sie nichts an!« Ein Polizeikollege kommt (vor das Glas), fängt aber auch nur an, »AU-FENT-HALTS-GE-NEEEEH-MI-GUNG?!« zu schreien. Kurz und gut, die beiden haben sich so benommen, wie sie offensichtlich meinten, dass man mit (süd-)osteuropäischen oder türkischen Arbeitsmigranten umspringen müsste (die selbst kein Englisch verstehen würden, mglw. aber dann doch den Begriff Aufenthaltsgenehmigung gehört haben könnten und das entsprechende Papier aus der Tasche ziehen würden, wenn sie es nur oft und laut genug hören). Mit den beiden Japanerinnen so umzuspringen, war hingegen komplett absurd. Falls die beiden Bundespolizisten Englisch verstanden, haben sie das gut verborgen. Ich habe mich jedenfalls für mein Land extrem fremdgeschämt (und bei den beiden später an der Gepäckausgabe entschuldigt – ihr Touristenstatus war natürlich völlig OK und sie durften nach ein paar Minuten Gekeife dann doch einreisen).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.