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Abenteuer vor der Haustür: Eine Radtour bei Göttingen

Foto: Peter Bender

Abenteuer vor der Haustür Ein Bike, ein Schlafsack, 24 Stunden Zeit

Minimale Vorbereitung, maximale Entspannung - das ist die erste Regel für sogenannte Overnighter. Die Kurzausflüge mit Übernachtung sind eine ideale Alltagsflucht für Radtourenfans.
Von Gunnar Fehlau

Keine 50 Meter von unserer Haustür entfernt, biege ich in einen schmalen Weg ein, der durch eine Schrebergartenanlage führt. Schotter und Splitt spritzen unter meinen Reifen auf, der glatte Asphalt der Stadt liegt hinter mir. Für mich ist das ein unmissverständliches Anzeichen: Mein Abenteuer beginnt.

Wenige Kurbelumdrehungen reichen, um gleich vor der Haustür in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt ohne Terminkalender, Elternabende, Meetings, Steuererklärungen und Diskussionen über den Stand unserer Beziehung oder die Erziehung pubertierender Jungen.

Gefunden in
Foto: Gruner + Jahr

GEO WALDEN 3/2017

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Komm, lass gehen!

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In der Bike-Szene heißt so etwas Overnighter. Für mich ist es eine enthusiasmierende Aussicht: Nur mein Rad, ich und das kleine Abenteuer bis zum nächsten Morgen. Overnighter-Regel Nr. 1 lautet: maximale Entspannung, minimale Planung. Wo ich schlafe, ergibt sich unterwegs.

Von der Göttinger Südstadt radele ich am frühen Nachmittag los Richtung Eichsfeld. Der Anstieg zur Diemardener Warte ist für Alpinisten keine Herausforderung, aber nach einer abgerundeten 50-Stunden-Woche und erheblicher familiärer Friktion vor meinem Loskommen löst der Anpressdruck in den Beinen den Stress als Pulstreiber schnell ab.

"So soll es sein", denke ich, schalte beschwingt in den leichtesten Gang und kurble langsam die Anhöhe hinauf. Einen Hügel weiter plumpse ich ins Wendebachtal und folge ihm einige Kilometer ostwärts. Der Weg kreuzt den Bach mehrere Male mit kleinen Fußgängerbrücken und präparierten Flussquerungen für Forstfahrzeuge. Ich wähle lieber die direkte Route durchs Wasser, es gluckert unter meinen Reifen, für mich der Sound von Meinen-Weg-suche-ich-mir-heute-mal-selbst-Anarchie.

Nach zwei Stunden erreiche ich den Hurkutstein im Rheinhäuser Wald, eine von Menschenhand gestaltete Felsspalte, in der vor Hunderten von Jahren ein Einsiedler gelebt haben soll. Kein schlechter Platz für eine einsame Pause, schließlich ist die Höhle quasi eingewohnt. Im Anschluss geht es hoch auf die Jägersteine, eine imposante Felsformation mit ebensolchem Ausblick.

Mittlerweile ist es später Nachmittag, und ich mache mir langsam Gedanken übers Abendessen. Als Prolog zum Abend verordne ich mir ein Einzelzeitfahren durch den Wald zum nächstgelegenen Supermarkt - zwischen all dem beschaulichen Radeln ein völlig überflüssiges, testosterongetränktes und genau deshalb goldrichtiges Intermezzo harten Radsports. Schließlich heißt die Overnighter-Regel Nr. 2: Genau das tun, wonach einem gerade ist. Und wenn es der größte Unsinn ist? Umso besser.

Gemäß dieser Lust-und-Laune-Regel pfeffere ich im Rewe-Markt in Groß Schneen zwei gute Steaks, Gemüse, Antipasti und Bier in meinen Einkaufskorb. Apropos Bier: Glasflaschen und Mountainbike verstehen sich einfach nicht gut. Biergenuss und Dosen aber eben auch nicht so recht. Am Ende gewinnt der Sicherheitsbeauftragte in mir die Oberhand - ganz im Sinne der Overnighter-Regel Nr. 3: Sicherheit kommt immer als Erstes! Also verschwinden ein paar Dosen Bier in meinen wasserdichten Radtaschen.

Drei Overnighter-Routen für Anfänger und Routiniers

Mein Verproviantieren im Supermarkt hat kaum länger als eine Tagesschaulänge gedauert und fühlt sich nach den einsamen Stunden im Wald doch schon fremd an. An der Fleischtheke und der Kasse belasse ich es bei einem knappen "Bitte" und "Danke" und ignoriere die Smalltalk-Avancen der freundlichen Verkäuferinnen. Die leichte Laberschicht in der dünnen Haut der Zivilisation mag manchen wärmen, mich stößt sie eher ab, und ganz besonders unterwegs. Immer wieder faszinierend, wie man sich beim Radeln durch die Wälder in Nullkommanix entzivilisiert.

Höchste Zeit also, in die Ein- und Achtsamkeit zurückzukehren. Ich pedaliere flussaufwärts durchs Gartetal und überlege, wie der ideale Biwakplatz für heute Nacht aussehen könnte. Lang nachdenken muss ich nicht: Der Himmel ist wolkenlos, der Wind recht still, und ich bin noch nicht allzu spät dran. Damit spricht alles für ein Biwak auf einem Hügel, mit Blick in den Sonnenuntergang und an einem Platz, an dem sich gefahrlos ein grillgerechtes Feuer entfachen lässt. Bei der Sache mit dem Feuer greift wegen der Brandgefahr ähnlich wie beim Thema Bier Overnighter-Regel Nr. 3.

Auf der Suche nach meinem Biwakplatz biege ich aus dem Gartetal südwärts in die Hügel ein, um auf eine Osthangseite zu gelangen. Auf den 200 Höhenmetern des Anstiegs machen sich meine Einkäufe im Gepäck bemerkbar, und ich komme ordentlich ins Schwitzen.

Der Preis für meine Mühen ist ein perfekter Biwakspot mit Blick auf die Hügel des Weserberglandes. Als ich dort vom Rad steige, bleibt mir noch mehr als eine Stunde, bis die Sonne am Horizont hinter den Bergen verschwindet. Ausreichend Zeit also fürs Nichtstun und eine Kurzrückkehr in die Zivilisation.

Schnell checke ich die Bundesliga-Ergebnisse, dann wechsele ich wieder in den Flugmodus und hole meine Spielzeuge raus: einen Flachmann mit integriertem Zigarettenfach (ein Geschenk meines Kumpels Reçep), meine Zwille, mit der ich munter Steinchen auf Bäume zwitschere, und mein erstes Bier dieses Abends.

Overnighter-Basics: Fünf Fragen an Gunnar Fehlau

Zwei Stunden später ist die Sonne längst untergegangen, das Feuer hat mir zwei fantastische Steaks beschert. Fledermäuse kreisen über meinem Lager, vermutlich beutelos, denn Mücken haben den Weg hoch auf meinen Hügel nicht gefunden. Weil mein Feuer ausreichend gesichert ist, gönne ich mir einen seltenen Luxus: Eingemummelt in meinen Schlafsack, blicke ich in die Glut, bis ich irgendwann einfach einschlafe.

Der nächste Morgen beginnt wieder mit einem Lagerfeuer. Kaffee kochen, meine klammen Hände am dampfenden Getränk wärmen, die müden Knochen strecken. Es stimmt, zu Hause schlafe ich definitiv komfortabler und tiefer als auf meiner Isomatte. Aber meine Synapsen kommen nur draußen wirklich zur Ruhe. Wenn sie mal wieder überlastet sind, weil in Büro und Familie die Hölle los ist, packe ich die Packtaschen und radele los.

Alles folgt dann der klassischen Overnighter-Losung: Laktat, Landschaft, Lagerfeuer. Für Körper und Seele ist diese Kombination derart entspannend, dass es sie eigentlich auf Rezept geben müsste.

Aus dem Heft "Walden" 3/2017