Tatzelwurmstraße: "Wie wahnsinnig schön es hier ist"
Tatzelwurmstraße: "Wie wahnsinnig schön es hier ist"
Foto: Stefan Bogner / Curves Magazin / Delius Klasing Verlag

Reisemagazin "Curves" Gibt es auch Nahweh?

Fernweh kennt jeder. Das neue Magazin "Curves" von Stefan Bogner zeigt, dass auch die Heimat exotisch sein kann. Ein kurvenreicher Roadtrip durch Süddeutschland - Menschen und Autos sieht man keine.
Von Jürgen Pander

"Schon länger habe ich geplant, ein Heft vor der eigenen Haustür zu fotografieren. Eine Reise in die Postkarte sozusagen", sagt Stefan Bogner. Was er meint, zeigt sein neues "Curves"-Magazin zu Süddeutschland. So hat man die klassischen "Postkartenmotive" Schwarzwald, Neuschwanstein, das Oberjoch, die Deutsche Alpenstraße oder die Rossfeld-Panoramastraße noch nicht gesehen: als menschenleere Weitwinkelimpressionen, in denen graue Straßen - sozusagen als durchgehender roter Faden - die optische Hauptrolle spielen.

Industriedesigner und Fotograf Bogner, Jahrgang 1968 und zu Hause in München, ist - nach einem Dutzend "Curves"-Magazinen  über Straßen weltweit - für Band 13 ganz in der Nähe geblieben, auf einem Roadtrip durch Süddeutschland: 1300 Kilometer von Baden-Baden bis Berchtesgaden.

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"Curves" Süddeutschland: Ein Roadtrip zum Entschleunigen

Foto: Stefan Bogner / Curves Magazin / Delius Klasing Verlag

Die Idee, einen großen, kurvenreichen Bogen durch das südliche Ende von Deutschland zu schlagen, sei lange vor Corona gereift, berichtet Bogner. "Dann kamen die Pandemie und der Lockdown, und das machte es sogar einfacher als sonst, den Zauber der Straßen einzufangen, weil kaum einer unterwegs war." Bogner nennt "Curves", das von ihm ersonnene Heft, das zweimal im Jahr erscheint, ein "Automagazin ohne Autos"; "Landschaftsmagazin ohne Menschen" träfe es aber auch.

Das Magazin "Curves", das in Kooperation mit Porsche im Delius Klasing Verlag erscheint, stellt in Wort und Bild jeweils einen mehrtägigen Roadtrip vor, den man genau so nachfahren könnte. Es gibt Karten, Hotel- und Restauranttipps, Tipps für Abstecher und Geschichten vom Wegesrand. Vor allem aber gibt es mehr als 300 Fotos von menschenleeren und autofreien Straßen. Oft sind es Luftaufnahmen, auf den meisten verbinden sich Landschaft und Straßenverlauf zu einer Komposition.

Die Idee zu "Curves", so erzählt Bogner, sei ihm bei einer Bergtour gekommen, als er das Gipfelpanorama genossen habe und sich unter ihm die Landschaft wie eine Landkarte ausbreitete. Gegliedert von dünnen Linien - den Straßen. "Oft träumt man ja davon, einmal eine bestimmte Route zu fahren. Daran knüpft das Konzept des Magazins an." Und es funktioniert für ein Nischenpublikum weltweit. Wobei auch Bogner zugibt, dass kaum eine Straße wirklich durchgehend fantastisch oder anregend ist. "Jeder, der einmal unterwegs war, weiß, dass vor oder nach den tollsten Kurven auch wieder öde und langweilige Streckenabschnitte kommen."

Passen Autofahren und Naturerlebnis zusammen?

"Ich mag Straßen, die historisch, architektonisch oder durch ihre Linienführung interessant sind", sagt Bogner. Etwa wenn die Topografie der Landschaft die Trasse der Route vorgibt, wie das speziell bei Pässen der Fall ist. "Straßen ermöglichen das Bewegen durch die Natur, sie ermöglichen Entdeckungen und Begegnungen. Insofern verstehe ich 'Curves' als Inspiration, sich auf den Weg zu machen. Mit dem Fahrrad, Roller, Motorrad oder Auto."

Autofahren und Naturerlebnis? Motorradlärm und Landschaftsgenuss? Bogner weiß, dass diese Paarungen problematisch sein können. "Deshalb verschweige ich auch manchmal ganz bewusst besondere Strecken", sagt er. Und er hofft auf einen Lerneffekt. "Wer sich für die Kultur und die Menschen einer Gegend interessiert, und genau dieses Interesse soll 'Curves' wecken, der wird sich dort auch respektvoll und besonnen bewegen."

Jeder Einzelne sei dafür verantwortlich, dass auch in Zukunft Roadtrips durch schöne Landschaften möglich seien. Bogner selbst beispielsweise hat bei seinem Youngtimer aus den Neunzigerjahren einen leiseren Auspuff einbauen lassen. "Ich will nicht durch die Berge fahren und dort herumlärmen. Keiner soll auf mich aufmerksam werden, ich möchte meine Aufmerksamkeit auf die Welt ringsum lenken."

Von oben wie Kanada

Bei der Produktion des "Süddeutschland"-Bandes war Bogner übrigens, anders als sonst meistens, für die Luftaufnahmen nicht mit einem Helikopter unterwegs, sondern mit einem Flugzeug. Von einem Tag in der Luft brachte er rund 3500 Aufnahmen mit. "Rund tausend dieser Fotos waren wirklich gut, und die besten davon sind im Magazin gelandet."

Vor allem aber stecken die Eindrücke in seinem Kopf. "Ich habe meine Heimat völlig neu wahrgenommen. Wenn ich mir zum Beispiel die Luftaufnahmen von Hinterriß oder vom Ahornboden anschaue, denke ich: Das ist doch Kanada."

Dass das "Süddeutschland"-Magazin ausgerechnet im Corona-Sommer erschien, als Urlaub im eigenen Land einen ganz neuen Stellenwert erhielt, sieht Bogner als lehrreiche Pointe. "Für mich war die Arbeit an dem Magazin eine Gelegenheit, meinen Bezugspunkt mal wieder neu zu kalibrieren. Denn eigentlich will man ja immer weg, weit weg. In diesem Fall aber ging es um die scheinbar wohl vertraute Nähe. Und da habe ich dann wieder gemerkt, wie wahnsinnig schön es hier ist."