Tipps für einen Städtetrip in Thüringen Echt jetzt, Erfurt!

Überschaubar, trotzdem überraschend und für ein Sommerwochenende genau richtig: ein Ausflug nach Erfurt. Hier sind Tipps für Entdeckungen in Deutschlands Mitte.

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Von Leon Ginzel


Wenn die Abende warm sind, zieht es die Erfurter an die Gera. Vom Wenigemarkt kommen sie durch einen schmalen Torbogen runter ans Wasser. Schuhe aus und rein in den schmalen Fluss, der glasklar durch die Stadt verläuft, mit der berühmten Krämerbrücke als Kulisse. Wie man als Nicht-Erfurter an diesen perfekten Sommerplatz kommt? Zum Glück schnell. Der ICE von Berlin aus braucht unter zwei Stunden in Thüringens Hauptstadt, von München aus gut zweieinhalb. Allerbeste Voraussetzungen für einen Wochenendausflug in Deutschlands Mitte.

Los geht's...

...im Café Füchsen. In einem gemütlichen Hinterhof, ein paar Minuten von der Krämerbrücke entfernt, serviert ein kleines Team unter Sonnensegeln köstliche Frühstücksvarianten mit hausgemachten Aufstrichen und Konfitüren. Auch gut: das Oma Lilo beim Brühler Garten.

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Erfurt in Thüringen: Alles so hübsch beieinander hier

Entspannt entdecken: Grüne Ecken und altes Gemäuer

Erfurts Altstadt ist fast autofrei und lässt sich prima zu Fuß erkunden. Sehr entschleunigend ist das Dorfgefühl an vielen Ecken der 200.000-Einwohner-Stadt. Hier der Vorschlag für einen Spaziergang: Vom Cafe Füchsen geht es über die Hütergasse in Erfurts verstecktes Gartenparadies auf der Insel am Dämmchen. Weiter: durch die Michaelisstraße in die schmale, gepflasterte Waagegasse mit ihren Speicherhäusern.

Was auffällt: Die Altstadt ist fast perfekt erhalten, sie wurde im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört. Von der Allerheiligenstraße geht es auf die Marktstraße. Ein paar Schritte nach rechts und es erhebt sich der mächtige Dom. Weiter geht's am Puppentheater "Waidspeicher" vorbei durch die Metten- und Rumpelgasse in Richtung Fischmarkt mit dem neugotischen Rathaus und seinen Bürgerhäusern. Wer das Rathaus rechts liegen lässt, steuert auf die Krämerbrücke zu, an deren Ende der Wenigemarkt liegt - perfekt für eine Sommerschorlen-Pause im Kurhaus Simone.

Einen Abstecher wert: das grüne und wasserreiche Viertel Klein-Venedig, das Andreasviertel mit seinen Kopfsteinpflastergassen und farbenfrohen Hausfassaden und das von den Seitenarmen der Gera eingerahmte Quartier Lange Brücke mit individuellen Boutiquen und Läden wie moquadrat, in dem Besitzerin Vera Niedermeier faire und ökologisch produzierte Kleidung verkauft.

Unbedingt machen:

Sich Zeit nehmen für Europas längste, durchgehend mit Häusern bebaute Brücke: die Krämerbrücke. Früher kreuzten hier zwei bedeutende Handelsrouten, die Erfurt reich machten, heute ist der Spaziergang zwischen den schmalen bunten Häusern ein Puppenstubenerlebnis. Sehr nett zum Stöbern: die kleinen Kunstateliers und Feinkostgeschäfte. Wer das Haus Nummer 2 betritt, kann dem Puppenbauer Bernd Gobsch bei der Arbeit zuschauen. Nicht entgehen lassen: eine Kugel Eis (Ziegenkäse & Himbeere!) in der Goldhelm-Manufaktur. Für den Weitblick: Rauf auf den Petersberg. Kirchenliebhaber führt eine 70-stufige Freitreppe zum mächtigen Mariendom. Im August ist sie Kulisse für die Domstufenfestspiele.

Hier schmeckt's:

Brennnessel-Spinat-Manti mit Aprikosen-Relish, Pinienkernen und Joghurt oder in Bier geschmorte Ochsenbäckchen - im Mathilda wird nicht nur mit regionalen Zutaten, sondern auch kreativ gekocht. Thüringisch mit einem modernen Touch gibt es im Zum Güldenen Rade, Knödel und Brätel kommen im Noah auf den Tisch. Leckere Kleinigkeiten findet man in der Mundlandung auf der Krämerbrücke, eine gute Thüringer vom Grill bei Faustfood.

Auf ein Kaltgetränk (oder zwei):

Lauschig ist es in einem der zahlreichen Hinterhof-Biergärten wie dem Speicher. Oder man schnappt sich ein Craftbeer aus der erstaunlich großen Auswahl beim Bierrufer in der Michaelisstraße und setzt sich ans Wasser.

Jung und kreativ:

Im Zughafen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs östlich der Altstadt ist Erfurts Kreativszene zuhause: Im Club Kalif Storch wird getanzt, das Upcycling-Label Fawwi verkauft hier hübsche Taschen, Rucksäcke oder Geldbeutel, im Heimathafen braut der zurückgekehrte Erfurter Jan Schlennstedt Craftbeer. Etwas weiter draußen, im Norden der Stadt, legen DJs bei Frau Korte auf. Für Livemusik und Konzerte ist Franz Mehlhose eine gute Adresse.

Ebenfalls spannend: das Kulturquartier im alten Schauspielhaus. Thüringens erste Kulturgenossenschaft will hier einen urbanen Hotspot schafften. Schon jetzt gibt es regelmäßig sehenswerte Veranstaltungen. Das Besondere: das Geld für die Sanierung wird genossenschaftlich gesammelt. Jeder "Kulturinvestor" hat ein Mitspracherecht, bislang sind mehr als 700.000 Euro zusammengekommen.

Familienglück:

Wer mit Kindern unterwegs ist, sollte unbedingt den egapark mit einplanen. Im Erfurter Garten- und Freizeitpark liegen der größte Spielplatz Thüringens, ein Aussichtsturm und ein kleiner Bauernhof.

Gut schlafen:

Die Krämerhaus-Suiten direkt auf der Krämerbrücke. Die sechs Ferienwohnungen sind individuell eingerichtet, bieten Platz für zwei bis vier Personen und einen tollen Ausblick.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
jufo 04.07.2019
1. Kleine Anmerkung
Gotha und Weimar liegen nebenan, falls es ein Tag mehr sein darf. Eisenach ist auch nicht weit.
ma_ha 04.07.2019
2. Meine Heimatstadt
Viel hat sich verändert seit ich 2002 weggezogen bin und es ist jedes Mal wieder ein Traum dort zu sein. Sehr guter Artikel
katja.ef 04.07.2019
3. Straßenbahn
Ganz wichtig sei noch zu erwähnen, dass Erfurt über ein super Straßenbahn- und Busliniennetz verfügt, mit dem Besucher wirklich überall hinkommen. Tagesticket lösen oder für längere Besuche eine Wochenkarte und schon kann man kreuz und quer bis zum nächsten Morgen 3:00 Uhr durch Erfurt fahren.
Pinky McBrain 04.07.2019
4. Schöner Artikel, aber...
...abgesehen von dem erwähnten, ist Erfurt noch ziemlich provinziell. Das meine ich keiensfalls böse oder abwertend, ist aber leider so, und kann nicht anders sein. Erfurt hat "nur" 200.000 Einwohner, und um ehrlich zu sein außer dem ICE-Stopp keine besondere internationale oder nationale Bedeutung. Die Entwicklungen, die in dem Artikel beschrieben werden, sind genau das, was bei angespanntem Wohnungsmarkt als Gentrifizierung bezeichnet würde. Hier dürften nicht alle Alt-Erfurte begeistert sein. Aus Sicht eines Berliners, der ein bis zwei Mal pro Monat nach Erfurt kommt, ist noch einiges zu tun, damit ich mir vorstellen könnte, da zu wohnen. Aber ganz ausschließen würde ich es für die Zukunft nicht. Also weiter so Erfurt! Und mach dir nichts draus in 2018 als einzigen wichtigsten Titel "hässlichster Weihnachtsbaum" gewonnen zu haben. Go Rupfi, go!
landsend 04.07.2019
5. Kurztripp für Kulturbanausen
Da wird Erfurt als Flanier- und Freßmeile inszeniert, ohne die großartigen Kulturdenkmäler auch nur anzusprechen. In Erfurt steht die älteste erhaltene Synagoge Europas mit einem einzigartigen Schatzfund und prachtvollen alten Handschriften, an der Gera befindet sich das mittelalterliche jüdische Bad. .Der Dom hat mit die am besten erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster, ein geschnitztes Chorgestühl und ein eindrucksvolles Portal. Ach ja, und eine doppelte Kirchenanlage zusammen mit der Severinskirche gibt es auch nur einmal. Die ebenfalls mittelalterliche Predigerkirche hat einen der ältesten Altäre Deutschlands und das Angermuseum neben beeindruckenden Mittelalter-Denkmälern einen von dem Expressionisten Erich Heckel ausgemalten Raum. Wer sich für Geschichte interessiert, sollte auch Topf&Söhne nicht verpassen. Wer sich für Architektur interessiert, wird in den Aussenvierteln rings um den mittelalterlichen Kern eine faszinierende Hausarchitektur vom Historismus bis zum Bauhaus finden. Erfurt ist eine Kulturstadt mitten in Deutschland - wenn denn Kultur überhaupt noch interessiert.
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