Deutschlands höchste Aussichtsplattform Turmbau zu Rottweil

In der schwäbischen Kleinstadt Rottweil entsteht ein 246 Meter hoher Testturm für Aufzüge. Proteste gegen das auffällige Bauwerk? Die sind verstummt, seit sich ein Touristenboom abzeichnet.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Von der A81 ist Rottweils neuer Touristenmagnet schon gut zu sehen. Ein seltsamer Anblick, dieser graue Betonpfahl inmitten von Wiesen, Feldern und roten Dachziegeln. An manchen Tagen biegen so viele neugierige Reisende von der Autobahn ab, dass sich ein Stau bis zur Baustelle bildet. Sagt zumindest der Bürgermeister.

Das 246 Meter hohe Bauwerk in der schwäbischen Provinz hat der Industriekonzern ThyssenKrupp für rund 40 Millionen Euro als Testturm für Aufzüge errichtet. In Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, sollen damit die modernsten Fahrstühle der Welt getestet werden: Hightech-Kabinen, die mithilfe von Magneten nicht nur vertikal, sondern auch horizontal durch den Schacht rauschen, so wie der "Turbolift" in "Star Trek".

Doch für solche technischen Details hatten die Rottweiler am Anfang keine Augen. Als der Konzern das Projekt vor drei Jahren vorstellte, quälten die Einwohner Fragen, die bei Bauvorhaben dieser Größe zwangsläufig aufkommen: Wie groß wird der Turm? Verschandelt er die Landschaft? Profitiert nur das Unternehmen oder auch die Stadt?

Es war der Zeitpunkt, an dem die Stimmung hätte kippen können. Hätte. Denn das Unternehmen und die Stadt fanden einen Kompromiss, der die meisten Kritiker besänftigte. Der Turm soll nicht nur als Industriegebäude dienen, sondern die höchste Besucherplattform Deutschlands beherbergen. Und damit Touristen anziehen.

Blick bis zu den Alpen

Noch surren die Bohrmaschinen auf der Baustelle. Es riecht nach Matsch und nach nassem Beton, an den Decken baumeln mobile Leuchtstoffröhren. Installiert ist bisher nur der Feuerwehraufzug; die anderen Schächte sind mit Holzplanken gesichert, damit niemand hineinfällt. Auf 232 Meter Höhe befindet sich die künftige Aussichtsplattform. Arbeiter mit Klettergurten balancieren über Stahlträger, befestigen Fenster, seilen sich ab. Kein Job für Menschen mit Höhenangst.

Von hier oben betrachtet schrumpft die Landschaft auf Modelleisenbahn-Größe - mit Mini-Bäumen, Mini-Häusern und Mini-Autobahn. Hinter der Schwäbischen Alb wird es langsam diesig und der Horizont verschwimmt. "Manchmal können wir sogar die Alpen sehen", sagt Kai Hörsting, 31, zuständig für den Rohbau des Turms. "Es kam aber auch schon vor, dass wir mitten im Nebel waren. Da schaute nur noch die Spitze raus."

Schon heute strömen Besucher herbei, um den Turm aus nächster Nähe zu sehen. ThyssenKrupp hat Schautafeln mit Detailinformationen aufstellen lassen: "15.000 Kubikmeter Beton, 200 Felsnägel und 2640 Tonnen Stahl." Die Stadt bietet Baustellen-Führungen an, zu denen sich laut Angaben des Rathauses allein im vergangenen Jahr 8000 Menschen angemeldet haben. Genauso viele, wie sich im gleichen Zeitraum durch die Altstadt führen ließen und dort ein gut erhaltenes mittelalterliches Stadtbild und diverse Sonnenuhren vorfanden.

Hängebrücke vom Turm zur Altstadt

Der Rottweiler Oberbürgermeister Ralf Broß (parteilos) hat von Anfang an das touristische Potenzial geahnt. "Schon beim Aushub der Baugrube kamen die Leute", sagt sich Broß, der selbst schon ein paar Mal den Turm besichtigt hat. Natürlich habe es am Anfang Bedenken gegeben. "Die Leute wollten wissen, was sie davon haben", sagt der Politiker, wohl wissend, dass in dem 25.000-Einwohner-Städtchen nahezu Vollbeschäftigung herrscht.

Testturm in Rottweil (Zeichnung)
obs/ThyssenKrupp Elevator AG/Philipp Brem

Testturm in Rottweil (Zeichnung)

Die Antwort lag für den Oberbürgermeister auf der Hand: Touristen. Obwohl der Aufzugsturm erst im Frühjahr 2017 eröffnet, bewirbt die Stadt ihre neue Attraktion schon heute offensiv. In der Tourist-Information liegen Flyer zur Baustellenführung aus. Es gibt eine eigene Postkartenserie ("Stadt der Türme") und Aufkleber, die die neue Skyline zeigen. Geht es nach Broß, wird in Zukunft noch eine Hängebrücke hinzukommen, die den Turm mit der Altstadt verbindet.

"Natürlich beeinflusst das neue Gebäude unsere Silhouette", sagt Broß. "Aber es entsteht dadurch kein optischer Schaden." In der Geschichte habe es schon immer Widerstand gegen neue Türme gegeben. So auch in Rottweil, wie das Protokoll der Bürgerversammlung von 2013 beweist: Die Redner warnen vor Terroranschlägen, Erdbeben und einem hässlichen Anblick. Im Februar 2015 sprach eine Anwohnerin sogar vor der ThyssenKrupp-Hauptversammlung, um die Aktionäre umzustimmen.

Turm? Welcher Turm?

Heute scheinen die meisten ihren Frieden mit dem Betonpfahl gemacht zu haben. Die prominentesten Gegner von damals reagieren nicht auf Interviewanfragen. Stattdessen finden sich im Internet gleich mehrere Fanseiten, die den Turm würdigen.

Detlef Berndt, 72, steht am Bauzaun, um Fotos für sein Blog zu machen. "Ich komme fast jeden Tag hierher", sagt der Rentner, der den Testturm als "imposantes Superprojekt" bezeichnet. Ausgestattet mit Digitalkamera, Fotorucksack und Drohne verfolgt er den Bau von Anfang an. "Rottweil ist ein verschlafenes Nest", sagt Berndt. "Da ist sonst nichts los." Tausende Fotos habe er bisher gemacht.

Ein paar hundert Meter neben der Baustelle betreibt Ulrike Haas, 49, eine Pension. Auch sie hat eine klare Meinung zu Rottweils neuem Wahrzeichen: "Ich war von Anfang an dafür. So einen Turm darf man doch nicht verstecken." Bis jetzt hätten zwar noch keine Touristen bei ihr übernachtet, dafür aber immer mal wieder Bauarbeiter. Haas ist überzeugt: "Die Touristen werden kommen, allein schon wegen des gigantischen Ausblicks." Ihre Pension nennt sie schon jetzt Hotel am Turm.

Oder ist der ganze Hype vielleicht doch etwas übertrieben? Die finnische Familie, die zum ersten Mal durch die Rottweiler Altstadt läuft, kann mit der neuen Attraktion jedenfalls nichts anfangen. "Welcher Turm?", fragt der Vater. "Haben wir nicht gesehen." Aber sonst sei die Stadt ganz schön.



insgesamt 77 Beiträge
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naklar261 10.05.2016
1. guters design
mir gefaellt das design...wenns am ende dann auch so wird. bei gelegenheit wuerde ich dann auch mal hinfahren. wo zum teufel ist rotweil?! werde ich gleich wissen...
edgarzander 10.05.2016
2. Für mich interessant:
Windkraftanlagen werden in erzkonservativen Gegenden BW's noch immer als Verspargelung der Landschaft angesehen. Es gibt also auch hier gute und böse Türme....
KuGen 10.05.2016
3. Vielleicht sllte Rottweil.....
.....sich umbenennen . Ich schlage vor : "Stadt am Turm" ^^
robhob 10.05.2016
4. Ich finde es immer wieder interessant
Wie Selbstverständlich die Leute der Meinung sind, sie hätten ein Recht auf die Unveränderlichkeit der Landschaft. Türme, Häuser, Windkraftanlagen, Masten... auf fremden Grundstücken in einer komplett vom Menschen künstlich geschaffenen Umgebung. Eigentlich hat da doch nur der Besitzer mitzureden, sonst keiner und die Vertreter von Behörden ( Denkmalschutz, Naturschutz, Bauordnung...)
donrealo 10.05.2016
5. Immer das selbe
in der Regel vom Staat alimentierte und vom Alltag gelangweilte rückwärts orientierte Personengruppen suchen sich ein "Aktionsfeld" indem sie xen Fortschritt versuchen zu blockieren. So auch Stuttgart 21 oder vor 15 Jahren die neue Stuttgarter Messe am Flughafen. Letztere ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Garant für tausende von neuen Arbeitsplätze im Umkreis von 40 km. Von den Hobbybremsern von damals hört man freilich nichts mehr.
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