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Saarbrücker Kultviertel: Feiern und ein bisschen links sein

Foto: Arthur F. Selbach

Saarbrücker Kultstadtteil Das Einerseits-Andererseits-Viertel

Punkrocker, Touristen, feierwütige Singles: Längst ist das Nauwieser Viertel in Saarbrücken nicht mehr nur für intellektuelle Altlinke da. Der alternative Kultstadtteil mauserte sich erst zum Ausgehviertel und urbanen Herzen des Saarlands. Nun droht es, zum wertkonservativen Mikrokosmos zu mutieren.
Von Manuel Andrack

Ich soll über das Nauwieser Viertel im Herzen Saarbrückens schreiben. Aber darf ich das überhaupt? Zum einen bin ich kein gebürtiger Saarländer, zum anderen kein "Viertler ", wie sich die Bewohner der "Nauwies" selber nennen.

Ich bin zwar ständig hier, gehöre aber doch nicht richtig dazu. Vielleicht bin ich einer dieser Schnösel, die sich von den sogenannten Arschlochmagneten des Viertels angezogen fühlen? Dazu später mehr.

Die Ausnahmestellung des Nauwieser Viertels merkt man daran, dass es eben das Viertel ist. Es existiert kein vergleichbarer Stadtteil in Saarbrücken, im ganzen Saarland nicht. Ich wohne nebenan, im Viertel Bruchwiese, gehe aber fast immer hinüber "uff de Nauwies", wenn ich etwas brauche. Dort gibt es Kneipen, einen Waschsalon, einen hervorragenden Vollkornbäcker, den Buchladen, die Alte Feuerwache mit einer Nebenspielstätte des Staatstheaters, das Kino und den besten Fahrradladen der Welt. Filme, Bücher, saufen und Fahrrad kaufen, alles in einem Viertel.

Sehr alt ist es nicht, das Nauwieser Viertel, Produkt einer Erweiterung der Stadt. Man muss wissen, dass Saarbrücken aus drei Städten zusammenwuchs: Vor gut hundert Jahren fusionierten Saarbrücken auf der südlichen Saarseite und St. Johann am nördlichen Ufer zur Großstadt Saarbrücken, außerdem schloss sich ihnen Malstatt-Burbach im Westen an.

In der Stadt St. Johann war es schon seit längerer Zeit eng geworden, in den 1870er Jahren brach daher ein Bauboom aus. Die St. Johanner, ein Volk ohne Raum, wollten sich nun Richtung Nordosten erweitern. So wurde die neue Wiese vor der Stadt, die Nauwies, überbaut. Viele Trampelwege schlängelten sich einst zwischen Tümpeln und Gärten über diese Wiese, und es heißt, dass die zentrale Straße des Viertels, die Nauwieserstraße, einem alten Schweinepfad folgt. Einen entscheidenden Vorteil hatte das Nauwieser Viertel im Vergleich zu anderen Saarbrücker Stadtteilen: Im Zweiten Weltkrieg blieb es fast gänzlich von den Bomben der Alliierten verschont.

Bücherecke im Dagegen-Viertel

Das hieß aber auch, dass hier nach 1945 so gut wie nichts mehr investiert wurde. Steht doch alles noch, mag man gedacht haben. Das Resultat: Wenn man sich Fotos aus den Siebzigern und frühen Achtzigern anschaut, denkt man: schlimm, wie es im Osten vorm Solidaritätszuschlag aussah.

Wenn man wissen will, wie es im Nauwieser Viertel damals zuging, muss man mit Rainer Schmidt reden. Seit dreißig Jahren arbeitet er im "fahrradladen ", einem Geschäft, das neben dem Kino in einem selbstverwalteten Hinterhof in der Nauwieserstraße 19 liegt. Durch seine graue Lockenpracht hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Vornamensvetter, dem Kommunarden Rainer Langhans. Auch Ähnlichkeiten in der Sozialisation: Das Nauwieser Viertel war einst eine Hochburg der Anti-Vietnamkriegs-, Anti-AKW- und der Anti-Nachrüstungs-Bewegung.

Heute würde man sagen, ein Dagegen-Viertel. Von der Nauwies aus startete man zu Kundgebungen gegen Atomraketen und demonstrierte vor dem US-Stützpunkt im pfälzischen Ramstein - der Protest wurde sozusagen in die ungeliebte Pfalz exportiert.

Viele Stammkunden des Fahrradladens von damals kaufen heute noch ihre Räder bei Schmidt. Ehemals waren sie linksalternativ, manche sind es immer noch, andere entwickelten mit der Zeit neubürgerliche Tendenzen. Der Laden jedenfalls funktioniert auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch als Kollektiv. Genau wie "der buchladen" in der Försterstraße, der seit 1973 besteht.

Ein großes Thema hier war schon immer die Drogenszene. In den Siebzigern war das Viertel deswegen übel beleumundet. Dass Kinder auf dem Spielplatz Spritzen fanden, war keine Seltenheit. Große Aufregung gab es noch vor drei Jahren, als die Arbeiterwohlfahrt ein kleines Antiquariat eröffnen wollte, in dem auch Exjunkies Bücher verkaufen. Manche Nauwieser Ladenbesitzer sahen ihr Viertel schon wieder im Griff krimineller Drogenabhängiger.

Bei einer Versammlung herrschte nahezu Pogromstimmung, sagt einer, der dabei war. Von saarländischem Laisser-faire keine Spur. Nun, die Bücherecke kam, die Junkies aber beherrschen keineswegs das Viertel.

Punkrocker und Pseudo-Revolutionäre

So richtig anarchistisch war man hier wohl letztlich nie, denn ich las und staunte, dass 1989 tatsächlich ein Haus im Nauwieser Viertel "instandbesetzt " wurde. Nachdem es geräumt wurde, kam in den Neunzigern ein zweites Haus hinzu. Die Saarländer waren schon immer ein verrückter Haufen.

Nein, Häuser besetzen war das Ding der Viertler nicht, da traf man sich lieber in einer der zahlreichen Kneipen, zum Beispiel im "Bingert", und wartete auf die Weltrevolution. In diesem links-maoistisch-trotzkistischfrauenbewegten Gasthaus saßen zwischen saarländischen Pseudo-Revolutionären manchmal auch Berufspolitiker wie Joschka Fischer und Ottmar Schreiner, Oskar Lafontaine sowieso.

Im linksalternativen Humus des Viertels gedieh auch eine andere Subkultur: der Punkrock. Da der Saarländer gern feiert, gibt es neben dem Altstadtfest und dem Mainzer-Straßen- Fest natürlich auch das Nauwieser Fest. Und dort spielen dann nicht Volksmusikanten oder Muckerbands, sondern richtig harte Punkrocker.

Helge Jungfleisch ist einer der Protagonisten der Saarbrücker Punkrock- Szene und seit 1998 Bassist der Steakknife. Es war ein peinlicher Moment als wir uns trafen - ich, der ich mit meinem Punk-Faible gern hausieren gehe, musste zugeben, noch nie von seiner Gruppe gehört zu haben. Dabei hatte Steakknife in den Neunzigern mehr als respektable Erfolge vorzuweisen - volle Hallen und das gut verkaufte Album "Songs Men Have Died For".

"Meistens voll und weiblich"

Aber von Punkrock allein kann der Mensch nicht leben, und so machte Jungfleisch 1997 den "Karate Klub Meier" auf. Warum Karate Klub, warum Meier? - "Weil es ein bescheuerter Name ist. Etwas Besseres ist uns damals nicht eingefallen." Seitdem laufen in der Kneipe, um den bescheuerten Namen halbwegs zu begründen, Karatefilme, und dazu gibt es viel Punk auf die Ohren.

Vor elf Jahren eröffnete Jungfleisch dann noch das "Mono", schräg gegenüber vom "Bingert". In einem Internetkommentar las ich: "Das Mono ist meistens voll und weiblich." Nun, als ich mit Helge dort war, spielte Dortmund in der Champions League, und das "Mono" war eher übervoll und total männlich.

Helge ist auf jeden Fall einer derjenigen, die das Viertel geprägt haben. Denn durch das "Mono" hat sich an einer Kreuzung direkt am alten Schweinepfad eine Art Bermudadreieck etabliert: mit dem "Kurzen Eck" (auch eine Kneipe mit respektabler Punkrock-Vergangenheit), dem "Bingert", wo die Altlinken sitzen, und dem "Fleur de Bière" (wunderbarer Kneipenname, man ist eben sehr frankophil in Saarbrücken). Damit wurde die Nauwies etwa seit dem Jahr 2000 zu dem Ausgehviertel des Saarlands.

Inzwischen ist es hier so, dass sich freitags - im "Karate Klub" zum Beispiel - die Stammgäste zulaufen lassen. Am Samstag bleiben sie zu Hause, denn in einem gewissen Alter schaffen auch Punks nicht mehr als einen Abend. Deswegen sind am Samstag Touristen da, gern auch Besucher aus Lebach, einer Kleinstadt im Umland, die für Saarbrücker ungefähr dasselbe ist wie Pinneberg für Hamburg.

Angst vor den "Arschlochmagneten"

Ja, die Touristen, die gehen einigen hier ordentlich auf die Nerven - etwa Ralf Leis, der jedes Jahr Viertelvor herausbringt, ein hervorragendes Heft über den Stadtteil. An manchen Abenden sitzt er in seinem Stammlokal und denkt: "Da kommt wieder der Bus aus Lebach, die löten sich zu… muss das jetzt sein?" Der Viertler ist eben gern unter sich und seinesgleichen. Aber wer genau ist seinesgleichen? Wer wohnt eigentlich hier? Darauf hat Leis präzise Antworten, 2011 gab es in seinem Heft einen großen Überblick unter dem Titel "Zahlen bitte".

Und die sind deutlich: Das Viertel ist jung. Drei Fünftel der 5643 Viertler sind 18 bis 44 Jahre alt. Das Viertel ist deutsch, zwei Drittel der Bewohner haben keinen Migrationshintergrund.

Außerdem gibt es vier Fünftel Single- Haushalte, und über neunzig Prozent sind Kinderlose. Etwas vergröbert kann man sagen: Die Viertler sind junge, feierfreudige Menschen.

Alles gut? Mitnichten. Denn ganz genau weiß man nun doch nicht, wer zukünftig oder derzeit das Leben im Viertel bestimmt. Urplötzlich, diese Angst geht um, könnte aus dem kuschelig alternativen Vorzeigeviertel eine geleckte Ausgehmeile werden. So prägte vor wenigen Jahren der Saarbrücker Grünen- Politiker Thomas Brück über das Viertel den Spruch: "Wir wollen keine weiteren Arschlochmagneten." Danach gab es einige Aufregung, das kann man sich denken, aber auch jede Menge Zuspruch.

Wer genau sind die Arschlöcher? Wahrscheinlich gut verdienende Yuppies, die es schick finden, zu überteuerten Preisen hier Altbauwohnungen zu beziehen und damit alteingesessene Bewohner zu verdrängen. Und wer sind die "Arschlochmagneten"? Nun, da will keiner wörtlich zitiert werden, aber man vermutet, dass damit der ein oder andere coole Laden im Viertel gemeint ist, angeblich wurden in einem bestimmten Coffeeshop schon Cabrio- Fahrer mit weißen Slippern gesichtet.

Yuppies und Linksalternative

Doch ich glaube, die Gefahr ist gering, dass sich das Nauwieser Viertel in das Notting Hill von Saarbrücken verwandelt. Dafür ist es immer noch zu bunt und vielfältig. Es ist kein reines Ausgehviertel, sondern ein funktionierender Mikrokosmos mit alltagstauglichem Umfeld. Wenn man will, muss man sein Leben lang nicht raus aus dem Nauwieser Viertel. Babys und Kleinkinder lassen es sich im exzellenten "Familycafé" gut gehen, und den letzten Gang besorgt direkt gegenüber der Bestatter Hubert Laubach, dessen Familienbetrieb seit 1880 hier ansässig ist.

Das Problem dabei ist nur: Oft sind es die gleichen Leute wie vor zwanzig Jahren, die immer noch im Viertel wohnen. Nur sind alle nicht mehr ganz so linksalternativ und haben auch gern ein schönes Holzparkett und eine weiß getünchte Hausfassade. Aber ist es wirklich schon böse Gentrifizierung, wenn die ursprüngliche Klientel einfach älter und wohlhabender wird? Eher nicht. Man kann die Diskussionen um Arschlöcher und Nicht- Arschlöcher, um Touristen und Busse aus Lebach vielleicht so erklären: Das Nauwieser Viertel ist das Einerseits- Andererseits-Viertel.

Einerseits sind die Viertler stolz wie Bolle auf ihren saarländischen Kiez - andererseits wollen sie die Schönheit nicht teilen, zum Beispiel mit Lebachern. Einerseits freuen sich alle, dass die Häuser so hübsch herausgeputzt sind - andererseits motzt man über die Veränderungen. Einerseits schlägt das Herz links im Viertel - andererseits ist man schon sehr wertkonservativ.

Einerseits ist es toll, dass "Merian" dem Nauwieser Viertel eine eigene Geschichte widmet - andererseits ist es total doof, zu bekannt und dann Ziel von noch mehr Touristen zu werden. Einerseits, andererseits, diese Dialektik scheint das Schicksal des Nauwieser Viertels zu sein.

Aus dem "Merian"-Heft "Saarland", Februar 2012 

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