Selbstschutz-Workshop für Reisende Voll auf die Pratze

Was tun, wenn ein Täter Geld fordert, was, wenn er angreift? In einem Workshop lernen Reisende, sich zu wehren - mit allen Mitteln. Ein Selbstversuch.

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"Mein Ruf war mir wichtig, aber nicht mein Leben." Der Mann, der das sagt, steht in einem kleinen Trainingsraum in Hamburg. Detlef Romeike, 55, Brille, tätowierter Oberarm, rasierter Kopf, war Türsteher, Bodyguard, Physiotherapeut. Er weiß, wie man Menschen schützt. Und wie man sie verletzt. Heute bringt Romeike Reisenden bei, wie sie sich selbst wehren können. Und mir.

"Schützen", brüllt Romeike. Ich reiße die Arme hoch, bedecke den Kopf mit den Händen. Sechs Männer und Frauen prügeln mit Schlagpolster auf mich ein. Dann: "Schlagen!" Ausholen, selber auf die sogenannten Pratzen eindreschen. "Push!" Nicht wegschubsen lassen, stabil stehen. Die Befehle kommen in schneller Folge. Ich bin sehr konzentriert, fast wütend, aber nicht hilflos.

Wehrhaft will Romeike die Teilnehmer seines "Sicherheitstrainings für Globetrotter" machen - physisch und psychisch. Vor allem aber will er sie möglichst schon vor gefährlichen Situationen bewahren, in denen man "schützen!" oder "schlagen!", sich also körperlich wehren müsste. "Selbstverteidigung ist nicht kämpfen", sagt er. "Man sollte alles tun, um ein Kräftemessen zu vermeiden." Bevor wir daher mit den Pratzen üben dürfen, lernen wir viel über Prävention und Deeskalation.

Wie reagiert man etwa bei einem Raubüberfall? "Gebt Geld, Kamera, Autoschlüssel mit Freuden her", sagt der Trainer. Bei Provokation und Anmache? "Ignoriert Beschimpfungen und sexuelle Anspielungen, aber sagt frühzeitig und sehr klar, was ihr nicht wollt." Bei einem komischen Gefühl? "Vertraut eurer Intuition. Geht sofort aus der Situation raus." Aber wenn ein Angriff auf Leib und Leben kommt, "dann reagiert mit hundertprozentiger Intensität": Rennt, so schnell ihr könnt - schlagt, so stark ihr könnt.

Leib und Leben verteidigen musste ich nie

Der Trainer hat schon in seiner Kindheit in Hamburg viel eingesteckt - und später viel ausgeteilt: "Ich war verzweifelt und leicht provozierbar", sagt er. Wenn er sah, dass Schwächere litten, griff er ein, schnell und heftig. Er erzählt von seinen Jobs, von Knochenbrüchen und Messerverletzungen: Ein Gefahrensucher sei er gewesen. Irgendwann habe er festgestellt, dass er zu einem jener Menschen wurde, die er immer bekämpft hatte, und er begann, Gelassenheit zu üben.

Ich sitze auf einer der Matratzen, die den Boden des Raums bedecken, und lausche Detlef Romeikes Lebensgeschichte. Sie schockiert mich. Gewalt um der Gewalt willen habe ich in meinem Alltag nicht erfahren. Auf Reisen in aller Welt wurden mir Kameras, Rucksack, Interrail-Ticket und diverser Kleinkram geklaut. Mein Leben verteidigen musste ich nie, gegen sexuelle Belästigungen und jugendliche Räuber wehrte ich mich mit Brüllen. Es ist Zeit, die Abwehrkräfte zu stärken - das wollen alle, die hier im Kreis um den Trainer herum sitzen, darunter mehr Frauen als Männer.

"Ich möchte drei Monate mit Rad und Zelt durch Japan radeln", sagt Cordula, 33, eine zarte blonde Frau mit schwarzem St.-Pauli-Kapuzenpullover. "In manchen Situationen auf Reisen fühle ich mich unsicher, und bald wollen wir nach Südafrika", sagt Edgar, ein trainierter, drahtiger 63-Jähriger, der mit seiner Frau Helga aus Lübeck angereist ist.

"Ich möchte in Schweden wandern", "mich haben die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht zum Nachdenken gebracht", "ich bin schon mal in einer Disco geschlagen worden". So unterschiedlich die Gründe sind - die Motivation ist immer die gleiche: Niemand will sich in seinen Plänen einschränken lassen, ob auf dem Heimweg bei Nacht, einer Solotour in der Wildnis oder bei einem Städtetrip in Europa.

Selbstschutz ist eine Lebenseinstellung

Zwei Tage lang trainiere und lerne ich dafür, insgesamt 13 Stunden. Die wichtigste Regel: "Seid aufmerksam", sagt Romeike, "beobachtet eure Umgebung, mit allen Sinnen." Wer in der Bahn Ohrstöpsel trägt, wer liest oder träumt, nimmt seine Mitfahrer und eventuelle Gefahren nicht wahr. "Richtet euch auf!": Eine selbstbewusste Körperhaltung signalisiere, dass man kein leichtes Opfer ist.

Die zweite Regel: vorausschauend handeln. Wo stelle ich mein Auto ab, wie lange muss ich nachts an der Bushaltestelle warten - all das sollen wir mit gesundem Menschenverstand durchdenken und wissen, wie ein Täter denkt: Der wägt drei Dinge ab, sagt Romeike: "Bin ich überlegen? Kann ich mein Opfer überraschen? Ist es isoliert oder kann ich es isolieren?" Wenn der Gegner schon zur Tat entschlossen ist, hilft Reden nicht. Dann gilt es, schnell zu verschwinden - oder sich entschieden zu wehren: "Rein oder raus", nennt das der Trainer.

Nach der Theorie die Praxis an der Pratze: Edgar ist mein Sparringspartner, der 63-jährige Afrika-Reisende ist um einiges größer als ich. Ich schlage zu. Offene Hand, keine Faust, immer Richtung Kopf auf die Schlagpolster. Kniestoß, Kehlkopfgriff, Halsschläge und dann - in der Theorie - Beißen, Fingerbrechen und der Griff in die Hoden: "Zudrücken, drehen, ziehen", sagt Romeike. "Zudrücken, drehen, ziehen." Aus all diesen Verteidigungstechniken sollen wir uns eine aussuchen, die wir am ehesten umsetzen würden. Mir gefällt der Kniestoß in die Weichteile: nicht von unten, sondern von vorne, mit "hundertprozentiger Intensität".

Ob ich aber im Zweifel wirklich zuschlagen und jemanden verletzen würde? Ich bin mir unsicher, wie so einige der Frauen hier. "Wollt ihr es zulassen, dass jemand euch eure Zukunft nimmt?", fragt Romeike uns. "Dass sich euer Leben durch Vergewaltigung oder schwere Verletzungen ändert?" Meine Hausaufgabe ist, mich mit meinem Selbstwertgefühl auseinander zu setzen: "Wo sind meine Grenzen, die ich schützen will und werde?" Selbstschutz ist auch eine Lebenseinstellung.

"Lass dir deinen Traum nicht nehmen"

Lassen mich all diese Überlegungen nicht erst recht ängstlich werden, frage ich mich. Wo liegt die Grenze zwischen vernünftiger Eigensicherung und Ängstlichkeit? Seine Schüler würden umso entspannter, sagt Romeike, je besser sie wüssten, wie sie im Fall eines Angriffs reagieren sollten. Und dann wiederholt er ein Mantra, das ihn im Leben begleitet: "Du solltest achtsam sein - vor allem für das Schöne im Leben." Mit einer entspannten Aufmerksamkeit für das Positive bekomme man zwangsläufig auch das Negative mit - und kann einer Gefahrensituation vorbeugen.

Würde er vor so mancher Extremreise warnen? Nein, sagt Romeike, er rät vielmehr: "Stell dir vor, was das Schlimmste wäre, was passieren könnte, und überlege, wie du dich darauf vorbereiten kannst. Wenn dein Ziel dieses Risiko wert ist - dann tu es. Lass dir deinen Traum nicht nehmen."

Für ihren Traum Japan mit Rad fühlt Cordula sich nun auch mental gerüstet. "Ich weiß jetzt, dass ich aktiv werden und mich wehren kann", sagt sie, aufgekratzt und verschwitzt von der "Schützen! Schlagen! Push!"-Runde am Ende des Workshops. Auf ihrer Tour möchte sie auch wild zelten, jetzt fühlt sie sich sicherer. Ich bin von der Wirkung meiner Verteidigungstechniken nicht völlig überzeugt, werde künftig aber sehr viel mehr über Gefahrenvermeidung nachdenken.

Romeikes Sicherheitstipps für Reisende
Informieren
"Setzt euch mit der Kultur eures Urlaubslands und mit eventuellen Gefahren dort intensiv auseinander. Nur ein Ratschlag: In muslimischen Ländern etwa sprecht als Frauen nur Frauen und als Männer nur Männer an."
Codewort vereinbaren
"Seid ihr zu zweit oder als Gruppe unterwegs, vereinbart ein Codewort, falls einer von euch Gefahr wittert. Etwa 'rote Jacke'. Dann verlasst sofort die Situation, ohne Diskussion."
Tarngeldbörsen einstecken
"Nehmt auf Reisen eine oder sogar zwei Fake-Börsen mit. Mit etwas Geld, einer abgelaufenen Kreditkarte, einem imponierenden Ausweis. Im Falle eines Raubüberfalls rückt dieses Portemonnaie raus."
Mit einer Taschenlampe überraschen
"Nützlich kann eine kleine, stabile, sehr helle Taschenlampe sein, die mit einem Daumendruck angeschaltet werden kann. Damit kannst du den Angreifer blenden und mit ihr schlagen. Auch Trillerpfeifen oder ein Schlüsselalarm können für Überraschung sorgen."
Mit dem Handballen schlagen
"Nicht mit der Faust zuschlagen, die Verletzungsgefahr ist zu hoch. Immer mit der offenen Hand, am besten mit dem Handballen."
Keine Messer und Gaspistolen mitführen
"Waffen nützen nur dem, der damit geübt hat. Sie können im schlimmsten Fall gegen euch eingesetzt werden und zu besonders aggressiven Reaktionen führen. Das gilt für Reizspray, Schlagverstärker und vor allem für Messer. Ungeübte sollten nicht versuchen, sich mit einem Messer zu verteidigen - das hat wenig Aussicht auf Erfolg. Finger weg von Fake-Revolvern wie Gaspistolen!"


insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
mam71 19.04.2016
1.
So so, für Reisende? Reisende nach Köln vielleicht?
Zauderer 19.04.2016
2. Japan
Ein Selbstverteidigungskurs für eine Reise nach Japan - da wäre ich jetzt nicht unbedingt drauf gekommen. Nach meinen Erfahrungen mit Japanreisen brauchte man den Kurs eher für das Leben in Deutschland. Und in Südafrika ist die Chance ja recht groß, dass man erschossen wird, wenn man sich wehrt.
naklar261 19.04.2016
3. suedafrika...ok...japan...geldverschwendung
wer irgendwas in suedafrika vorhat dem mag solch ein kurs evtl. helfen ...minimal aber besser als nichts....wer aber nach Japan will der sollte sich das Geld sparen...
matthias_b. 19.04.2016
4. Schlimm
Sich wehren? Zurückschlagen? Doch nicht hier. Gewalt erzeugt Gegengewalt, und Gewalt beginnt erst, wenn sich das Opfer wehrt. Man muss doch Verständnis für den armen Räuber und Vergewaltiger haben. Er ist doch nur Opfer der Umstände. Und wehe, man haut zu doll zu bei der Selbstverteidigung, dann ist schnell der Notwehrexzessparagraph zur Stelle.
Alfons Emsig 19.04.2016
5. Noch ein Tipp für Cordula
Falls sie auch in Nordjapan unterwegs ist, sollte sie sich auch hierauf vorbereiten: http://www.japantimes.co.jp/community/2008/03/15/our-lives/the-lowdown-on-hokkaido-bears/
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