Foto: Claas Nagel

Skifahren nach fünf Jahren Pause Eine Melodie, die ich lange vermisst habe

Erst kam das Kind, dann Corona – und die Skier blieben im Keller. Ihre Leidenschaft für das Skifahren vergaß Stéphanie Souron aber nicht und lernt jetzt, die Hänge vor der Haustür zu schätzen.
Von Stéphanie Souron

Muggenbrunn schläft noch im Schatten seines Kirchturms, als oben am Franzosenlift das erste Sonnenlicht durch die Tannen glitzert. Es ist neun Uhr morgens, und die Skipiste liegt vor mir wie ein funkelnder Teppich. Ich stoße mich ab, mache zwei, drei Schlittschuhschritte – und setze zur ersten Kurve an.

Das schmatzende Geräusch der Kanten auf den frischen Spuren der Pistenraupe ist eine Melodie, die ich lange vermisst habe. Fünf Jahre stand ich nicht auf Skiern – erst kam das Kind, dann Corona. Doch an diesem Morgen fühlt es sich an, als hätte ich die Bretter nie abgeschnallt: Meine Ski gleiten mühelos durch den Pulverschnee und folgen meinem Rhythmus: Linkskurve, Gewicht verlagern, Rechtskurve. Große Schwünge, kleine Schwünge, Carvingschwünge.

So früh an einem Werktagmorgen gehört der Hang praktisch mir allein. Ich lasse mich von seinem sanften Gefälle ins Tal tragen. Als ich unten am Schlepplift abschwinge, feiern in meiner Brust Endorphine eine Party.

Die fünf Jahre kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass meine Bretter so lang im Keller verstauben würden. Sobald im Herbst die letzten Blätter von den Bäumen fallen, träume ich von tief verschneiten Bergen. Im Schlaf fahre ich dann über ungespurte Hänge und wedele über frisch präparierte Pisten.

Beim Aufwachen braucht es ein paar Minuten, bis ich kapiere, dass nicht die Gondel auf mich wartet, sondern ein Zoom-Meeting. Gegen diesen Hangover hilft eine Schüssel Porridge – der Haferschleim erinnert mich an das karge Frühstück in der Jugendherberge von Val-d’Isère.

Skigebiet Muggenbrunn: Vor 40 Jahren in Todtnauberg Skifahren gelernt

Skigebiet Muggenbrunn: Vor 40 Jahren in Todtnauberg Skifahren gelernt

Foto: Claas Nagel

In dem kleinen Skiort in den französischen Alpen habe ich meine schönsten Wintermärchen erlebt: Ein Jahr hatte es so viel geschneit, dass wir eine Woche lang durch knietiefen Neuschnee gefahren sind, ein anderes Mal habe ich in der Frühlingssonne auf feinstem Firn meine allererste Skitour gemacht. Und irgendwann bin ich in Val-d’Isère auch dem Freeriden verfallen.

Seit Corona drehen sich die Lifte nicht mehr verlässlich

Früher habe ich im Winter fast jede freie Urlaubsminute auf der Piste und im Gelände daneben verbracht. Jede Abfahrt hat die Kraft, mich in den Flow zu versetzen. An guten Tagen habe ich das Gefühl, mit dem Hang zu verschmelzen. Die Buckel und Hubbel sind dann keine Hindernisse mehr, sondern lassen mich abheben.

In den vergangenen Jahren bin ich allerdings am Boden geblieben: Mit dem Kind kam der Schlitten in mein Leben, und seit Corona in unsere Welt geschneit ist, drehen sich ja die Lifte längst nicht mehr so verlässlich wie früher.

Auch diesen Winter hatte ich das Skifahren fast schon abgeschrieben: Die Österreicher hatten kurz vor Weihnachten ihr Winterwonderland praktisch komplett abgeriegelt – und die Schweizer vermelden Infektionszahlen, die einen ähnlich schwindlig machen wie ein heißer Kakao mit Rum.

Ich habe die Alpen schmerzlich vermisst: das Bilderbuch-Panorama mit den spitzen, weißen Zacken, die tiefschwarzen Abfahrten – und nicht zuletzt das Käsefondue, das nirgendwo besser schmeckt als in einer Schweizer Berghütte. Doch dann kam der Schnee in den Schwarzwald, und jetzt stehe ich am Franzosenhang von Muggenbrunn, Gemeinde Todtnau, und bin glücklich. Ich bin zurück, stehe wieder auf den Brettern, und zwar nur ein paar Kilometer entfernt von dem Ort, an dem ich meinen ersten Auftritt im Skizirkus hatte: Vor 40 Jahren habe ich in Todtnauberg Skifahren gelernt.

Ich trug damals einem knallgrünen, viel zu engen Anzug, und meine Skier hatten weder Kanten noch Kurvenlage. Aber ich mochte schon damals die Ferien im Schnee: Man frühstückte in der Skihose, aß mittags Würstchen in der warmen Hütte, und zum Après-Ski gab es im Hotel ein Hallenbad mit Sprudeldüsen. Die Berge rund um Todtnauberg erschienen mir riesig, genau wie die Schwarzwälder Kirschtorten in der Vitrine des Dorfcafés.

Ich bin seitdem viele steile Hänge in Frankreich, Österreich und der Schweiz hinuntergefahren. Den Schwarzwald hatte ich fast vergessen. Doch im vergangenen Jahr hat es mich nach Freiburg verschlagen, und seitdem lerne ich das höchste deutsche Mittelgebirge aufs Neue schätzen: Im Sommer bin ich dort mit dem Mountainbike über Stock und Stein gehüpft, im Herbst erwanderte ich die Hügelspitzen. Und jetzt im Winter legt der Schwarzwald noch mal eine Kirsche obendrauf.

Plötzlich war der Schnee weg

Fast jedes zweite Dorf hier hat einen Schlepplift, der angeworfen wird, sobald es die Schneedecke zulässt. Klar, Muggenbrunn ist nicht Megève, der Franzosenhang nicht die Streif und der Feldberg nicht der Arlberg. Aber es ist gleich um die Ecke: Von Freiburg aus fährt man eine knappe halbe Stunde mit dem Auto, zu zahlreichen Skigebiete kann man mit Bus und Bahn anreisen.

Und wenn es über Nacht geschneit hat, gibt es den Standortvorteil: Am Dreikönigstag bin ich am Skilift an der »Kalten Herberge« zwei Stunden lang durch frischen Pulverschnee gepflügt. Und am nächsten Tag wieder. Dann noch mal. Auch am Schauinsland kann man Skifahren, ebenso am Notschrei, am Kandel, in Bernau, in Menzenschwand, am Haldenköpfle. Im Vergleich zum wintergrauen Hamburg, meinem letzten Wohnsitz, hat die kalte Jahreszeit hier unten ihren Namen wirklich noch verdient.

Doch wer weiß, wie lang das so bleibt. Das Umweltministerium Baden-Württembergs hat ausgerechnet, dass die Anzahl der Schneetage selbst in den höheren Lagen des Schwarzwaldes bis 2030 um fast ein Viertel zurückgehen wird, bis 2050 sogar um mehr als 40 Prozent.

Auch diesen Winter war der Schnee zwischen Weihnachten und Neujahr plötzlich weg. Nur in Skigebieten wie am Feldberg, wo Schneekanonen für Nachschub sorgen, konnten die Lifte über Weihnachten öffnen. Ohne Schnee aber kommen auch weniger Touristinnen und Touristen – und den Einheimischen in der strukturschwachen Region gehen Arbeitsplätze verloren. Corona hat die Lage weiter verschärft.

Auch Adrian Probst, 32, Bürgermeister der Gemeinde St. Blasien und stellvertretender Vorsitzender des Liftverbunds Feldberg macht sich Gedanken: Was geht in der Region noch, wenn Skifahren irgendwann nicht möglich sind? »In der Theorie gibt es viele Ideen von Kultur über Wandern bis Wellness. Aber in der Praxis müssen die Lifte laufen, sonst funktioniert die Wertschöpfungskette nicht«, sagt er. »Und da mangelt es an echten Alternativen.«

Also setzt er erst mal weiter auf den Schnee: Gerade hat er mit der Planung eines neuen, leistungsstarken Sessellifts begonnen, der in den kommenden fünf Jahren einen älteren ersetzen soll. 20, 30 Jahre könne man am Feldberg sicher noch Skifahren, prophezeit Probst. Und dann? »Weiter können wir das nicht seriös voraussagen.«

Es hatte ja alles mal so gut angefangen im Schwarzwald. An einem Februartag 1891 stapfte ein französischer Diplomat namens Robert Pilet mit einem Paar Ski, die er als Souvenir aus Skandinavien mitgebracht hatte, den Feldberg hinauf. Als er mit seinen »norwegischen Schneeschuhen« den 1493 Meter hohen Gipfel erreicht hatte, fuhr auf den Skiern wieder hinab.

Als er zum Abendessen im »Feldberger Hof« einkehrte, wurde er von den Einheimischen angeschaut wie ein Yeti. Doch nach ein paar Kirschwassern reicht man ihm das Gästebuch – und im Winter danach bauten die Bauern und Tischler ihre eigenen Holzlatten. Seitdem erzählt man sich in der Region gern, der mitteleuropäische Skisport sei im Schwarzwald erfunden worden.

Sauna und Sahnetorte nach dem Skifahren

Schön ist es hier oben. Wenn überhaupt, laufen die Alpenhits beim Après-Ski nur auf Zimmerlautstärke. Dafür kann man vielerorts noch mit Punktekarten liften und für zehn Euro üppige Portionen hausgemachte Käsknöpfle essen. Das Skifahrer-Soulfood, auch wenn er nicht das Käsefondue auf der Schweizer Berghütte ersetzen kann.

Und man kommt auch auf halber Höhe hoch hinaus: Im Skigebiet Muggenbrunn nimmt man dafür den Winkellift, der Ausstieg liegt auf 1243 Metern. Die Aussicht dort ist ziemlich Top of Blackforest: Wie die Bäuche von schlafenden Riesen liegen die Berge in der Landschaft, und am Horizont stechen die Alpen in den Himmel.

Es ist kurz vor 16 Uhr, ich fahre noch eine Runde am Winkellift. Eigentlich wollte ich es langsam angehen lassen nach der langen Pause. Aber wer lange nicht auf Skiern stand, schnallt sie ungern wieder ab. Das sah auch meine Orthopädin so, die ich kurz vor dem Skiausflug noch wegen eines Zwickens am Bein aufsuchte. Sie fährt selbst seit Ewigkeiten Ski, arbeitet im Winter praxisnah am Feldberg und prophezeite mir: »Sie werden vor lauter Glückshormonen das Zwicken gar nicht mehr spüren.« Sie hatte recht.

Also noch mal hoch mit dem Winkellift. Die Panorama-Abfahrt ist nicht lang, dafür gibt es am Lift auch keine Warteschlangen. Man fährt, liftet, fährt, liftet, fährt. Um 16.30 Uhr bin ich dann so k.o., dass ich mich auf ein Stück Sahnetorte und die Sauna im Hotel freue.

Als ich meine Ski schultere, spüre ich die Müdigkeit des Skitages. Auch an meinen Skiern sind die Abfahrten nicht spurlos vorübergegangen: Der Belag des linken Skis hat eine tiefe Kerbe davongetragen. Ich könnte das Loch zu Hause flicken. Aber ich glaube, ich lasse es einfach am Ski – als Souvenir für mein Comeback im Schnee.

Stephanie Souron ist freie Autorin des SPIEGEL. Die Recherche wurde unterstützt von Schwarzwald Tourismus.