100 Jahre Hamburger Stadtpark Der schöne Nachbar

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Der Hamburger Stadtpark ist auch nur ein Park. Aber es ist der Park vor meiner Haustür - und er feiert in diesem Jahr, am 1. Juli, seinen 100. Geburtstag. Anlass für ein Ständchen.

Manche sagen, der Hamburger Stadtpark sei langweilig, nichts Besonderes, geradezu gewöhnlich. Ein Besuch? Lohnt sich nicht: "Wir gehen lieber an die Alster." Die Alster ist auch schön, denke ich dann. Aber der Stadtpark muss sich nicht verstecken, auch wenn viele Reiseführer lieber Alster, Elbe, Planten und Blomen preisen. Und er hat einen entscheidenden Vorteil: Er liegt direkt vor meiner Haustür.

Es ist noch nicht lange her, da bin ich durch Zufall in seine Nähe gezogen. Der Park war mir egal. Ich kannte ihn schon, vom Grillen auf der großen Festwiese und von Konzerten auf der Freilichtbühne, denen ich mangels Ticket allerdings beim Picknick davor lauschte. Und auch das Planetarium in dem ehemaligen Wasserturm, der so hoch aus den dichten Baumkronen aufragt, hatte ich schon besucht.

Wir waren also flüchtige Bekannte damals, der Stadtpark und ich. Ich konnte ihn gut leiden, meinte aber alles zu wissen, was ich wissen müsste. Nach meinem Umzug sahen wir uns häufiger, und wie das manchmal so ist mit Nachbarn: Wir kamen uns näher. Heute kann ich mir ein Leben ohne ihn kaum noch vorstellen.

Ein Moment puren Glücks

Ich mag ihn tagsüber, wenn Stimmengewirr und Würstchenduft in der Luft liegen. Und ich mag ihn abends, wenn in dem Biergarten, der nach Fritz Schumacher, einem der Stadtpark-Planer, benannt ist, die Krüge klirren, und die Gäste den Tag beim Blick über das Wasser des Stadtparksees samt Schwimmbad ausklingen lassen. Aber am liebsten besuche ich ihn morgens.

Wenn ich es geschafft habe, mich frühzeitig aus dem Bett und in die Laufklamotten zu zwingen und dann auf einmal im Grünen stehe, mitten in der Großstadt und doch ganz weit weg von allem, ist das ein Moment puren Glücks.

Das Wasser auf dem Modellbootteich am Südostende des Parks ist dann noch ganz sich selbst überlassen, ohne die schnittigen Minijachten und Motorbötchen, die hier bei schönem Wetter und unter dem Jauchzen kleiner Kinder ihre Runden drehen. Auf den kleinen Wellen im Schwimmbad, das nur mit einer flachen Mauer vom Rest des Stadtparksees abgeteilt ist, schaukeln höchstens ein paar Enten, wenn sie nicht doch noch am Rand dösen, das Köpfchen unter einem Flügel versteckt.

Morgens gehört der Park den Tieren

Wenn meine Schuhe so früh auf den sandigen Wege knirschen, begegnen mir nur vereinzelt Läufer und ein paar Hundebesitzer. Einige Radfahrer eilen zur Arbeit, Parkarbeiter fahren in kleinen Gefährten umher. Die vielen Ruderer, Kanuten und Stand-up-Paddler, die den Stadtparksee für eine Rast mit Aussicht nutzen, kommen erst später.

Trubel herrscht trotzdem: Eichhörnchen jagen einander durch die Baumkronen. Kaninchen hoppeln in Scharen über den Rasen. Die Vögel übertönen mit ihrem Zwitschern den in der Ferne rauschenden Großstadtlärm. Und die große Wiese, auf der sich an Sommerwochenenden Grills an Picknickdecken und improvisierte Fußballfelder reihen, ist übersät von Krähen, die nach einer schmackhaften Mahlzeit suchen.

Morgens gehört der Park noch ganz den Tieren und der Natur. Wenn ich an ihnen vorbeilaufe und an all den Bäumen, die teils Jahrzehnte alt sind oder fast schon ein Jahrhundert, so wie die Anlage selbst, fühle ich mich winzig. Ich bin dann nur ein kleines Puzzleteil in dem großen, sich ständig ändernden Wimmelbild der Natur.

Wer also sagt, der Stadtpark sei langweilig, nichts Besonderes, geradezu gewöhnlich, hat ihn vielleicht einfach noch nicht richtig kennengelernt. Oder weiß das Besondere am Gewöhnlichen zu wenig zu schätzen.



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10 Leserkommentare
brandoline 01.07.2014
alsterdorfkater 01.07.2014
top601 01.07.2014
berghamburg 01.07.2014
cogite et dice 01.07.2014
nada14 01.07.2014
spiv 01.07.2014
frankyartist 01.07.2014
frankyartist 01.07.2014
trulla 01.07.2014

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