Stand-up-Paddeln auf dem Tegernsee In den See stechen

Übers Wasser laufen können nur Auserwählte, sich aufrecht über das Wasser schieben kann jeder: Stehpaddeln macht Spaß - und für diesen Brettsport braucht man weder Wind, Wellen noch übermäßig Muckis. Ein Selbstversuch.

Sailingcenter Tegernsee

Von Martin Cyris


"Mit dir kann man gleich aufs Wasser", urteilt Nina nach einer kurzen Musterung meiner Gestalt und meiner offenbar arttypischen und evolutionsgerechten Körperhaltung. Oha, die Frau kommt gleich zur Sache. Ohne Umschweife drückt sie mir ein Paddel in die Hand. "Die Trockenübungen fallen heute aus", sagt sie.

Nina will, dass ich gleich den Sprung ins kalte Wasser wage. Freilich nur im übertragenen Sinne. Denn beim Stehpaddeln will man möglichst auf dem Brett bleiben. Die zuweilen alpenfrischen Temperaturen des oberbayerischen Tegernsees wirken durchaus motivierend aufs Stehvermögen.

Stehpaddeln? Weil es aus den USA kommt, auch Stand-up-Paddleboarding oder Stand-up-Paddling genannt. Oder auf Denglisch: Stand-up-Paddeln. Kürzer aber nicht weniger verquer: SUPen.

Die tun's ja im Stehen und nicht im Sitzen! Das mag sich manch einer denken, wenn er zum ersten Mal einen Stehpaddler an sich vorbeigleiten sieht. Auf einem Brett, das etwas klobiger als ein Surfboard ist - da grinst der Profi und staunt der Laie. Erst recht, wenn das Stehpaddeln in ein neues Habitat eindringt. Etwa auf den Tegernsee: Umrahmt vom formschönen Wallberg, barocken Zwiebelkirchtürmen und den zwei Spitzgiebeln eines bekannten Brauhauses im Uferörtchen Tegernsee.

Gemütlich wie eine bayerische Brotzeit

Auf der gegenüberliegenden Seite, in Bad Wiessee, erwartet mich ein Anfängerkurs im Stehpaddeln. Und Nina. Als zertifizierte SUP-Instruktorin zeigt sie Anfängern, wie man in den See sticht, ohne ins Wasser zu plumpsen.

"Stehpaddeln ist wie Spazierengehen auf dem Wasser", sagt Nina aufmunternd. Doch das Ganze sieht einfacher aus, als es zunächst ist. Die Boards verfügen zwar über eine gewisse Stabilität, und der Tegernsee hat meistens die Ruhe weg. Windstärken und Wellen sind in der Regel gemütlich wie eine bayerische Brotzeit. Dennoch: Anfangs fühle ich mich, als stünde ich auf der Oberfläche eines Wackelpuddings.

Mein Gleichgewichtsorgan läuft auf Hochtouren und sendet unaufhörlich Impulse an die Muskulatur: Wackelige Unterlage! Bitte ausgleichen! Meine Schenkel zittern, und meine Performance steht buchstäblich auf der Kippe. Das Spazierengehen auf dem Wasser ist eben anfangs kein Spaziergang.

Bilder aus längst vergangenen Fernsehtagen schießen mir in den Kopf: "Spiel ohne Grenzen" hieß die Sendung aus den siebziger Jahren. Worum es genau ging, weiß ich nicht mehr. Außer dass die Teilnehmer der Spielshow oftmals über wacklige Stege balancieren mussten - und ständig irgendeiner ins Wasser klatschte. TV-Urgesteine wie Frank Elstner und Heribert Faßbender kommentierten die Malheure.

Wer will das schon? Ich will jedenfalls oben bleiben. Um mir den virtuellen Kommentar von Onkel Heribert zu ersparen, beziehungsweise die Blöße vor Nina. Jedenfalls will ich nicht als SUP-Kasper dastehen. Sie schlägt eine Spritztour zur nächsten Bucht vor. Mit abwechselnden Schlägen. Links, rechts, links, rechts. "Immer schön durchziehen", ruft sie.

J-Schlag versus Ja-Wort

Kleine Zwischenbilanz nach rund 20 Minuten: Ich bin standhaft geblieben, fühle mich etwas sicherer auf dem Brett und in die Schläge hat sich ein gewisser Rhythmus eingeschlichen. Es beginnt, Spaß zu machen. Da erhöht Nina die Schlagzahl: Zeit für den sogenannten J-Schlag. Einen einseitigen Paddelschlag wie beim Kanadierpaddeln. Er ermöglicht das Geradeausfahren, ohne mit dem Paddel ständig die Seiten wechseln zu müssen.

Im Hintergrund johlt eine Horde junger Männer in Anzügen, in ihrer Mitte ein Kasten Bier. Das Holzhaus, in dem das SUP- und Sailingcenter untergebracht ist, dient auch als Location für Hochzeitsgesellschaften. Während die Gäste das J(a)-Wort feiern, übe ich fleißig den J-Schlag. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie die Hochzeitskapelle eintrifft.

Die Mannsbilder, ihre Bäuche in derbe Krachlederne gezwängt, schleppen Tuba und Pauke in den Saal. Ich gebe unterdessen weiter den Stehgeiger und "spaziere" mit meiner Instruktorin gemächlich an Schilfbewuchs und einem malerischen Bootshaus vorbei. Stehpaddeln auf dem flachen Wasser ist für Otto Normalpaddler eine gemächliche Angelegenheit. Bis die erste Welle kommt. Ausgelöst von einem Schiff der ehrwürdigen Tegernsee Schifffahrt.

Die Wellen sind vergleichsweise winzig. Doch sie bringen mich aus dem Rhythmus. Und fast aus dem Gleichgewicht. Meine Muskulatur hat einiges zu tun, um die Störung auszugleichen. Prompt handele ich mir einen Krampf im rechten Fuß ein. "Im hochdeutschen oder im süddeutschen Fuß?", fragt Nina keck. "Im hochdeutschen", entgegne ich gequält.

Zur Erklärung: In einigen Gegenden Süddeutschlands beschreibt der Begriff "Fuß" das gesamte Bein - vom Oberschenkel bis zur Fußsohle. Das Fußballerzitat "Ich hab 'ne Oberschenkelzerrung im linken Fuß" von Ex-Nationalspieler Guido Buchwald, einem Schwaben, ist daher genau genommen gar nicht so skurril, wie es zunächst scheint.

Julia Roberts auf dem Board

Andere altgediente Kicker haben das Stehpaddeln bereits als perfektes Ausgleichsworkout entdeckt: DFB-Manager Oliver Bierhoff und Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann wurden gelegentlich paddelnderweise auf dem Starnberger See gesichtet. Doch vor allem Hollywood-Berühmtheiten brachten das Stehpaddeln ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Paparazzi-Fotos von Cameron Diaz, Julia Roberts oder Pierce Brosnan auf SUP-Boards gingen vor zwei, drei Jahren um die Welt. "Das hat der Sache einen Schub gegeben", sagt Stephan Eder vom Sailingcenter in Bad Wiessee.

Eingeschworene Gemeinden paddeln auf Nord- und Ostsee, durch die Kanäle der Hafencity in Hamburg, über die Spree in Berlin, auf dem Bodensee und manch oberbayerischem See. Man braucht keine blonde Surfermähne, keine Hawaii-Bräune oder ein Sixpack, um auf dem Brett Spaß zu haben. Theoretisch funktioniert es auch mit blassem Bierbauch, der Krachledernen und einer Tuba auf dem Brett. Und man braucht weder Wind noch Wellen, um vorwärts zu kommen. SUP-Verrückte machen sogar Yoga auf dem Brett oder fahren mit dem Hund Gassi.

Ob Herrchen oder Frauchen, gesund ist das Stehpaddeln ohnehin. Es beansprucht weitaus mehr Muskelgruppen als etwa das Kajakfahren. Trotzdem blieb in Deutschland der ganz große Boom bislang aus. Doch in diesem Sommer soll endlich der Durchbruch gelingen. Helfen sollen auch neu entwickelte, leichte, aufblasbare Boards. Sie sind bedienfreundlicher, überall einsetzbar und bieten deutlich mehr Stabilität als ihre Vorgänger.

"Die Qualität der Boards hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert", sagt Eder. Sie tragen einen überall hin. Und sie tragen alles. Rein theoretisch sogar schwergewichtige bayerische Tubabläser.

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mmusikantin 26.07.2012
1. Was für ein alter Hut
das haben wir früher immer gemacht, wenn der Wind zu lau zum Surfen war und man trotzdem aufs Wasser wollte. Aber, zugegeben, sooo einen "schönen" und verkaufsträchtigen Namen hatten wir nicht dafür
Rheinwein, 26.07.2012
2. Mein Tipp: Deutschland für Anfänger!
Die Dummbacken-Bespaßung mit immer neuen Kinderspielzeugen wird auch durch Beimischung der Denglisch-Krankheit nicht erträglicher. Seitdem den Ballermännern das Taschengeld für "Ferienflieger" fehlt, verseucht das infantile Spiel ohne Grenzen jetzt auch die guten alten Ferienorte in Deutschland. Der zum Glück wolkenverwöhnte deutsche Regenhimmel möge Bayern vor mediterranen Bettenburgen und Sylt vor Last-Minute-All-Inclusive-Belustigungen verschonen! Tatsache ist: Genießer, auch aus dem viel zu heißen Ausland, haben in den deutschen Kulturlandschaften längst das pure Gegenteil entdeckt: Die gesunde alte "Sommerfrische"! Mein Tipp an den "arttypischen" Autor mit der "evolutionsgerechten Körperhaltung": Versuchen Sie's mal mit einer Wattwanderung an (in) der Nordsee. "Evolutionsgerechter" Denksport inklusive, weil: Wenn Sie sich bei der Ausübung der aufrechten Gangart zwischen Ebbe und Flut verrechnen, hilft Ihnen auch kein Paddelbrett... Wem das zu sportlich ist, der kann dort immer noch Radwandern oder den feriengerechten Müßiggang entdecken. "Deutschland für Anfänger!" Dabei ist noch keiner ertrunken. ;-))
varesino 26.07.2012
3. Was kommt als naechstes?
Uns geht es zu gut. Jeder Bloedsinn wird zum Trend aufgebauscht und vermarktet. Es wurde schon immer mit Boards gepaddelt, es war immer ein Behelf im Vergleich zu einem richtigen Kajak, oder Kanu. "zertifizierte SUP-Instructorin", was fuer ein Konstrukt. Psst, hier kommt der naechste Trend, "Lay down & float, oder hinlegen & treiben lassen.". Man legt sich auf ein Brett, doest vor sich hin und laesst sich treiben. Instruktoren, muessen ein 2-woechiges Schlaf-Labor absolvieren. Gruss Varesino
Smith 26.07.2012
4. SUP und USA
Bitte richtig recherchieren, SUP kommt nicht aus den USA. Hawaii hat den Sport populär gemacht, seine Ursprünge hat er aber in Polynesien
rokokokokotte 26.07.2012
5. In...
Zitat von sysopSailingcenter TegernseeÜbers Wasser laufen können nur Auserwählte, sich aufrecht über das Wasser schieben kann jeder: Stehpaddeln macht Spaß - und für diesen Brettsport braucht man weder Wind, Wellen noch übermäßig Muckis. Ein Selbstversuch. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,846136,00.html
...Venedig wird dieser stunt seit Generationen ausgeübt. Die Protagonisten nennen sich Gondolieri. Die Nummer hierzulande sieht einfach nur grottendoof, ja, megapeinlich aus. Irgendwie wie Rollschuhlaufen über Bahnschwellen oder sommerlicher Skilanglauf ohne Brettl.LOL! Ok! Cui bono? ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.