Weltmeister John Rapaglia demonstriert, wie man richtig ditscht
Weltmeister John Rapaglia demonstriert, wie man richtig ditscht
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Frank Peter / DER SPIEGEL

Steine, die übers Meer hüpfen Was ist Ihr Ditsch-Geheimnis, Mister Rapaglia?

Es sieht kinderleicht aus. Aber leider ist es gar nicht so einfach, Steine übers Wasser hüpfen zu lassen. Mal probiert? John Rapaglia schafft das bis zu 30-mal. Ein Anruf beim Ditsch-Profi.
Von Julia Stanek

Für den in Kiel lebenden US-Amerikaner John Rapaglia gibt es nichts Entspannenderes, als mit dem Rad an einen Ort zu fahren, an dem er Steine übers Wasser hüpfen lassen kann – etwas, das er wirklich gut beherrscht. Zweimal schon gewann er die »Ditsch-Weltmeisterschaft« , die eine norddeutsche Tourismusagentur seit ein paar Jahren ausrichtet.

SPIEGEL: Mister Rapaglia, nach zwei Jahren Pandemiepause findet zum Ende der Badesaison in der Eckernförder Bucht wieder die Ditsch-Weltmeisterschaft statt. Bei vergangenen Turnieren haben Sie zweimal als Sieger abgeschnitten. Üben Sie schon?

Rapaglia: Natürlich bereite ich mich auch dieses Jahr wieder darauf vor. Schon das Trainieren macht richtig Spaß – und darum geht's ja bei dem Wettbewerb.

SPIEGEL: Einen Stein so aufs Meer zu werfen, dass er die Wasseroberfläche berührt, wieder abhebt, erneut das Meer touchiert, weiterfliegt, und so weiter – das ist gar nicht so einfach. Wie geht das?

Rapaglia: Um richtig gut zu sein, braucht man einen starken Wurfarm. Außerdem ist der Wurfwinkel wichtig. Wenn man von oben wirft, bringt das zwar Schnelligkeit, aber Tempo allein hilft dir beim Steine-Ditschen nicht. Es kommt darauf an, wie man wirft.

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SPIEGEL: Was ist denn eine gute Technik?

Rapaglia: Für den Arm gilt: Er sollte im 90-Grad-Winkel zum Körper positioniert, also seitlich ausgestreckt sein. In der Bewegung muss er mehr oder weniger parallel zum Wasser bleiben, um dem Stein die richtige Richtung zu geben.

SPIEGEL: Kommt es nicht auch sehr auf die Steine an?

Rapaglia: Oh ja! Die müssen unbedingt rund und flach sein – nur mit solchen kann man es schaffen, dass sie ein bisschen mit dem Wind segeln. Sie brauchen aber auch etwas Gewicht, dürfen nicht zu leicht sein – und auch nicht zu flach. Schiefer zum Beispiel ist in der Regel zu dünn und zu leicht, das funktioniert nicht.

SPIEGEL: Wie groß sollten die Steine sein?

Rapaglia: Das hängt davon ab, wie groß deine Hand ist und wie stark du bist. Leute mit einem schwächeren Wurfarm sollten Steine nehmen, die nicht größer als vier bis fünf Zentimeter im Durchmesser und etwa 0,8 Zentimeter hoch sind. Wer etwas mehr Kraft und größere Hände hat, kann zu Exemplaren von rund acht, neun Zentimetern Durchmesser greifen, bei einem Zentimeter Höhe.

SPIEGEL: Und wenn man all das berücksichtigt, dann klappt’s mit einem Angeberwurf am Strand?

Rapaglia: Es gibt noch ein Problem: Nennen wir es das Ditsch-Paradoxon.

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SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Rapaglia: Die Strände, an denen sich brauchbare Steine finden lassen, eignen sich oft nicht zum Ditschen. Das Wasser ist dort meist nicht ruhig genug – und bei Wellen hast du einfach keine Chance! Vielleicht schafft man dann einen oder zwei Hüpfer, aber nicht 13 oder 14 – damit habe ich zweimal die Ditsch-WM gewonnen. Die besten Fundstücke liegen in der Regel an Steinstränden mit ordentlich Wellengang. Die aber gibt es in Deutschland nicht. Das ist das größte Problem beim Ditschen.

SPIEGEL: Woher nehmen Sie dann Ihr Ditsch-Material?

Rapaglia: Ich sammle es vorher. Die besten Steine habe ich in Irland gefunden. Hier in Deutschland gibt es auch brauchbares Material – nur eben nicht zwangsläufig an jedem beliebigen Ostseestrand. Ich habe schon tolle Steine in der Kieler Förde gefunden, in der Nähe des Bülker Leuchtturms. Und übrigens auch auf Baustellen. Gute Steine kann man überall finden, aber man muss schon suchen.

SPIEGEL: Klingt wie der komplizierte Teil am Ditschen. Verraten Sie uns Ihre Geheimreviere, an die Sie Ihr Material schleppen?

Rapaglia: Am besten ist es, wenn eine Wasserstelle nur zwischen 100 und 500 Meter breit ist, dann hat man meist kaum Wellen. Ich gehe zum Beispiel gern an Binnengewässer, die gibt es in Schleswig-Holstein zuhauf, zum Beispiel den Bistensee oder den Wittensee. Auch in Städten gibt es solche Orte – in Kiel etwa einen kleinen Teich im Schrevenpark. Auch dort findet man meist einen perfekten, ruhigen Wasserspiegel. Und der ist superwichtig!

SPIEGEL: Die Ditsch-WM jedoch findet in der Eckernförder Bucht statt, also am Meer – ist das nicht ungeschickt?

Rapaglia: Es stürmt ja auch an der Ostsee meist nicht allzu sehr. Und an vielen Abschnitten gibt es Molen, die in der Regel auch für weniger Wellen sorgen. Das sind dann gute Orte zum Ditschen.

SPIEGEL: Wie viele Hüpfer schaffen Sie eigentlich?

Rapaglia: Mein Maximum war um die 30 Ditscher. Ich bringe aber auch etwas Übung mit. Ich bin in den USA aufgewachsen und habe dort Baseball gespielt, ich war Pitcher.

SPIEGEL: Das ist die Position, die demjenigen mit dem Baseball-Schläger den Ball zuwirft.

Rapaglia: Ja. Und im Grunde besteht zwischen dem Steine-Ditschen und dem Pitchen beim Baseball technisch eine gewisse Ähnlichkeit. Außerdem hatte ich schon als Kind immer großen Spaß daran, Steine zu sammeln und sie zu werfen – ich war schon als Siebenjähriger gut darin. Ich bin in Rye aufgewachsen, einem Vorort von New York City, der am Long Island Sound liegt.

SPIEGEL: Der Meeresarm zwischen der Halbinsel Long Island und den Bundesstaaten New York und Connecticut.

Rapaglia: Genau. Landschaftlich ist das ähnlich schön wie die Ostseeküste. Die Luft riecht nur anders, der Salzgehalt der Ostsee ist niedriger als im Long Island Sound. Das Wasser dort ist salziger, eher wie Ozeanwasser.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sind es die Erinnerungen an die Kindheit, warum Sie auch heute noch so oft Ditschen gehen? Oder was mögen Sie daran?

Rapaglia: Es hat auf alle Fälle etwas sehr Beruhigendes. Man hält sich an einem schönen Ort auf – am Wasser, vielleicht an einem grünen Ufer. Es ist wie Meditation. Zugleich will ich aber auch noch besser werden.

SPIEGEL: Manche Menschen wären schon froh, wenn sie auch nur einen einzigen Steinhüpfer schafften.

Rapaglia: Mag sein. Aber jeder kann Steine-Ditschen lernen! Davon bin ich überzeugt.

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