Strände des Ruhrgebiets Palmen im Pott

Warum um die halbe Welt fliegen, um den perfekten Strand zu finden? Das Ruhrgebiet hat doch auch jede Menge Sand an Flüssen und Seen zu bieten. Lara Fritzsche ging auf die Suche nach echtem Karibikfeeling im Pott - und fand es in Bochum-Querenburg. Zumindest ein bisschen.
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Strandleben im Pott: Schönen Ruhrlaub!

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Hinter den Blättern einer Palme kann ich das Blau des Himmels erahnen. Mein Kopf ruht im Schatten der südländischen Pflanze, während die Sonne den Rest meines Körpers erhitzt. Auf meiner Haut kleben Sandkörner, aufgewirbelt vom Wind. Meine Fersen liegen im Wasser. Eine Welle plätschert bis zu den Waden hinauf. Eine Böe weht den Geruch von Rum herüber, in der Ferne summen Meerjungfrauen. Ist das ein Traumstrand oder ist es die Wirklichkeit?

Noch am Morgen desselben Tages sieht es nicht danach aus, als würde ich den gesuchten Ort am Wasser finden. In meiner Jugendherberge sind die Zimmer klein und die Wände dünn wie die Matratzen der Betten - ganz so wie in der Romanvorlage für meinen Trip, "The Beach". In dem Bestseller von Alex Garland, der mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt wurde, beginnt der Held Richard sein Abenteuer in einer billigen Absteige in Bangkok. Er trifft dort einen betrunkenen Schotten namens Duffy Duck. Dieser befestigt eine Karte an Richards Tür. Darauf verzeichnet: der schönste Strand der Welt.

Meine Expedition beginnt weniger märchenhaft. Ich fahnde nicht in der Ferne nach meinem Traumstrand, sondern ganz in der Nähe, im Ruhrgebiet. Um ein paradiesisches Badeplätzchen zu finden, nehmen die meisten Menschen ungeheure Strapazen auf sich. Manche setzen sich freiwillig 20 Stunden in ein Flugzeug, riskieren eine Thrombose und laufen Gefahr, von schnarchenden Nachbarn eingequetscht zu werden. Ich dagegen verfahre bodenständig, nehme die Autobahn A 3 von Köln nach Essen und suche den schönsten Strand im Revier. "Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah." Wusste schon Goethe.

Strand-Feeling auf dem Hochhausdach

Sand in deutschen Großstädten gibt es längst wie am Meer. 2002 eröffnete in Berlin die Strandbar Mitte. Ausgerechnet beim Vorreiter an der Spree, gegenüber dem Bode-Museum, wurde das Ufer zwar inzwischen gepflastert. Trotzdem bietet die Hauptstadt noch rund 20 Bars mit Sand, Palmen und Zitronenbäumchen. In Köln, Dortmund und Stuttgart nehmen Besucher ihre Drinks sogar auf Hochhausdächern - ihr Blick schweift dann übers Häusermeer, während sie mit den Füßen im Sand scharren. Die Idee, den Städtern die gelbe Pracht aufs Dach oder vor die Haustür zu kippen, ist zwischen Duisburg, Unna, Haltern und Hattingen sehr populär.

Die Region eignet sich besonders gut für Sandkastenspiele. Sie wird durchzogen von Flüssen wie Rhein, Ruhr, Emscher, Lippe und von Kanälen wie dem Rhein-Herne-, Wesel-Datteln-oder Dortmund-Ems-Kanal. Dazu kommen mehr als 20 Badeseen, die meisten davon künstlich aufgestaut. Seit dem Rückgang der Schwerindustrie ist das größte deutsche Ballungsgebiet nicht mehr grau, sondern blau.

Die Reise an die Riviera des Westens beginnt im Frühstückssaal meiner Herberge in Essen. An Nachbartischen kauen Kinder und ihre Eltern Brötchen mit Marmelade. Ihre Gespräche kreisen um Ausflüge ins Centro nach Oberhausen, in den Duisburger Zoo oder zur Zeche Zollverein. Den Weg zum Strand kennt niemand. Statt eine Schatzkarte zu entziffern, nehme ich meinen Straßenatlas zur Hand und fahre 20 Minuten bis zum Baldeneysee. Dort haben die Betreiber des Clubs Seaside Beach 5000 Tonnen Quarzsand und 100 Palmen angekarrt, um auf 65.000 Quadratmeter Fläche ein Stück Karibik ins Ruhrgebiet zu verpflanzen. Die Installation ist ein Erfolg.

Nur wenn ich genau hinsehe und die dunkelgrünen Wälder einordne, die leuchtenden Wiesen oder das Ausflugsboot mit den älteren Herrschaften und ihren Sonnenhüten, wird klar: Hier herrscht ein gemäßigtes Klima vor. Der Sirenengesang ist mit elektronischer Musik unterlegt; er kommt aus Lautsprechern. Den Rumgeruch verdanke ich einer kontaktfreudigen Männerrunde in den Nachbarliegestühlen.

Eine andere Besucherin, Danyang Yu, 28, entspannt unter einem weißen Sonnensegel auf einer gepolsterten Liege, ihren Kopf hat sie auf ein feuchtes Handtuch gebettet. "Ich bin zum ersten Mal hier, es ist superschön, aber dass man nicht ins Wasser darf, stört mich schon. Baden gehört doch zum Strand dazu", sagt sie. Baden verboten? Die Vorstellung, den Sand nicht im Wasser loswerden zu dürfen, klingt wenig paradiesisch. Schuld daran ist der rege Boots-, Surf-und Kanuverkehr vor dem Seaside Beach. Ein Makel, der ihn als Traumstrand dann doch disqualifiziert.

Eis, Pommes und schreiende Kinder

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Strandleben im Pott: Schönen Ruhrlaub!

Foto: Dirk Krüll

Die Suche geht also weiter und führt nach Mülheim an der Ruhr, einem Ort, der den Fluss schon im Namen trägt. Im Ortsteil Styrum liegt das 2006 eröffnete Naturbad mit großen Schwimmbecken, die gefüllt sind mit ökologisch aufbereitetem Wasser ohne Chlorzusatz. Grünlich leuchtet die Oberfläche in der Sonne. Daneben steht ein rot-weiß gestreifter Bademeisterturm. Der Strand liegt im hinteren Teil der Anlage.

Es ist Samstagnachmittag, 30 Grad, trotzdem sind ausgerechnet die sandigen Liegeflächen am Ufer fast leer. Das spricht für diesen Ort, denn das Wort "Traumstrand" kommt meistens in Kombination mit dem Adjektiv "einsam" vor. Also: hinlegen, Augen zu. Aber auch wer die Wasserrutsche und die akkurat gestutzte Wiese mit den ausgebreiteten Badetüchern ausblendet, bekommt die Südsee-Illusion nicht in den Kopf. Es riecht nach Eis und Pommes, Kinder rufen sich gegenseitig Schimpfwörter zu, und der Wind trägt hin und wieder den Geruch von Düngemitteln herüber.

Rechts rattert ein Zug vorbei, und das Einzige, was man rauschen hört, sind die Autos auf dem Ruhrschnellweg nebenan. Ansonsten gibt es alles, was ein Freibad auszeichnet: Gastronomie, Umkleidekabinen, Strandkörbe und Familien mit Kühlboxen - zu viele Zivilisationsspuren.

Ein Platz ohne Druck und Hektik

Mein Idealbild, "The Beach", ist im Roman nur schwimmend zu erreichen, abgeschnitten, ein Raum ohne Zeit. Studenten der Unis Heidelberg, Leipzig und Saarbrücken haben sich in einer wissenschaftlichen Untersuchung dem Phänomen Stadtstrand genähert und herausgefunden, was die Menschen in diesen sandigen Bars suchen. Ergebnis: die Entschleunigung ihres Alltags, einen Platz ohne Druck und Hektik.

Einige Strandbars im Ruhrgebiet, etwa das New Solendo im Dortmunder Hafen, funktionieren ganz anders. Sie sind weniger Oasen der Ruhe, sondern bringen den letzten Mallorca-Urlaub am Ballermann zurück. Hier wehen deutschsprachige Musikfetzen über den Sand, es riecht nach Currywurst und Bier. Andere Strände entsprechen eher den Ergebnissen der geografischen Studie: Die Betreiber beschallen ihr Gelände mit Chill-out-Klängen und unterteilen es in kleine Karrees, um für jeden Besucher ein Stück Privatsphäre in Abgeschiedenheit zu schaffen.

Der nächste Morgen beginnt wieder ohne Landkarte. Aber in der Jugendherberge beschließen vier junge Menschen neben mir einen Ausflug zum Kemnader See. Ist das der entscheidende Hinweis? Kommt er nicht auf einer zerknitterten Karte daher, sondern schnörkellos und direkt? Denkbar wäre es, im Ruhrgebiet.

Im Süden, wo sonst, von Bochum überzeugt der erste Eindruck: Den Kemnader See umgibt ein etwa acht Kilometer langer, geteerter Rundweg, auf dem Radfahrer, Wanderer und Skater ihre Kreise ziehen. Auf dem Wasser verkehren Tretboote, Kajaks und Segler. Es gibt ein Freizeitbad, Beachvolleyball, Tennis und Minigolf - ziemlich viel Trubel für einen Traumstrand.

Palmen und Seeblick

Aber direkt am Ufer liegt auch eine Bar namens Stranddeck mit feinem Sand und einem Pfad aus Holzbohlen für Trägerinnen von High Heels. Hinter der Theke werden erstklassige Cocktails gemixt. Und drum herum: viel Ruhe. Wer für sich sein möchte, stellt seinen Liegestuhl in einen von Palmen umgebenen Winkel. Der Gesang der Meerjungfrauen dringt auch bis dorthin, ab 18 Uhr legt ein DJ live auf. "Sonne und dieser Ausblick auf den See. Die reinste Entspannung", schwärmt die 24-jährige Sarah Pohleder. Sie ist häufig im Ruhrgebiet zum Sonnenbaden unterwegs, das Stranddeck in Bochum-Querenburg ist ihr liebster Ort. Ihre Freundin Agnes Woswitzka, 25, ist ebenso begeistert: "Ich bin erst diese Woche aus Spanien zurückgekommen und hänge jetzt noch ein paar Strandtage dran", sagt sie.

Hier im Liegestuhl, die nackten Füße im Sand, den Strohhalm im Mundwinkel und die Sonne im Gesicht, endet meine Suche. Romanheld Richard scheitert daran, den perfekten Platz am Wasser zu finden. Sein Leben am vermeintlichen Traumstrand wird am Ende zum Alptraum.

Tief im Westen passiert das nicht. Statt zu enttäuschen, überrascht das Strandleben im Ruhrgebiet nur positiv: Es ist zugleich glanzvoll und zauberhaft wie ein Sommermärchen sowie bodenständig und familiär wie ein Picknick im Grünen. Wer im Revier badet, braucht keine Riviera. Und für die letzten paar Kilometer nach Thailand oder in die Karibik: einfach Augen zumachen und träumen.

Aus dem ADAC Reisemagazin "Metropole Ruhr"