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Nachhaltiges Südtirol: Vom Hotelier bis zum Apfelbauern

Foto: Ralf Scholze / srt

Südtiroler Öko-Pioniere Zum Wohl!

Nicht nur den Hotelgästen soll es gut gehen, sondern auch den Zimmermädchen: In Südtirol befolgen Dutzende Unternehmen die Regeln der Gemeinwohl-Ökonomie. Das zwingt die Urlauber manchmal zum Verzicht.

Es gibt keine Cola im ganzen Haus. Im Schwimmbad kann es vorkommen, dass der Feriengast neben dem Zimmermädchen schwimmt. Und wer für die Aufenthaltszeit seinen Autoschlüssel abgibt, der bekommt an der Rezeption ein Geschenk: Das La Perla im Südtiroler Ski- und Bergsteigerort Corvara  gibt sich als das etwas andere Luxushotel.

Schuld daran ist der Hotelier Michil Costa. Der Südtiroler sieht keinen Widerspruch darin, den Gästen seiner zu den "Leading Hotels of the World" gehörigen Herberge freitags einen Veggie Day zuzumuten und über alle wichtigen Entscheidungen die Mitarbeiter abstimmen zu lassen. Demokratie für Manager, Köche und Reinigungskräfte.

Michil Costa ist mit dieser Idee nicht allein. Wie der 54-Jährige mit den bunten Einstecktüchern sind immer mehr Tourismusunternehmer in Südtirol der Meinung, dass zukunftsfähiger Urlaub mehr bieten muss als Wellness-Paläste und iPad-Speisekarte. Sie versuchen, eine am Gemeinwohl orientierte Form des Wirtschaftens einzuführen.

Damit sind sie schon weiter als die Europäische Kommission. Denn die verpflichtet ab Dezember alle börsennotierten Unternehmen ab 500 Mitarbeitern, Rechenschaft über Themen wie Menschenrechte und Nachhaltigkeit abzulegen. Top-Manager könnten dafür mal nach Südtirol sehen. Denn in der kleinen Bergregion sind einige Hoteliers vorgeprescht und leben eine Gemeinwohl-Ökonomie vor.

Ein Punktesystem für das Gemeinwohl

Zum Beispiel am Drumlerhof in Sand in Taufers.  Der sieht mit Wintergarten und hölzernen Stuben nicht anders aus als viele andere Hotelrestaurants in der Gegend. Aber Brot und Käse kommen aus dem Tal, viel sogar vom eigenen Hof. Und wenn es Fleisch gibt, dann wird das ganze Tier verwertet. "Schweine bestehen nun mal nicht nur aus Filet", sagt Besitzer Stefan Fauster. Deshalb bereitet der Koch des Drumlerhofs aus den weniger edlen Teilen Suppenfleisch und Maultaschenfüllung zu. Den Gästen gefällts.

Dass dieses Vorgehen auch der Umwelt und der Gesellschaft nutzt, dessen versichert sich der Drumlerhof regelmäßig schwarz auf weiß. Das Hotel hat sich der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) des Wiener Ökonomen Christian Felber angeschlossen. Dabei wird Erfolg nicht nur in Euro und Cent, sondern auch im Nutzen für alle Beteiligten gemessen. Die jährliche Gemeinwohlbilanz wertet in einem Punktesystem auch das Engagement für Werte wie Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit, Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit.

Dieses künftig von der EU empfohlene System nutzen auch das Hotel La Perla und viele andere: 70 Unternehmen sind es in Südtirol bereits. Viele wurden motiviert vom Terra-Institut in Brixen  und seinem Gründer Günther Reifer. Der sieht gerade erfolgreiche Feriendestinationen wie Südtirol in der Pflicht. Sonst wenden sich die Gäste womöglich bald nachhaltigeren Urlaubsregionen zu: "Jeder Euro ist ein Stimmzettel."

Ananas ja, aber fair gehandelt

Es braucht aber auch die Menschen, die ein solches nachhaltiges Konzept leben. Wie den Landwirt Karl Luggin im Vinschgau. Wenn er aus den Fenstern seines Kandlwaalhofs  schaut, dann kann er die Monotonie der Apfelplantagen sehen: Spaliere, so weit das Auge reicht. Und die entsprechenden Pflanzenspritzmittel.

Das wollte Luggin nicht mehr mitmachen und stellte erst auf Bioanbau um. Dann begann er, seine Produkte selbst im eigenen Hofladen zu verkaufen. Schließlich ergänzte er sein Sortiment um selbstgemachten Essig und Senf. Denn nur wenn der Kreislauf funktioniert, bleibt das Gemeinwohl kein Stückwerk. Nicht beim Hotelier, nicht beim Gastronomen und auch nicht beim Landwirt.

Michil Costa sitzt auf der Terrasse im Garten des La Perla und lässt sich ein Dessert schmecken. Mit echter Vanille. Die gibt es natürlich nicht aus dem Gadertal. Aber man darf die Sache nicht verkniffen sehen, erklärt er. "Wir sind schließlich ein Hotel und kein Kloster." Bananen, Ananas und Kiwi gibt es also seit einer Mitarbeiterabstimmung wieder auf dem Frühstücksbuffet - dann aber bitte fair gehandelt.

Und diese Vanille ist sowieso unproblematisch. Die stammt nämlich aus einem Dorf in Uganda, wo die Familienstiftung der Costas grüne Projekte unterstützt. "Man kann nicht allein die Welt retten", meint der Alpenrebell. "Aber man kann seinen kleinen Teil dazu beitragen."

Hans-Werner Rodrian/srt/abl
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